Seit etwas mehr als zwölf Monaten lebt Sebastian Edathy mit einem schweren öffentlichen Vorwurf: Jahrelang soll der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Kinder- und Jugendpornografie und Bilder in deren Grenzbereich konsumiert haben. Das hat den Ruf und die Karriere des aufstrebenden Sozialdemokraten zerstört. Edathy, der bis heute beteuert, nichts Illegales getan zu haben, wohnt inzwischen in Nordafrika, aus Sicherheitsgründen, wie er sagt. Er fühlt sich vorverurteilt, postet seine verbitterten Ansichten via Facebook in die Welt hinaus.

Die Taten, die dem 45-Jährigen vorgeworfen werden, standen zuletzt gar nicht mehr so sehr im Vordergrund: In den vergangenen Wochen richtete sich die Aufmerksamkeit auf die politische Affäre Edathy. Gerade versucht ein Untersuchungsausschuss des Bundestages zu klären, wie viele Parteifreunde von den zunächst geheimen Straf-Ermittlungen gegen den aufstrebenden Abgeordneten wussten. Wurde Edathy gewarnt, konnte er gar Beweise wegschaffen? Die Fragen sind ungeklärt, aber die SPD-Spitze ist nervös: Selbst der Anschein, dass Mitglieder einer Regierungspartei und vielleicht sogar die Führung der Bundestagsfraktion, einen Kinderporno-Konsumenten gedeckt haben, kratzt am Ruf der SPD. Im komplizierten öffentlichen Ringen um die Wahrheit erfuhr Edathy zuletzt sogar so etwas wie eine kleine Rehabilitierung: Mancher glaubte ihm mehr als den anderen in den Vorfall verwickelten Sozialdemokraten.

Am Montag nun wird sich der Blick der Öffentlichkeit wieder auf die Vorwürfe gegen Edathy selbst fokussieren. Dann beginnt vor dem Landgericht Verden der Strafprozess gegen den SPD-Politiker. Sein Verhalten wird danach nicht mehr nur moralisch, sondern auch strafrechtlich einzuordnen sein.

Das Haupt-Beweismittel bleibt verschwunden

Edathy hat nicht bestritten, sich beim einschlägig bekannten Bildvertreiber Azov in Kanada Bilder von nackten Jungen gekauft zu haben. So kam das Bundeskriminalamt, das die deutsche Kundenliste auswertete, auf Edathys Spur. Doch die Azov-Bilder, die er konsumierte, bewegten sich offensichtlich in einem Grenzbereich. Es waren nackte Jungen, aber nicht in unnatürlicher Pose. "In der Kunstgeschichte hat der männliche Akt, auch der Kinder- und Jugendakt, (...) eine lange Tradition. Man muss daran keinen Gefallen finden, man darf es aber, ohne darüber öffentlich Rechenschaft abzulegen zu haben", so beschrieb es der Angeklagte vor einigen Monaten in einem Gespräch mit dem Spiegel. Sein Verhalten sei nicht illegal gewesen, betonte Edathy im Dezember auch vor Journalisten.

Tatsächlich sind die Azov-Dateien nicht Gegenstand der Verhandlung vor dem Landgericht Verden. Die Staatsanwaltschaft Hannover beschuldigt Edathy aber, sich über seinen Bundestagsrechner auch eindeutig kinderpornografisches Material besorgt zu haben. Auf seinem Dienstlaptop soll er laut Staatsanwaltschaft "zunächst die kinderpornografischen Vorschaubilddateien geöffnet und sodann die damit verlinkten Videodateien aufgerufen" haben. Nach Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung trugen die Videos beispielsweise Namen wie Julian6yo und Victor6yo – ein Indiz dafür, dass die Kinder auf den englisch betitelten Aufnahmen 6 Jahre alt waren. In Edathys Haus im niedersächsischen Rehburg wurden zudem ein Video und ein Bildband (Titel: Boys in ihrer Freizeit) gefunden, deren Inhalt die Staatsanwaltschaft als jugendpornografisch einstuft.  

Eines der Hauptbeweismittel im Fall Edathy, der Dienstlaptop des ehemaligen Bundestagsabgeordneten, bleibt verschwunden. Edathy hat ihn am 12. Februar 2014 als gestohlen gemeldet. Er will ihn auf einer Zugfahrt aus den Augen verloren haben, als er am Bahnsteig schnell eine Raucherpause einlegte. Der SPD-Politiker wusste damals bereits von den Ermittlungen gegen ihn: Zwei Tage zuvor war sein Haus von der Staatsanwaltschaft durchsucht worden. Ein dummer Zufall? Oder das bewusste Unterschlagen von Beweismitteln?

Die Staatsanwälte in Hannover hatten wegen des Laptops auch ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen Edathy eingeleitet. "Vortäuschen einer Straftat", lautete der Vorwurf. Das Verfahren wurde im Sommer eingestellt. Trotz "umfangreicher Maßnahmen" habe die Staatsanwaltschaft keine konkreten Anhaltspunkte für ihre Vorwürfe gefunden, teilte eine Sprecherin mit.