Es ist noch warm in Berlin, als Simon im September 2014 seine Wohnung verliert. Er schläft einige Nächte in der Technischen Universität, bis er entdeckt und rausgeworfen wird. In den ersten Wochen weiß Simon nicht, was er tun und wohin er gehen soll. Er kennt keine Webseite, die erklärt, was man als Wohnungsloser zu tun hat. Und selbst wenn es sie gäbe – er hat keinen Computer, kein Internet, das iPhone ist verpfändet. Die Polizei schickt ihn schließlich zur Bahnhofsmission. Am Bahnhof Zoo bekommt er ein Faltblatt mit Unterkünften und Suppenküchen. Auch die Preise stehen daneben, drei oder vier Euro kostet eine Nacht.

Seitdem Simon auf der Straße lebt, kann er sich nicht mehr rasieren, trotzdem fällt er in der ersten Zeit nicht sonderlich auf. Er ist Mitte 30, groß und schmal, und bis auf sein himmelblaues Fahrrad und einen Rucksack mit ein paar Klamotten hat er nichts bei sich. Das passt nicht zum Bild des abgewetzten, Plastiktüten schleppenden Obdachlosen. Simon zieht es vor, zu betteln, sagt er, aber viele würden stehlen, um das Geld für Essen und einen Schlafplatz zusammenzubekommen.

Obdachlosigkeit, das ist in der Vorstellung der meisten Menschen ein selbst verschuldeter Zustand. Man muss ja in Deutschland nicht auf der Straße landen, außer man nimmt Drogen oder ist alkoholabhängig. Wie solle man sonst so radikal durch das soziale Netz fallen? "Ich war naiv", sagt Simon und meint damit eine Verkettung unglücklicher Begebenheiten, die er wohl hätte verhindern können. Es ist allerdings auch eine Verkettung von Begebenheiten, die so gut wie jedem Berliner widerfahren könnte.

Die Firma, für die der Dachdecker seit Jahren gearbeitet hatte, ging pleite, als der Chef wegen Steuerhinterziehung von der Polizei abgeführt wurde. Es gab keine Firma mehr, an die Simon Ansprüche hätte stellen können. Seine Freundin und er stritten sich nur noch, während Simon verzweifelt versuchte, Arbeit zu finden. Schließlich setzte sie ihn vor die Tür. "Ich habe sehr viel Geld in die Wohnung gesteckt," sagt er, "aber ich stand nicht im Mietvertrag. Ich war blind vor Liebe."

Der Herbst wurde immer kälter und Simon wusste immernoch nicht, wohin. Bei den Eltern konnte er nicht unterkommen, sagt er. Sein Vater sei gestorben, als er sehs Jahre alt war, die Mutter habe selbst kein Geld und sei alkoholabhängig. "Dahin wollte ich nicht", sagt Simon. Auf die Frage, ob er keine Freunde gehabt hätte, erwidert er nur: "Ich dachte ich hätte welche." Viele von ihnen haben Familie und ihnen wollte er nicht auf der Tasche liegen, hatte sie deswegen gar nicht erst gefragt. Andere wiesen ihn ab.

Vier Monate auf der Straße hinterlassen Spuren

Es ist jetzt Januar, vier Monate auf der Straße haben Simon verändert. Im September sah er noch gesund aus, wie jemand, dem man im Supermarkt oder beim Kinderabholen in der Schule begegnet. Wie viele andere Wohnungslose benutzt er die Toiletten von Fast Food Restaurants und Universitäten, um sich ein wenig zu waschen. Er hat eine dreijährige Tochter und einen zwölfjährigen Sohn. "Zu Weihnachten durfte ich sie sehen", sagt er und wendet den Blick ab.  

Nun hat Simon tiefe Wunden an den Händen und Schorf im Gesicht. Er sieht müde aus, schläft fast während des Sprechens ein. "Mein Fuß ist durch den Regen aufgeweicht, ganz weiß und weich. Die Schuhsole ist seit Wochen kaputt." Die Schuhe geben ein schmatzendes Geräusch von sich, wenn er geht.

Simon kämpft gegen einen Teufelskreis: Ohne Wohnung bekommt er keinen Job, ohne Job keine Wohnung. "Das ist alles kompliziert" sagt er. "Die können einem nur helfen, wenn man sich wohnungslos meldet". So hat er zumindest ein Postfach bekommen, die Behörde kann ihm nun schreiben –  das ist eine Voraussetzung, um einen festen Platz in einer Wohnungslosenunterkunft zugewiesen zu bekommen, und auch, um Hartz IV zu beziehen. Allerdings müssen die Obdachlosen alle drei Tage auftauchen, um das Postfach zu behalten. In eine andere Stadt fahren, vielleicht auch, um bei Verwandten oder Freunden unterzukommen ist quasi unmöglich.

Allerdings steht auch, wenn man ein Postfach hat, der Vermerk "OFW", ohne festen Wohnsitz, weiterhin im Ausweis. Und ohne Arbeit dauert es Monate, eine Wohnung vom Amt zugewiesen zu bekommen. "Eine Firma wollte mich sogar als Dachdecker einstellen, aber nicht ohne Wohnung. Ich kann nicht übermüdet auf einem Dach stehen und Ziegel schmeißen. Wenn ich da runterfalle, weil ich nicht schlafen konnte, dann ist die Firma dran."