Schroeder: Unsere Ergebnisse sind vor einer Verkürzung durch Medien nicht gefeit. Die einzelnen Aussagen drücken eine große Unzufriedenheit aus. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass 16 Prozent dem Satz zustimmen, Kapitalismus führe letztlich zu Faschismus. Oder dass 18 Prozent die Gefahr eines neuen Faschismus sehen. Das hat mich überrascht. Unsere Studie zeigt insgesamt: Es gibt ein großes Unbehagen in unserer Gesellschaft. Sie und ihre Verantwortlichen müssen viel mehr um die politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung kämpfen und dafür werben. Denn sie kann jederzeit kippen, nach rechts oder links. Aus dieser Unzufriedenheit, die im Osten dramatisch höher ist, speist sich vieles, nicht nur der Linksextremismus. In einem nächsten Schritt werden wir deshalb untersuchen, wo Links- und Rechtsextremisten sich in ihren Einstellungen überschneiden. Ich glaube zum Beispiel, dass die Rechtsextremisten genauso kapitalismuskritisch sind wie die Linksextremisten, oder sie genauso die pluralistische Demokratie ablehnen. Sie unterscheiden sich dann aber sehr grundlegend in ihren Motiven und Zielen: Die einen wollen die Klassengesellschaft abschaffen, die anderen einen völkischen Staat errichten.

ZEIT ONLINE: Fast die Hälfte der Befragten findet Ihrer Studie zufolge das staatliche Gewaltmonopol nicht unbedingt schützenswert.

Schroeder: Dieses Ergebnis hat uns am meisten überrascht. Wir haben auch keine plausible Erklärung dafür, außer einem gewissen Unbehagen durch Vorfälle wie Stuttgart 21 und anderer Polizeieinsätze. Ich glaube aber auch, wenn man das genauer diskutieren würde, diese Ablehnung bröckeln würde. Aber es ist ein Phänomen. Und eigentlich müssten sich die Linksextremisten über unsere Ergebnisse freuen.

ZEIT ONLINE: Wieso das?

Schroeder: Weil sich gezeigt hat, wie viel Zustimmung die Linksextremisten in einzelnen Bereichen haben. Dass zum Beispiel 33 Prozent alle Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen wollen, hätte ich nie für möglich gehalten.

ZEIT ONLINE: Könnte Ihre Studie im Fazit auch dafür stehen, dass die deutsche Gesellschaft insgesamt nach links gerückt ist?

Schroeder: Ja, nicht so sehr, dass man sagen könnte: linksradikal oder linksextrem. Aber generell ist die Gesellschaft nach links gerückt und die Parteien auch. In diese Lücke ist die AfD ja hineingestoßen. Es gibt eben einen gewissen Zeitgeist, der mit Willy Brandt schon einmal nach links gerückt war, mit Helmut Kohl dann eher nach rechts. Und jetzt mit Merkel eben deutlich nach links. Die Leute denken dann zwar links, wählen aber trotzdem Merkel.