Das wollen wir auch haben! Könnte man meinen. So ein Islamgesetz wie in Österreich, das den türkischen, iranischen, marokkanischen oder bosnischen Islam in Deutschland zu einem deutschen Islam macht: Imame würden nicht mehr aus der Türkei für ein paar Jahre importiert. Moscheen und Kulturvereine würden nie wieder von Ländern finanziert, die Menschenrechte verletzen wie Saudi-Arabien oder der Iran. Kein verirrter Gastprediger würde Berliner Gläubigen erklären, dass in einer muslimischen Ehe die Frau dem Mann stets zur Verfügung zu stehen habe. Das wäre ein Gesetz, das Sunniten, Schiiten, Aleviten, Sufi und Milli Görüș zwar nicht eint, aber wenigstens unter einen vertrauenswürdigen Schirm stellt.

Stattdessen kämen sowohl Imame als auch Islamlehrer von den deutschen Hochschulen in die Moscheen und Schulen. Gepredigt würde auf Deutsch. Muslime hätten ein Anrecht auf ihre Feiertage, auf ihr Essen oder einen muslimischen Seelsorger im Gefängnis oder in der Bundeswehr.

Dieses Ziel ist richtig. Denn viele junge deutsche Muslime sprechen gar kein Türkisch oder Serbokroatisch mehr und verstehen den Imam in der Moschee nebenan nicht. Das macht sie anfällig für die jugendkompatibel und Deutsch sprechenden Hassprediger im Internet. Viele, auch ältere Muslime fühlen sich von keinem ihrer Verbände richtig vertreten und wünschen sich weder einen von der Türkei entsandten Imam, der ihren Alltag nicht versteht, noch einen überforderten, nur spärlich ausgebildeten Imam, der Freitagsgebet und Jugendarbeit ehrenamtlich erledigt.

Auch der sogenannten Mehrheitsgesellschaft täte es gut, wenn der Alltagsislam, der nichts mit islamistischem Terror zu tun hat, sichtbarer wird. Wenn Muslime ihre toten Mütter und Väter nicht mehr in die Türkei verschicken, sondern in ihrem Viertel begraben, auf einem deutschen Friedhof, aber nach muslimischen Regeln. Wenn die Kollegen im Büro Hausmannskost, vegan und halal in der Kantine essen können und einander nicht nur frohe Ostern, sondern auch ein schönes Zuckerfest wünschen.

Aber wenn man genauer hinschaut, ist ein Islamgesetz trotzdem nichts für Deutschland. Das österreichische Gesetz wurde nur novelliert, es existiert schon seit mehr als hundert Jahren, seitdem die K.u.K.-Monarchie dem annektierten Bosnien Selbstverwaltung und muslimische Seelsorger im Militär zusicherte. Diesem Relikt haben sie jetzt ein paar Rechte hinzugefügt und andere eingeschränkt: vor allem die Selbstständigkeit, die der Vertrag den Muslimen ursprünglich garantierte. 

Wilde Mischung aus Integration und Ausgrenzung

Das Ergebnis ist eine wilde Mischung aus Integrationsangebot und Ausgrenzung. Es will einerseits die Muslime als Teil des Landes anerkennen, ihnen teilweise ähnliche Rechte geben wie den Katholiken und Protestanten. Andererseits will es sie auf eine Weise kontrollieren, wie es Kirchen oder Unternehmen nie hinnehmen müssten. Man stelle sich ein Christentum- oder Buddhismusgesetz vor. Oder dass einem Firmenchef verboten wird, einen chinesischen Geschäftsführer einzustellen. Folgerichtig streben nun auch einige österreichische islamische Organisationen eine Verfassungsklage an.

Und während die Finanzierung aus dem Ausland verboten wird, bleibt der Staat die Antwort auf die Frage schuldig, wie sich die muslimischen Verbände stattdessen finanzieren sollen. Das Recht, analog zur Kirchensteuer Beiträge einzuziehen, bekommen sie nicht.

Die österreichische Regelung hat Mängel, allein deshalb sollte Deutschland etwas Ähnliches nicht erwägen. Doch vor allem sind wir schon weiter: Es gibt längst Hochschulen, die islamische Theologie lehren und sowohl Imame als auch Islamlehrer ausbilden. Es dauert allerdings, bis die in den Moscheen und Schulen ankommen.   

In einigen Bundesländern gibt es bekennenden Islamunterricht, in anderen Ethik oder einen christlichen Religionsunterricht, der den Islam mit unterrichtet. Um die Details wird weiter gestritten: Werden Islamlehrerinnen ein Kopftuch in der Schule tragen dürfen? Wer sitzt in den muslimischen Gremien, die die Islamlehrer für den Schuldienst abnicken? 

Hier kann und muss der Staat bereits mitreden. Und genauso muss er sich auf Forderungen der Muslime einstellen. In dem Dialog, der daraus entsteht, muss ausgehandelt werden, wie wir zusammenleben wollen. Ein Gesetz braucht es dafür nicht.