Die Schulfrage: Ich bin Lehrer – und ziemlich verunsichert. Wenn es nach meiner Schulbehörde ginge, dürfte ich die Schüler kaum direkt unterrichten. Sie sollen die geforderten Kompetenzen weitgehend eigenständig erarbeiten. Mir scheint aber, dass meine Klassen am effektivsten vorankommen, wenn ich das Lernen in der Gruppe wie auch bei jedem Einzelnen selbst steuere. Bin ich betriebsblind oder einfach nur altmodisch?


Vermutlich sind Sie einfach unerschrocken praxisorientiert – und damit ein Stück weit avantgardistisch. Ihre Beobachtung spiegelt jedenfalls das wider, was für die Unterrichtsforschung mittlerweile außer Frage steht – und irgendwann auch in die letzte Amtsstube durchsickern muss: Dass nämlich der Lernerfolg der Schüler vor allem von den Führungs- und Beziehungsqualitäten der Lehrperson abhängt. Selbständigkeit ist das Ziel aller Bildung – der Weg dahin indes braucht viel kognitive Aktivierung und feinfühlige Lenkung.

Anhängern eines smart learning mag dieser Befund sauer aufstoßen. Es klang aber auch zu schön: Dass es Kindern am besten tue, wenn der Lehrer sich auf freundliche Begleitung beschränke, nur Moderator von Lerngelegenheiten sei. Dass es die Eigenverantwortlichkeit junger Menschen fördere, ihrer Individualität entgegenkomme, wenn sie ihre "eigenen Lernwege finden", ihre "Lernbiographie selbst gestalten" könnten. Ähnlich anmutig wie der Werbeslogan für ein neues Erfrischungsgetränk: "Du entscheidest selbst, wann Sommer ist". Narziss fühlt sich gebauchpinselt, das Ich triumphiert.
Nur liegt die Tücke eben im Detail. Abiturienten mag pädagogische Zurückhaltung beflügeln, Pubertierende aber verlieren dabei wichtige Orientierung – und mancher Schulanfänger prägende Anfangsjahre. Zu viel Freiarbeit, zu frühe Individualisierung – das führt schnell dazu, dass Kinder sich allein gelassen fühlen und zu oberflächlich lernen. Besonders pikant: Die pädagogische Selbstlerneuphorie geht gerade zu Lasten der schwächeren Schüler, von denen man angeblich doch "jeden mitnehmen", "keinen zurücklassen" möchte (Schereneffekt).

Der schulische Selbständigkeitstrend bedeutet für viele Heranwachsende nämlich weniger Freiheit als Überforderung und Verarmung. Denn ihr menschliches Gegenüber, der bildende Erzieher, kann in einer Weise Echo, Ermutigung und Herausforderung verkörpern, wie dies Arbeitsblätter oder Aufgabenkataloge niemals vermögen – und auch kein gleichaltriger Mitschüler. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist ein anderer Mensch, sagt Joachim Bauer. Gerade in der Pubertät wollen Paula oder Paul spüren, dass sie dem Erwachsenen als Einzelne etwas wert sind – nicht als Nummer in einer Liste von Lernameisen. Dann mögen sie sich auch für ein uninteressantes Fach erwärmen, stellen sich auch einer anstrengenden Aufgabe, akzeptieren auch eine schlechte Note.

Selbstständigkeit durch Selbstständigkeit lernen?

Natürlich ist der Gedanke verführerisch, dass sich Selbstständigkeit am besten durch Selbstständigkeit erreichen lasse. Und sei es, weil man als Lehrer gerne von den täglichen Disziplin- und Motivationsmühen entlastet wäre. Aber im Licht der Forschung erweist sich derlei erzieherisches Münchhausentum als Selbsttäuschung, als gedanklicher Kurzschluss, ist letztlich pädagogischer Kitsch. In Bildungs- und Erziehungsfragen ist der Weg eben nicht das Ziel – und er ist auch nicht linear. Eine Schlüsselqualifikation wie Selbstmanagement erfordert einen langen Vorlauf – mit viel sorgfältiger Anleitung und vielfältiger Übung, der Erfahrung und Erweiterung eigener Kompetenz sowie der Reflektion über erfolgreiches Lernen.

Sicher: Ohne das "Selbst" der Schüler geht gar nichts – aber dieses ist eben auch bei einer spannenden Erzählung des Lehrers beteiligt, bei einer interessanten Erklärung, bei einer humorvoll oder ernst gelenkten Plenumsdebatte. Deshalb ist das Prinzip Direkte Instruktion (direct teaching) so effizient wie motivierend: Weil es kein nervtötender Paukermonolog ist, sondern ein dynamischer Wechsel von Anknüpfen an Bekanntem, gemeinsamem Erschließen und individuellem Erproben von Neuem, Austausch und Vernetzung im Plenum, sowie abschließendem Training in Eigenregie oder in Kleingruppen.

Nicht, dass Sie das als Plädoyer für vorschnelle Selbstzufriedenheit missverstehen. Der eine Lehrer macht zu viel langweiligen Frontalunterricht, der andere zu oft ineffektive Freiarbeit, ein dritter zu häufig Gruppenarbeit auf banalem Niveau. Ein angemessener Mix – mit jeweils hochwertigen Anteilen – bleibt eine beständige Aufgabe für uns Lehrer.