Unterstützung aus der Mitte der Gesellschaft: Teilnehmer der revolutionären 1.Mai-Demo demonstrieren 2014 in Berlin-Kreuzberg für ein anderes politisches System. © Florian Schuh/dpa

ZEIT ONLINE: Hat Deutschland ein Problem mit Linksextremismus?

Klaus Schroeder: Nein. Der Linksextremismus ist keine Bedrohung, aber er ist vorhanden und viele Versatzstücke eines linksextremen Denkens sind in der Mehrheitsbevölkerung angekommen – ohne dass diese es als linksextrem assoziieren würde. Was mich aber schockiert hat, ist die gestiegene Zahl links motivierter Gewalttaten seit Anfang des neuen Jahrtausends. In der öffentlichen Wahrnehmung werden diese Gewalttaten auch unterschätzt, da der Verfassungsschutz zwischen links und linksextrem motivierten Gewalttaten unterscheidet und die links motivierten Taten in der detaillierten Betrachtung außen vor lässt.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie die Ausbreitung linksextremistischen Denkens fest?

Schroeder: Wir haben die Aussagen von linksextremen Gruppen in ihrer ganzen Bandbreite ausgewertet, also von Autonomen über marxistisch-leninistische Strömungen bis hin zu Trotzkisten. Aus diesen Einstellungen haben wir dann eine Linksextremismus-Skala gebildet, analog zur Rechtsextremismus-Skala, die verschiedene Aspekte abfragt. Da es bislang keine Forschung dazu gibt, sind wir Pioniere. Das hat uns auch gewisse Schwierigkeiten bereitet. Am Ende hatten wir, mithilfe von infratest dimap, eine Skala von 20 Fragen: Als linksextrem gilt jemand, der 15 bis 20 Fragen zustimmend beantwortet. Wenn jemand also nur vier oder fünf Fragen entsprechend beantwortet, ist er kein Linksextremist. 

ZEIT ONLINE: "Einzelne Aspekte eines linksextremen Einstellungsmusters finden in der Bevölkerung erstaunliche Zustimmung", schreiben sie. Und führen dann als Beispiele auch die Wahrnehmung tief verwurzelter Ausländerfeindlichkeit oder eines zu großen Einflusses der Wirtschaft an. Solche Sorgen sind aber nicht gleich linksextremistisch?

Schroeder: Nein. Aber wenn sie gleichzeitig sagen, der Kapitalismus führe automatisch zum Faschismus, sie die Demokratie ablehnen und die ganze Bandbreite an entsprechenden Antworten aufweisen, lässt sich eine Einstellung erkennen. Nicht die Antwort auf die einzelne Frage ist also entscheidend, sondern ob es ein Muster gibt. Tief verwurzelte Ausländerfeindlichkeit zum Beispiel beobachten fast 50 Prozent unserer Befragten. Ein harter Linksextremist geht aber weiter und sagt: Die deutsche Ausländerpolitik ist rassistisch. Dieser Ansicht sind aber nur neun Prozent. Oder es kann zu Überschneidungen mit rechtsextremen Einstellungen kommen, wie bei der von Medien aufgegriffenen Ansicht von fast 20 Prozent, dass wir eine Revolution bräuchten.

ZEIT ONLINE: In ihrer Studie waren das am Ende vier Prozent, die ein solches geschlossenes linksextremistisches Weltbild aufweisen. Insgesamt sehen sie aber ein "linksextremes Potenzial" von 17 Prozent, weil viel mehr Menschen einzelnen Aspekten zustimmen würden.

Schroeder: Diese 13 Prozent haben mehr als 50 Prozent der Aussagen zugestimmt, sie haben also ein überwiegend linksextremistisches Weltbild, kein geschlossenes. An einer Trennlinie zwischen linksradikal und linksextrem würden wir diese Menschen als linksradikal bezeichnen. Im Kern sind es aber nur vier Prozent, das Potenzial bezieht sich auf eine weit gefasste Definition des Begriffs.

ZEIT ONLINE: Wo ziehen Sie denn eine Trennlinie, etwa zwischen Linksradikalismus und -extremismus? 

Schroeder: Wenn die pluralistische Demokratie abgelehnt wird, ist für uns Feierabend. Wenn jemand mit guten Argumenten nur den Kapitalismus überwinden will, mag er radikal sein, aber ist eben kein Extremist. Was uns bei dem Begriff des Extremismus sehr wichtig war: Er hat seine Schwächen und ist ein sehr relativer Begriff, der immer aus der Perspektive des gegebenen Systems formuliert ist. Im Nationalsozialismus oder in der DDR galten beispielsweise Demokraten als Extremisten. Und auch die Mitte kann extremistisch werden, etwa wenn sie keine Kritik mehr zulässt oder Andersdenkende in die Ecke stellt, die im Rahmen der Verfassung agieren. Zugespitzt wird die Mitte extremistisch, wenn sie etwas für alternativlos erklärt, ohne jetzt Angela Merkel Extremismus unterstellen zu wollen. In einer offenen Gesellschaft gibt es immer Alternativen, die diskutiert werden müssen.

ZEIT ONLINE: In der medialen Wahrnehmung ihrer Studie wird trotz ihrer Entwarnung die Botschaft transportiert, es gebe ein großes Problem mit linksextremen Einstellungen. Was zeigt ihre Studie stattdessen?