Es sind nicht die Jungen, die jeden Montag gegen die "Islamisierung" demonstrieren. © Thomas Lohnes/Getty Images

Mein Onkel findet, es gebe zu viele Muslime in Deutschland. Er findet, die Islamisierung Europas sei eine ernstzunehmende Gefahr für die deutsche Zukunft. Und dass man die Zuwanderung begrenzen müsse, bevor wir von Flüchtlingen überrollt werden.

Ich finde, mein Onkel ist eine ernstzunehmende Gefahr für meine Zukunft.

Ich bin 20. Mein Onkel ist Ende 40. In zwanzig Jahren werde ich seine Rente bezahlen müssen. Dann wird nicht mehr ein Rentner auf zwei Beitragszahler kommen, wie es jetzt ist. Sondern ein Rentner auf einen Beitragszahler. Dieser Beitragszahler werde ich sein. Und jetzt erzählt mir mein Onkel, er wolle noch schnell die Zuwanderung begrenzen? Und damit die einzigen, die mir helfen könnten, seine Rente zu bezahlen, aus Deutschland fernhalten? "Ich habe ja nichts gegen ältere Menschen", sage ich. "Aber sie sollen bitte nicht mit ihrem Rassismus unsere Sozialsysteme belasten."

Die Pegida-Demonstranten haben Angst vor dem Islam, Sarrazin hat Angst vor kriminellen Ausländern und eine ganze Generation von Stammtisch-Deutschen hat Angst um ihre Kultur. Das ist bedauerlich. Aber ich habe auch Angst: Angst, dass meine Freunde und ich in zwanzig Jahren nicht genug Geld haben, um die Rente unserer Eltern zu bezahlen. Der Unterschied zwischen unseren Ängsten ist: Meine lässt sich belegen.

Deutschland sucht Fachkräfte – Flüchtlinge starren die Wand an

Der "demografische Wandel" ist so ein Schlagwort, mit dem ich aufgewachsen bin. Im Wirtschaftsunterricht haben wir ausführlich darüber gesprochen. Wir haben Karikaturen zum Thema analysiert und Statistiken ausgewertet. Und gelernt: Es gibt viel mehr alte als junge Menschen in Deutschland. Das wird zum Problem werden, wenn die alten Menschen in Rente gehen und wir, die jungen, ihre Pflege finanzieren müssen. So weit, so logisch.

Den kleinen Bruder des demografischen Wandels, den Fachkräftemangel, treffe ich jetzt häufig in der Zeitung wieder. Die FAZ berichtet von einem Arzneimittelhersteller, der neuerdings Bäcker umschult, weil er nicht genug Chemikanten findet. Gefühlt alle fünf Tage gibt es Konferenzen zum Thema und in der Welt fordert BA-Chef Weise, dass die Menschen doch bitte freiwillig arbeiten sollen, bis sie 70 sind. Dabei sind die Babyboomer gerade mal Anfang 50.

Wir suchen also händeringend nach Fachkräften. Aber in deutschen Flüchtlingslagern sitzen Tausende motivierte junge Menschen und starren die Wand an, weil sie keine Arbeitserlaubnis bekommen. Weil sich ja in drei Jahren herausstellen könnte, dass sie Wirtschaftsflüchtlinge sind. Und Wirtschaftsflüchtlinge wollen wir nicht, da geht es ums Prinzip, lieber bleiben wir arbeitskräftelos.

Mustafa könnte einen kinderlosen Rassisten finanzieren

Ich habe einen Freund, Mustafa heißt er. Mustafa ist vor vier Jahren von Afghanistan nach Deutschland geflohen. Nach nur anderthalb Jahren hat er hier seinen Hauptschulabschluss mit einem Schnitt von 1,8 gemacht. Mustafa würde gerne Arzt werden. Aber weil er permanent von der Abschiebung bedroht ist, macht er lieber eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Während der Ausbildungszeit wird man nämlich für gewöhnlich nicht abgeschoben – während der Schulzeit schon.

Mustafa ist so alt wie ich. Er könnte eines Tages das Altersheim für einen der kinderlosen deutschen Rassisten finanzieren – aber die demonstrieren lieber dafür, ihn vorher aus dem Land zu schmeißen.

Und ich sage bewusst "die". Nicht "wir". Denn es ist nicht meine Generation, die allmontäglich gegen eine "Islamisierung" aufmarschiert und sich in Talkshows und Zeitungen über "Integrationsprobleme" und die "Asylschwemme" auslässt. Persönlich kenne ich niemanden in meinem Alter, der Probleme mit Muslimen hat. Der Grund dafür ist: Wir wissen, wovon wir reden.

Keinen Kontakt zu Zuwanderern

Natürlich, auch in früheren Generationen gab es Zuwanderung. Aber diese Zuwanderer sind als Erwachsene nach Deutschland gekommen. Leute wie mein Onkel, so stelle ich mir das vor, haben in den 1990ern hin und wieder einen muslimischen Gastarbeiter in der Autowerkstatt getroffen und ihn misstrauisch beäugt. Und seither erzählen sie sich gegenseitig, dass die alle kriminell seien. Und beschließen, sie besser nicht in ihrem Betrieb einzustellen. Nach einer Unternehmensbefragung bilden nur 15 Prozent aller Betriebe Jugendliche mit Migrationshintergrund aus.

Das ist bei uns anders: Wir wachsen gemeinsam auf. In jeder Schulklasse finden sich heute ein paar Muslime, in jedem Freundeskreis, in jedem Fußballverein. Wir wissen: Wenn ich einen gläubigen Muslim treffe, ist die größte Gefahr, dass der keine Schweinehaxe mitessen will. Ein Problem, dessen Dramatik sich in überschaubaren Grenzen hält – nicht zuletzt angesichts der hohen Vegetarierzahl in meinem Freundeskreis. Kein Wunder, dass nach dem "Religionsmonitor" der Stiftung Bertelsmann von den 16 bis 24-Jährigen knapp 30 Prozent den Islam bedrohlich finden, von den 40 bis 54-Jährigen aber mehr als 60 Prozent.

Liebe Generationen über mir, ihr habt Angst um unsere Sozialsysteme? Ich auch. Ihr wollt eine Zukunft für die deutsche Jugend? Ich auch. Also: Schließen wir uns doch zusammen. Verhindern wir, dass ihr arbeiten müsst, bis ihr 90 seid, verhindern wir, dass mich eure Rente arm macht. Gehen wir gemeinsam auf die Straße: Fordern wir Ausbildungsplätze für Wirtschaftsflüchtlinge.