Der Mann, der von einer fremden Welt erzählt, ist um die 40, er trägt die Haare kurz rasiert. Nennen wir ihn Aslan*. Er wird von einer Familie erzählen, die er gut kennt. Wie seine eigene Familie ist auch diese vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland gekommen. "Ich möchte kein Nestbeschmutzer sein", sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs. "Aber es ist mir wichtig, über Probleme in meiner Kultur zu reden."

Zu Aslan geführt haben Fragen, die sich in den letzten Wochen in Berlin viele gestellt haben, und nicht nur hier. Es sind Fragen, die sich aus Entsetzen speisen, aus einem Schock. Am 22. Januar töteten zwei Männer in einem Berliner Waldstück die 19-jährige Maria P., die im achten Monat schwanger war. Einer schlug ihr mit einem Schlagstock auf den Kopf. Dann hielt einer der beiden sie fest, und der andere stach ihr mit einem Brotmesser zweimal in den Bauch. Obwohl Maria P. da noch lebte, übergossen sie sie mit Benzin und zündeten sie an.

Der Mann, den die Polizei für den Haupttäter hält, ist der Vater ihres Kindes. Er heißt Eren T., türkischer Staatsbürger, 1995 in Berlin geboren. Seine Freundin hatte sich offenbar von ihm getrennt, das Kind wollte sie gegen seinen Willen behalten.

Was ist das für ein Milieu, in der einer auf die Idee kommt, ein Problem so brutal zu lösen?

Eren T.s Familie lebt in der Nähe der U-Bahn-Station Karl-Marx-Straße im Berliner Stadtteil Neukölln. Nach dem Mittleren Schulabschluss begann er eine Metallbauerlehre, die er aber abbrach. Im Internet findet sich zu seinem Namen – sehr untypisch für seine Altersgruppe – keine Spur. Auch die Familie ist beinahe unsichtbar. Sie wohnt im ersten Stock eines verwahrlosten Altbaus. Vor der Tür stehen wenige Tage nach dem Mord zwölf Paar Schuhe, auf das Klingeln reagiert niemand.

Die Welt von Eren T., der jetzt in Untersuchungshaft sitzt, kann man nur indirekt erkunden. Man kann mit Freunden sprechen. Man kann sich in Neukölln umsehen. Man kann bei der alevitischen Gemeinde anklopfen, deren Religion die Familie angehört. Vor allem aber muss man Aslan zuhören. Er kennt Eren zwar selbst nicht, aber er weiß, welche Kräfte, welche Moralvorstellungen in der Familie wirken.

"Jeder weiß praktisch alles über jeden"

Aslan hat lange mit Erens Vater Huseyin "herumgehangen". Huseyin T. ist ein paar Jahre älter als Aslan, Jahrgang 1969, geboren in Hinis im Osten der Türkei. Aus der Gegend stammt auch Aslans Familie. Huseyin und er werden in Berlin in der Nähe der Hasenheide groß, einem Viertel, in dem man leicht mit Drogen in Berührung kommt. Mit 20 muss Aslan wegen Dealens zum ersten Mal ins Gefängnis, später noch ein zweites Mal wegen Hehlerei. Über Huseyin sagt er: "Er hat wie ich an einem Identitätskonflikt gelitten. Er hat auch nicht gewusst, wo er eigentlich hingehört."

Aslan ist es wichtig, dass man sich ein YouTube-Video des Heimatdorfs der Familie T. ansieht: Einfache Häuser, dazwischen Feldwege. Ärmliches bäuerliches Leben. Die Verbindung der Familien zu den Dörfern und der Sippe sei eng, sagt er. Alle kurdisch-alevitischen Familien aus der Gegend kennen sich. "Jeder weiß praktisch alles über jeden." Mit dem Großteil der türkischstämmigen Migranten, die Sunniten sind, hätten sie nichts zu tun.

"Alle Familien sind patriarchalisch organisiert. Der Mann wird nicht kritisiert. Junge Männer werden alleingelassen. Sobald einer ins jugendliche Alter kommt, trägt er keine Probleme zu den Eltern, er muss sie selber lösen. Geht er doch zu ihnen, ist das ein Zeichen von Schwäche." Auch über Sexualität wird nicht gesprochen. Anstelle von Aufklärung hörte Aslan zu Hause: "Bring mir ja keine Schande ins Haus!" Eine ungewollte Schwangerschaft wäre ein Skandal, der nur durch Heirat überwunden werden kann – nicht aber, wenn die Schwangere eine Deutsche ist. "Eine Deutsche zu heiraten, ist praktisch unmöglich, die ist ja keine Jungfrau mehr. Wer keine Jungfrau mehr ist, ist weniger wert. Auch in Berlin wird nach der Hochzeitsnacht in kurdischen Familien nach dem Blutfleck auf dem Laken geguckt."