Vielleicht 20.000 Menschen stehen da vor ihr, Kathrin Oertel hält das Mikro in der Hand, schaut über den Dresdner Platz, über die Menge ihrer Pegida-Mitstreiter, und sagt: "Jetzt etwas ganz Persönliches."

Es könnte nun ein Satz folgen über die Morde von Paris, die toten Charlie-Hebdo-Karikaturisten und die anderen Opfer, eine persönliche Beileidsbekundung für die Angehörigen vielleicht. Schließlich soll das hier ein Trauermarsch sein.

Oertel aber sagt: "Lieber Roland Kaiser." Sofort schallen wütende Buhrufe über den Platz. Roland Kaiser, der in Dresden so viele Fans hat, dass ihn jährlich Zehntausende bei der Kaisermania am Elbufer feiern, hat am Samstag an einer Kundgebung auch gegen Pegida teilgenommen. Er sagte dort: "Die Zeit der Sündenböcke sollte der Vergangenheit angehören." Jetzt hat er viele Verehrer und Verehrerinnen verloren, darunter Oertel.

Es gehört zu den verdrehten Merkwürdigkeiten dieses Pegida-Montags in Dresden, dass die enttäuschte Liebe zu einem Schlagersänger die heftigsten Reaktionen hervorruft. "Seit Jahren verfolge ich Ihre Musik und ich war", sagt Oertel, "ja, ich war ein sehr großer Fan von Ihnen". Sie hätte, sagt sie, mehr Rückgrat erwartet, denn "Ihre Konzerte, wir zahlen dafür, dann können wir auch Neutralität uns gegenüber erwarten". Sie bezahlen ihn ja schließlich fürs Singen und nicht dafür, eine Meinung zu haben. Das ist die Logik hier. Die Logik derjenigen, die so stolz ihre eigene politische Meinung durch Dresden spazieren tragen.

Die Frage ist: Wie unschuldig ist Trauer?

Zum zwölften Mal geht Pegida an diesem Montagabend auf die Straße, wieder sammeln sich auch etliche Gegendemonstrationen, das Ganze ist längst auf eine verquere Art eingespielt, routiniert. Jeder hat seine Rolle gefunden. Und doch ist seit den Attentaten von Paris alles noch vertrackter geworden. Es geht nicht mehr nur um die Frage, was noch Dialog ist und was Konfrontation, und darum, wann was angemessener ist. Es geht nun auch noch darum, wie unschuldig Trauer ist.

"Wir schweigen in Trauer und Demut und in Solidarität mit den Familien der französischen Redakteure, die jetzt erste Opfer wurden", hatte Pegida nach den Attentaten erklärt und ihr Logo in eine schwarze Trauerbinde umgestaltet. "Wir schweigen und werden am Montag wieder spazieren gehen: schweigend und mit einem Trauerflor!" Daraufhin hatten ihnen mehrere Politiker vorgeworfen, die Toten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, was wiederum Pegida eine perfide Unterstellung fand. Am Sonntag erklärten dann französische Karikaturisten: Die Vereinnahmung dieser Morde durch Kräfte, die das Gegenteil von dem repräsentierten, "für das unsere Freunde zeitlebens warben, gleicht einer Grabschändung. Pegida steht für all das, was sie durch ihr Werk und ihr Leben bekämpften". Und dann, knapp und klar: "Pegida, verschwinde!"

Sie sind natürlich nicht verschwunden, aber sehr vorsichtig sind sie doch. Am Anfang noch sagt Lutz Bachmann, ein Organisator neben Oertel, die Anschläge seien ein "weiterer Beweis für die Daseinsberechtigung von Pegida". Aber das war's dann auch fast mit direkten Bezügen. Eine Frankreich-Flagge weht einsam im schwarz-rot-goldenen Meer, ein paar andere Flaggenstangen sind schwarz angemalt und irgendwer hat irgendwo auch ein "Je suis Charlie"-Plakat gesehen, heißt es. Von den schwarzen Trauerbinden, die die Organisatoren zu tragen empfohlen hatten, ist keine einzige zu sehen.

Konfrontationen zwischen Anhängern und Gegnern

Vielleicht verträgt sich Trauer einfach nicht gut mit der beleidigten Entschlossenheit, der Grundstimmung bei Pegida. Wer wütend ist, will nicht schweigen, sondern seine Wut herausschreien. "Lügenpresse, Lügenpresse!", rufen sie wieder, und Organisator Bachmann bittet: "Nein, heute nicht."

Doch auch er schafft nicht, dass es still bleibt beim anschließenden Spaziergang durch die Stadt. Das liegt allerdings nicht nur an den Pegida-Anhängern selbst, sondern auch an ihren Gegnern. Alle paar Hundert Meter stehen sie in kleinen Gruppen in den Seitenstraßen und schimpfen auf das "Faschistenpack", und dann schimpfen die Muskulösesten und Lautesten von der Pegida-Seite zurück. Die mit den schwarzen Kapuzen, den schwarzen Hosen und Schuhen. Einmal rennt eine Gruppe Linker, die meisten Jugendliche, über einen abgesperrten Parkplatz auf den Pegida-Zug zu, nur ein Bauzaun stoppt sie. "Alerta, Alerta", ruft die eine Seite, "Ahu, Ahu", ertönt der Schlachtruf der Hooligans bei Pegida. Eine Plastikflasche fliegt herüber und viele Beleidigungen, dann läuft ein Trupp Polizisten heran und stellt sich dazwischen.