Beim Event "Women who inspire" vom Canadian Council of Muslim Women in Toronto © Lucas Oleniuk/Toronto Star via Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Schmidtke, Sie lehren in Kanada, dem Land, das viele Politiker in Deutschland als Vorbild für gelungene Einwanderungspolitik zitieren. Wie schauen Sie von Kanada aus auf die deutsche Debatte?

Oliver Schmidtke: Kanada stand historisch betrachtet vor rund 50 Jahren vor einer ähnlichen Situation wie Deutschland heute. Das Land war zwar schon immer eine Einwanderungsgesellschaft, anders als die Deutsche. Aber bis in die sechziger Jahre hat man im Prinzip nur weiße Migranten angeworben. Danach hat sich das Land modernisiert und man brauchte dringend mehr Arbeitskräfte – unabhängig von ihrer Herkunft. Deutschland steht heute vor ähnlichen Herausforderungen.

ZEIT ONLINE: Was können wir von den kanadischen Erfahrungen lernen?

Schmidtke: Kanada hat mithilfe seines Punktesystems sehr viele, vor allem junge Menschen mit guter Ausbildung, beruflichen Fähigkeiten und Sprachkompetenzen eingebürgert. Gleichzeitig hat das Land sich mit einer Kultur des Multikulturalismus radikal neu erfunden. Auch Deutschland ist heute viel offener gegenüber Einwanderern und hat mit dem Immigrationsgesetz schon viel erreicht. Warum nicht noch ein bisschen mehr Mut zeigen?

ZEIT ONLINE: Die Idee des Multikulturalismus gilt in Deutschland als gescheitert. Selbst die Kanzlerin hat sich davon verabschiedet.

Schmidtke: Der Multikulturalismus wurde anfangs auch in Kanada belächelt. Viele verstanden darunter vor allem, dass Einwanderer ihre Musik aus der Heimat mitbringen und ihre Kultur beibehalten. Das allein ist aber nicht gemeint.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Schmidtke: In Kanada hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Kultur der Unterschiedlichkeit entwickelt. Die Menschen haben gelernt, mit dieser Unterschiedlichkeit zu leben, quer durch alle Parteien ist diese Idee heute akzeptiert. Eine Bewegung wie Pegida fände in Kanada kaum Anhänger.

ZEIT ONLINE: Das klingt alles sehr konfliktfrei.

Schmidtke: Natürlich ist es das nicht immer. Der Multikulturalismus ist im Kern auch ein Programm, um mit den Konflikten, die durch Migration und die Herausforderung der Integration entstehen, umzugehen. Die Kanadier waren etwa geschockt als ein Muslim – ein Konvertit – einen Anschlag auf das Parlament verübt hat, aber es ist keine generelle Angst vor dem Islam entstanden. Das Fremde wird auch nicht als Gefahr für die eigene Identität erlebt, wie es in Deutschland oft der Fall ist.

ZEIT ONLINE: Warum ist das in Kanada nicht geschehen? 

Schmidtke: Wichtig ist, dass die Eliten sich einig sind und signalisieren, dass das Land Immigranten und die durch sie vorangetriebene Weltoffenheit braucht. In Europa hingegen nutzen Parteien überall noch populistische Argumente, um Wähler zu gewinnen. Einwanderung ist in Kanada ein Querschnittsthema, das alle Bereiche der Gesellschaft prägt und in allen Ministerien ernst genommen wird. In Deutschland ist es noch stark mit Terroristenabwehr verknüpft. Es wird politisch zu eng gefasst und kann deshalb auch so leicht missbraucht werden.

ZEIT ONLINE: In Deutschland gibt es eben auch Geschichten gescheiterter Integration. Etwa in Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh. 

Schmidtke: Die hohe Konzentration von Einwanderern in bestimmten Stadtteilen war ein Fehler, unter anderem der Stadtplanung. Integration ist ein langfristiger Prozess, der von vornherein gestaltet werden muss. In Deutschland hat man geglaubt, der Markt bewältigt das allein. Aber es ist wichtig, dass alle Einwanderer schnellstmöglich Sprachunterricht erhalten und dass sie bei der Arbeitsplatzsuche, bei sozialen und ökonomischen Problemen unterstützt werden. Auch das deutsche Schulsystem benachteiligt noch immer Migranten und Kinder aus ungebildeten Familien. In Kanada gelingt die soziale Mobilität in den Schulen viel besser.

ZEIT ONLINE: Anders als Deutschland hat Kanada auch nicht auf Ungelernte gesetzt. Das hat die Sache einfacher gemacht.

Schmidtke: Ja, Kanada hat außerdem nicht so viele Asylsuchende wie Deutschland. Viele Einwanderer sprechen zudem schon ein wenig Englisch. Die Integration fällt deshalb oft leichter.