Sein Optimismus war einmalig, und ansteckend war er auch. Ulrich Beck war die Zuversicht persönlich, geradezu anthropologisch grundiert. Er war überzeugt, dass Aufklärung wirkt. Grau ist alle Theorie? Ganz gewiss nicht bei diesem Soziologen, einer Ausnahmegestalt in seiner Zunft. 2009 wurde er in München emeritiert, in London und Harvard unterrichtete er weiter. Im Alter von siebzig Jahren ist er nun gestorben.  

Plötzlich, inmitten der 1980er Jahre, stand diese stets gutgelaunte, strahlend-imposante Figur auf der Bühne, ähnlich wie einst Ralf Dahrendorf zwanzig Jahre zuvor. Er war einer, dem man einfach zuhören und dessen Texte man lesen musste, wenn man die Welt der Moderne verstehen wollte. Gerade als Journalist! Ähnlich wie der Sozialphilosoph Jürgen Habermas – mit dem er sich später befreundete – verkörperte er jene Generation und Epoche, in der die Soziologie noch als Leitwissenschaft galt.     

Wer wissen will, wer er ist, war, und wie sich der enorme Einfluss von jemandem erklären lässt, der doch im engen Sinne gar keine Schule mit Schülern gründete, kann heute noch sein Buch unter dem programmatischen Titel Risikogesellschaft zur Hand nehmen. Geschrieben wurde es vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, publiziert unmittelbar danach. Verstehen konnte man es fortan nicht nur als Buch zur Stunde, das auf genaue Weise vorwegnahm, wie sich die Menschheit in ihrer Fortschrittsseligkeit und -blindheit an den Rand des Abgrunds bewegt. 

Becks bleibendes Kunststück bestand vielmehr darin, sich nicht apokalyptisch der Zukunft zu verweigern. Mit Engelszungen, man muss es so sagen, versuchte er uns davon zu überzeugen, dass uns in solchen Risiken das andere Gesicht der Moderne begegnet – unser ständiger Begleiter in alle Zukünfte. Aus seiner Sicht gab es aber keinen Grund, deswegen die Flinte ins Korn zu werfen. Es kam auf die richtige Einstellung zum Risiko an. Die "reflexive Moderne", wie Beck sie nennen sollte, war geboren. Es wird so bleiben, wurde er nicht müde zu predigen: Wir müssten uns einrichten auf eine Ambivalenz der technisch-wissenschaftlichen Welt. Immer aber war er sich gewiss, dass darin auch eine Chance zur Selbstbestimmung stecke.    

Schon im Vorwort zu diesem Buch kam er selbst auf das Glitzern des Starnberger Sees zu sprechen. Dorthin hatte er sich zurückgezogen, um die Risikogesellschaft zu Papier zu bringen, und dort erreichte man ihn auch später oft, wenn er Abstand vom ewig überfüllten Seminar in München und aus Schwabing nehmen und Schwarz auf Weiß und in Begriffen die Realität zu fassen und zu erklären und festzuhalten suchte, wie er sie wahrnahm. 

Mit aufgekrempelten Ärmeln in die Debatte

Von diesem Glitzern blieb immer etwas. Zu spüren bekamen das selbst seine schärfsten Kritiker, denen er nicht theoretisch, analytisch, stringent genug war – und die er entwaffnete, indem er sich mit Lust und Witz und Selbstironie und aufgekrempelten Ärmeln in jede Debatte stürzte. Wer unter seinen Professorenkollegen hätte je soviel Vergnügen aus den Einwänden, Vorbehalten, Gegenargumenten  der Studentinnen oder Studenten sowie der akademischen Widersacher geschöpft wie er? Ich wüsste auch niemanden, von dem ich als Journalist ähnlich oft hören wollte, wie er die Welt sieht. Nicht, weil er sie ex cathedra zu verstehen vorgab, sondern weil er selber ein Suchender war.   

Mit seinen zahllosen Büchern und Einmischungen aller Art ging es ihm immer wieder neu darum, sich und uns den Blick zu öffnen für das wirklich Neue in unseren westlichen, wohlhabenden, "modernen" Gesellschaften: Sein Befund von der Risikogesellschaft beschrieb bereits einen gewaltigen Paradigmenwechsel. Nicht mehr die klassischen Konflikte von Kapital und Arbeit sowie Umverteilungsfragen standen für ihn im Zentrum, sondern die ökologischen Fragen der künftigen Lebenswelt, die erschöpften Naturressourcen, die verborgenen Seiten eines vermeintlich linearen naturwissenschaftlich-medizinischen Fortschritts.

Er suchte, in seinen Worten, "Gegengifte" gegen die Gifte der Moderne. Die individualisierte Gesellschaft diagnostizierte er, nicht um die Arme kulturpessimistisch zu verschränken. Er wollte Wege auskundschaften, die nicht in Atomisierung moderner Gesellschaften münden, sondern die jedem von uns Selbstbehauptung erlauben. So konnte er geradezu schwärmen von "Bastelbiografien" berufstätiger Ehepaare, die ihren Karrieren nachgehen und in der Weltgeschichte herumfliegen, aber sich und ihre Liebe nicht aus den Augen verlieren.

Manchmal, nein, sehr oft meinte man, ihn selber und seine Frau, Elisabeth Beck-Gernsheim, gleichfalls eine Soziologin, darin wiederzuerkennen. Seine Antwort auf die Globalisierung lautete dementsprechend auch nicht, man solle sich ihr verweigern. Er suchte, sie zu verstehen, um sie kontrollieren zu können – daher sein "kosmopolitisches Projekt". Dazu allerdings musste seine eigene Zunft endlich ihren "methodischen Nationalismus" begraben, wie er forderte.