Was und wer Hass predigt, dazu gibt es in diesen Wochen ein paar Beispiele. Die Videos der Terrorgruppe IS gehören dazu. Ihre Filme von der Hinrichtung Gefangener und entführter Geiseln verkünden eine Botschaft reinen Hasses. Die Gruppe begründet sie religiös. Ihre Videos spiegeln das Gottesbild der Verantwortlichen wider. Sie zeigen einen Gott, dem es gefällt, seine Geschöpfe zu seiner höheren Ehre zu schinden, umzubringen und ihnen das Leben unter Qualen zu nehmen, das er ihnen geschenkt hat: Ein blutrünstiges Monstrum im Himmel weidet sich daran, seine Schöpfung zu entstellen. Hass und Wut leiten die Diener dieses Ungeheuers, sie predigen Tod und Vernichtung.

Hass predigte aber auch der Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tajib, nachdem er das Video von der Ermordung des jordanischen Piloten Muas al-Kasasba gesehen hatte. Der Gelehrte sagte, die Täter verdienten es, gemartert, getötet, gekreuzigt zu werden. Auch hinter solchen Flüchen steht die Vorstellung eines grausamen Gottes, von Rache statt Gerechtigkeit. Sie schreit nach Sühne in gleichem Maß, sie unterscheidet nicht zwischen Täter und Tat, zwischen Sünder und Sünde. Sehr wohl aber unterscheidet die Idee eines solchen Gottes zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Denn bei der Ermordung zweier japanischer Geiseln in den Tagen vorher schwieg al-Tajib. Nur die Grausamkeit gegen einen Muslim lässt Allah rasen vor Wut, sagt die Botschaft des Gelehrten. Hass regierte auch, als jordanische Soldaten Bomben mit Koranversen bemalten, die sie zur Vergeltung auf IS-Stellungen warfen, eine tödliche Predigt: Allah ist mit den Brandbeschleunigern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Regierungserklärung im Januar Hasspredigern den Kampf angesagt – mit allen rechtsstaatlichen Mitteln. In der Sache ist das richtig, in der Wortwahl schwierig. Nach Merkels Ansicht sollen islamische Geistliche klären, warum Terroristen ihre Grausamkeit mit dem Koran begründen. Für Teile der arabischen Welt gehört Hass auf Israel zu den religiösen Fundamenten der Politik.

Die katholische Kirche verbietet Hasspredigten. Allerdings nur ganz bestimmte, vor allem die, von denen sie den Eindruck hat, dass sie sich gegen die Kirche selber richten. Wer öffentlich "Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt, gegen die Religion oder die Kirche Beleidigungen ausspricht oder Hass und Verachtung hervorruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden", sagt Artikel 1.369 des kanonischen Rechts. Das deutsche Strafrecht verbietet Volksverhetzung. Religiöse, ethnische oder rassische Gruppen herabzusetzen, verächtlich zu machen oder zu beschimpfen oder gar zur Gewalt gegen sie aufzurufen zieht Haftstrafen nach sich. Das ähnelt der Sanktionierung der "hate speech" in Amerika und Großbritannien.

Tatsächlich sind diese beiden Länder insgesamt weniger streng als Deutschland. Sie schätzen und schützen die freie Rede. Den Religionen werden besondere Rechte gewährt. Die Religionsfreiheit erlaubt, dass Prediger den Staat als Ungeheuer aus dem Abgrund bezeichnen, sie dürfen sagen, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen, denn beides steht in der Bibel. Religiöse Reden dürfen aber keine Menschen herabsetzen.

Denn der Glaube, der sich auf die Bibel beruft, kennt ein absolutes Hassverbot und ein absolutes Liebesgebot. "Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen", sagt Jesus im Lukasevangelium seinen Jüngern. Damit hebt er eine Eigenschaft des alttestamentlichen Gottes heraus. Der Gott des Alten Testaments war zwar auch zornig, grimmig und rätselhaft. Aber er hat nie gehasst, so wie die Götter der Babylonier und der Griechen. Das christliche Liebesgebot ist zur Magna Charta des Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen geworden. Es hat den Hass in den westlichen Gesellschaften geächtet.

Was macht eine Predigt zur Hasspredigt? Wer ist ein Hassprediger? Reicht es, herabsetzende Regeln für Frauen zu verkünden wie der Ägypter Abdel Moez al-Eila in der Berliner Al-Nur-Moschee? Reicht es, wie die Piusbrüder zu begrüßen, wenn Falschgläubige ihre Religion nicht öffentlich ausüben dürfen?

Das Problem liegt im Wort selber. "Hassprediger" ist ein Begriff aus der Polemik, eine Diffamierungsformel. Er atmet die Herabsetzung, die er anklagt. Deshalb erwies sich das Wort als justiziabel, als der Politiker Volker Beck und der Komiker Jürgen Becker den Kölner Erzbischof Joachim Meisner einen Hassprediger titulierten, weil der mit Nazivergleichen gegen Abtreibung und Familienpolitik ankämpfte. Beck einigte sich außergerichtlich, Becker akzeptierte eine einstweilige Verfügung, als Meisner klagte.

Der thüringische Philosoph und Pfarrerssohn Karl Friedrich Christian Krause hat den Begriff zum ersten Mal aufgeschrieben. Er lebte und arbeitete in der Zeit des Kulturkampfes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da stritten sich evangelische Preußen, romtreue Katholiken und universalistische Freidenker wie die Kesselflicker um die Deutungshoheit der Gegenwart und lieferten sich erbitterte publizistische Fehden für und gegen die Freiheit der Wissenschaft, die Zivilehe und die Trennung von Kirche und Staat. Krause entwarf derweil mit eigenen Wortschöpfungen ein philosophisches System "zur Verbesserung der menschlichen Gesellschaft". Er dachte sich die Welt als eine systematisch-organisch gestaltete Wirklichkeit. In ihr sollte Freiheit herrschen und die Religion – Krause nennt sie "Gott‧innigkeit" – eine Hauptrolle spielen. In Deutschland wurde er bald vergessen. Aber in Spanien entwickelte sich seine Lehre als "Krausismo" zum freiheitlich-utopischen Gegenentwurf zur erzkatholischen Gesellschaft und beeinflusste vor 100 Jahren Federico García Lorca, Salvador Dalí und Luis Buñuel.