Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und hier seine Website.

Mein Thema in dieser und der kommenden Woche ist die lebenslange Freiheitsstrafe. Anlass dafür ist die Debatte um eine Neuformulierung der Tatbestände von Mord und Totschlag (§§ 211, 212, 213 Strafgesetzbuch). Lebenslange Freiheitsstrafe wird im deutschen Strafgesetzbuch zurzeit für 22 verschiedene Taten angedroht, im deutschen Völkerstrafgesetzbuch für weitere sechs Taten, insgesamt also bei 28 Delikten. In 27 Fällen ist die Androhung eingeschränkt, entweder durch eine Auswahlmöglichkeit zwischen lebenslanger und zeitig begrenzter Strafe oder durch Strafrahmen für sogenannte minder schwere Fälle. "Absolut", das heißt zwingend und ohne jede Milderungs- oder Ausweichmöglichkeit, ist lebenslange Freiheitsstrafe nur bei einer Straftat zu verhängen: bei Mord.

Darüber, ob lebenslange Freiheitsstrafe verfassungsgemäß, erforderlich, angemessen und nützlich ist, wird seit langem gestritten. Die angestrebte Neuregelung der Tötungsdelikte gibt mir Anlass, in dieser Kolumne einmal darauf einzugehen.

In diesem ersten Teil will ich die lebenslange Freiheitsstrafe zunächst ein wenig strafrechtsgeschichtlich einordnen. Im zweiten Teil folgt die Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen.

Teil 1: Über den Körper, die Qual und die Zeit

Erinnerung

In der Einleitung seines 1971 veröffentlichten berühmten Buchs Überwachen und Strafen gibt der französische Sozialphilosoph Michel Foucault die Schilderung der Verurteilung und Hinrichtung des Vatermörders Damien wieder. Das Ereignis fand in Paris statt, im Jahr 1757 – also vor gerade einmal 260 Jahren. 

Das Urteil lautete: Der Verurteilte "soll vor dem Haupttor der Kirche von Paris öffentliche Abbitte tun. Dorthin soll er mit einem Karren gefahren werden, nackt bis auf ein Hemd und eine brennende zwei Pfund schwere Wachsfackel in der Hand; auf dem Grève-Platz soll er dann in einem dort errichteten Gerüst an den Brustwarzen, Armen, Oberschenkeln und Waden mit glühenden Zangen gezwickt werden. Seine rechte Hand soll das Messer halten, mit dem er den Vatermord begangen hatte, und mit Schwefelfeuer gebrannt werden, und auf die mit Zangen gezwickten Stellen sollen geschmolzenes Blei, siedendes Öl, brennendes Pechharz und mit Schwefel geschmolzenes Wachs gegossen werden. Dann soll sein Körper von vier Pferden auseinandergezogen und zergliedert werden. Seine Glieder und sein Körper sollen vom Feuer verzehrt, seine Asche in die Winde gestreut werden."

Über den von Mühsal und Pannen begleiteten Vollzug des Urteils teilt das Protokoll mit: "Obwohl der Scharfrichter kräftig und robust war, hatte er große Mühe, die Fleischstücke mit seiner Zange loszureißen; er musste jeweils zwei- oder dreimal ansetzen und drehen und winden. Bei diesem Zangenreißen schrie Damien sehr laut, ohne freilich zu lästern. Danach hob er sein Haupt und besah sich. Derselbe Scharfrichter nahm nun mit einem Eisenlöffel aus einem Topf die siedende Flüssigkeit, die er auf jede Wunde goss. (…) Die Vierteilung war sehr langwierig, weil die verwendeten Pferde ans Ziehen nicht gewöhnt waren. Man musste, um die Schenkel des Unglücklichen abzutrennen, ihm die Sehnen durchschneiden… Bei jeder Peinigung schrie er so unbeschreiblich: ‚Verzeihung, mein Gott!, Verzeihung, Herr!‘... Die Scharfrichter standen beisammen, und Damien sagte ihnen, sie sollten nicht lästern, sie sollten ihre Arbeit tun, er sei ihnen nicht böse (…) Die Fleischstücke und der Rumpf brannten ungefähr vier Stunden lang."

So war das, Bürgerinnen und Bürger, liebe Leserinnen und Leser! An der geschilderten Zeremonie nahmen teil: Kirchenväter, die den Verurteilten während des Vollzugs küssten, die Obrigkeit, welche die Ordnung des Verfahrens obwaltete, und eine Menge Volk. Unter diesem standen unsere Vorfahren und Verwandten in der zurückgerechnet etwa achten Generation. Ihr Ur-ur-ur-Urgroßvater könnte dabei gewesen sein.

Was da anschaulich geschildert wird, war nicht etwa ein Stück aus der sogenannten "Barbarei", und auch nicht das sogenannte "Mittelalter". Es war vielmehr unsere Zeit, die Neuzeit: Triumph der Vernunft, Anerkennung des Menschen als selbstverantwortlicher Gestalter seines Schicksals. Viele gebildete Menschen hatten lange darüber nachgegrübelt und sich genau dies als Antlitz der Moderne ausgedacht. Bei der Vollstreckung des Urteils ging es so ordentlich zu wie in einer zertifizierten Schweineschlachtfabrik. 

Vernichtung

Warum erzähle ich Ihnen zum Auftakt eines Beitrags über die lebenslange Freiheitsstrafe von der Todesstrafe? Ich nenne vorerst drei Gründe:

Ein erster, pessimistischer Grund ist die Vergesslichkeit der Menschen, die das jeweils Gegebene so lange für das "Richtige" halten, bis es nicht mehr geht. Sie folgen ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit mit rührender Ergebenheit bis über jede erträgliche Grenze hinaus, solange ihnen jemand aus den oberen Rängen Fleischbrocken (alternativ: vegane Cheeseburger) oder Geilheiten (alternativ: Empörbarkeiten) oder auch nur ein vages Versprechen auf etwas davon zuwirft.  

Ein zweiter, demütiger Grund ist die Langsamkeit der Zeit. Manche Vorstellungen und Erinnerungen überdauern tausend Jahre oder mehr, als ob nichts sich bewege. Sie lauern für immer an den Luftwurzeln unserer Gefühle, wie die Zecken an den Gräsern der Sommerwiesen. Mächtige Motive stecken in unseren großen Geistern als Echo unserer anthropologischen Vorfahren: Rache! Vernichtung! Unterwerfung! 

Ein dritter Grund ist empirisch: Selbst in der Hochzeit der Körperstrafen – in einer Zeit also, die in der heutigen Erinnerung der Massen als pure Finsternis erscheint und nur im Märchen noch emporsteigt, als Mitte des 17. Jahrhunderts die Hälfte der mitteleuropäischen Bevölkerung von Krieg, Hunger und Krankheit vernichtet war und mehr als ein Drittel der Überlebenden "Fahrendes Volk" – selbst da, so schätzt man, erlebte jeder Einwohner durchschnittlich nur ein- oder zweimal im Leben eine öffentliche Hinrichtung.