Pegida-Anhänger am 25. Januar in Dresden © Thomas Lohnes/Getty Images

Wer sind diese Pegida-Anhänger? Seit sich in Dresden allmontäglich Tausende zu Demonstrationen versammeln, suchen Soziologen nach Antworten. Wer findet die Thesen und Forderungen von Lutz Bachmann, Kathrin Oertel und Co. gut? Sind es wirklich Menschen aus der "Mitte der Gesellschaft", deren Wirken lediglich "nach rechts strahlt", wie die CDU sagte?

Es sieht nicht danach aus, ganz im Gegenteil: Pegida steht nicht für die Mitte der Gesellschaft. Vielmehr findet sich hier eine kleine Gruppe von Menschen zusammen, sehr männlich, die eher rechtes Gedankengut pflegt und höchstens von außen in Richtung der Mitte strahlt. Das geht aus Daten hervor, die ZEIT ONLINE ausgewertet hat.

 

Dreimal haben Wissenschaftler bislang versucht, herauszufinden, wie sich die Anhängerschaft von Pegida zusammensetzt. Sie alle befragten Teilnehmer der Demonstrationen in Dresden. Der Ertrag dieser Erhebungen ist dünn. Denn die meisten Angesprochenen wollten nicht auf die Fragen der Forscher antworten.

ZEIT ONLINE hat deshalb eine andere Datenquelle untersucht: Facebook. Dort begann das Phänomen Pegida am 20. Oktober 2014, die Aufrufe zu den ersten Demonstrationen wurden über das soziale Netzwerk verbreitet. Seither ist Facebook für die Pegida-Organisatoren eines der wichtigsten Werkzeuge zur Mobilisierung ihrer Anhänger. Inzwischen hat die Facebook-Seite von Pegida 159.000 Likes. So viele Menschen haben also angegeben, dass sie sich für die Inhalte der Seite interessieren. Facebook macht es möglich, zu sehen, wer diese Menschen sind, woher sie kommen, was sie mögen und was sie sonst noch tun. Mithilfe der Macher der Website Pegida mag Dich, haben wir die Interessen von Zehntausenden Pegida-Fans angeschaut.

Männliche Anhänger der AfD

Die Pegida-Anhänger bilden demnach eine recht homogene Gruppe: Pegida-Fans sind männlich, zwischen 25 und 49 Jahre alt, sie leben in Sachsen, waren bei der Bundeswehr, sind selbstständig, lesen die Bild-Zeitung oder die Junge Freiheit und sind Anhänger der AfD oder von politischen Gruppen, die noch weiter rechts stehen. Sie machen gerne Party, interessieren sich für Fußball, Autos, Sex, Actionfilme und Mario Barth.

Seiten, auf die Pegida-Fans viele Likes (mehr als 1.000) verteilen, sind beispielsweise: NPD; German Defense League (eine islamfeindliche Organisation); KenFM (Seite des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen); Germanische Götterwelt; Aufwachen Deutschland; Thor Steinar (von Rechtsradikalen gern genutztes Mode-Label); Geil, geiler, tätowiert; Midgard Nachrichten die unsere Regierung verschweigt; Identitäre Bewegung Deutschland (eine lose Sammlung neuer rechter Gruppen); Ich bin stolz Deutsch zu sein. Die Liste ist nicht vollständig, aber sie zeigt das Spektrum. Einziger Ausreißer in dieser Sammlung ist die Fanpage des Komikers Bülent Ceylan.

In den Likes der Pegida-Fans finden sich hingegen kaum Seiten von Personen, Organisationen oder zu Themen wie diese, die man in einer Stichprobe aus der Mitte der Gesellschaft auch erwarten könnte: Frauen, Linke, Grüne, Sozialdemokraten, klassische Medien. An Umweltfragen, Energiewende oder überhaupt an politischen Themen hat dort offensichtlich ebenfalls niemand Interesse. Es gibt keine Harry-Potter-Liebhaber, keine Tatort-Gucker, keine Fans von Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Lindenstraße oder Voice of Germany, und keine Anhänger der Piratenpartei, obwohl die sonst im Netz überall stark vertreten sind.

Diese Ergebnisse bestätigen, was die Autoren einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) formulierten: Die Annahme sei falsch, Pegida-Anhänger seien harmlose, von Sorgen geplagte Normalbürger. Es gehe dort "im Kern um die Artikulation von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und, zugespitzter, um einen kaum verhüllten Rassismus".

Auf Facebook werden auch extreme Haltungen gezeigt

Facebook-Daten sind nicht repräsentativ. Nicht alle, die Pegida auf Facebook mögen, gehen zu den Demonstrationen und nicht alle, die demonstrieren, sind Mitglied bei Facebook. Jedoch ist die deutsche Nutzerschaft des Netzwerks inzwischen so groß, dass sie einen Querschnitt durch die Gesellschaft zeigt. Ungefähr 26 Millionen Deutsche nutzen die Seite inzwischen aktiv, also mehr als einmal im Monat. Noch sind Junge stärker vertreten als es ihrem tatsächlichen Anteil in der Bevölkerungsverteilung entspricht, und vor allem jene ab siebzig sind nur zu einem kleinen Teil bei Facebook unterwegs.

Gleichzeitig umgeht die Untersuchung der Facebook-Daten ein typisches Problem jeder Befragung: die soziale Erwünschtheit. Werden Menschen nach ihren Meinungen gefragt, wägen sie immer ab, wie sehr die eigene Haltung bei anderen auf Zustimmung oder Ablehnung stößt. Das beeinflusst ihre Antwort. In den drei erwähnten Studien lässt sich dieser Effekt an der hohen Quote derer erkennen, die nicht antworten wollten. Vor allem Menschen mit extremen Meinungen, die zu Recht glauben, dass ihre Ansichten sozial nicht unbedingt erwünscht sind, schweigen lieber.

Bei Facebook gibt es diese Tendenz auch. Allerdings scheint sie weit weniger ausgeprägt zu sein. Facebook-Nutzer geben über ihre Likes viel mehr Unverstelltes von sich preis – weil sie glauben, dass es keine Rolle spielt; weil es ihnen nicht bewusst ist; weil sie sich anonym wähnen.