Die klassische Definition eines Konservativen ist: Er ist der Bewahrer des bestehenden Systems. Was aber, wenn das System die alten Werte nicht mehr bewahrt haben will?

Wenn die Sonne sinkt, werfen auch politische Zwerge manchmal lange Schatten.

Schade, dass es mit der Pegida-Bewegung bald wieder vorbei ist. Sie lieferte den Medien jeden Montag zuverlässig die bühnenreife Show vom wild gewordenen Kleinbürger aus dem Tal der Ahnungslosen. Sie verlieh dem hässlichen Deutschen, den die besseren Kreise immer in der schweigenden Mehrheit vermuteten, endlich Stimme und Gewicht. Das machte sie kalkulierbar. Und nur Kalkulierbares lässt sich politisch bekämpfen.

Fast trat in der ganzen Beunruhigung, die diese Bewegung hervorrief, so etwas wie eine beruhigende Bestätigung auf: Die schemenhafte, bis dato immer nur aufblitzende Fremdenfeindlichkeit hatte plötzlich eine Kontur. Nun war dieses Gebilde angreifbar. Jetzt konnte man wieder als Gegendemonstrant die eigene Zivilcourage Gassi führen und den Gutmenschen von der Leine lassen. Was vorher nur Gemurmel an Stammtischen und Gewisper in den Salons war, war plötzlich zu fassen, wusste man bisher nur irgendwie: Dem Deutschen wird es mit der Multikulti-Gesellschaft langsam zu bunt.

Nicht nur für den Verfassungsschutz sind solche Sammlungsbewegungen praktisch, dann hat man alle beisammen. Die Gefahr für die Zivilgesellschaft beginnt viel eher dort, wo sich Islamophobe, Antisemiten, Amerikafeinde und Eurogegner wieder in ihre Nischen zurückziehen. Dort ist schwerer auszumachen, was noch konservativ und was schon rechts ist.

Die klassische Definition eines Konservativen war bisher: Er ist der Bewahrer des bestehenden Systems. Was aber, wenn das System nicht mehr bewahrt werden will und althergebrachte Gewissheiten moralisch kalt über Bord wirft? Dann wird der Konservative in die Rolle des Revolutionärs gedrängt, die ihm so gar nicht liegt. Seine Parole ist normalerweise: "Alles zu lassen, wie es ist, wäre das Allerneueste". Damit kann man aber niemanden hinterm Ofen hervorlocken. Die Rechten haben das verstanden. Mit der noblen Zurückhaltung der Konservativen bewegt sich nichts. Warum sollten die Konservativen auch aufbegehren? Bisher lief doch immer alles in ihrem Sinne, sie zahlten Steuern und die Mächtigen standen auf ihrer Seite. Sie hatten es gar nicht nötig, sich mit den Frustrierten niederer Stände zu verbünden, mit denen sie nichts gemein haben, geschweige denn wollten sie mit ihnen marschieren. Im Westen der Republik ist dieses Abgrenzungsbedürfnis stärker ausgeprägt als in den neuen Bundesländern. Überall jedoch haben die Konservativen das Gefühl, bei der großen Koalition auf taube Ohren zu stoßen. Und tatsächlich gibt es dort Tendenzen, kulturkritische Bedenken, unser Land nehme als ein zentraler Austragungsort der Globalisierung Schaden, nicht ernst genug zu nehmen.