Am Ende ging dann alles ganz schnell. Ganze 45 Minuten hat der Rechtsstaat im Verhandlungssaal 104 des Landgerichts Verden gebraucht, um in der Strafsache Sebastian Edathy – einem der hitzigsten politischen Skandale der letzten Jahre – zu einer Entscheidung zu kommen: Gegen eine Zahlung von 5.000 Euro binnen eines Monats wird das Verfahren wegen Besitzes von Kinder- und Jugendpornografie eingestellt.

Aber noch während des ruhigen, dennoch nicht kühlen Vortrags des noch jungen Richters Jürgen Seifert wurde deutlich, was da in Wahrheit zur Verhandlung stand. Eine Frau meldete sich aus den hinteren Reihen der Zuschauer, deren Stimme wieder und wieder kippte. "Ich verlange, dass mein Beweisantrag gehört wird. Dass hier jetzt nicht eingestellt wird. Ich lebe mit all dem jede Nacht. Sebastian Edathy soll einen fairen Prozess bekommen", ruft sie im Stehen, während ihr schon Gerichtsdiener vorsichtig die Hand auf die Schulter legen. "Aber wenigstens einen Prozess muss er doch bekommen! Fassen Sie mich nicht an!"

Der Richter lässt sie ausreden, aber als es nicht mehr vorwärts geht, lässt er sie aus dem Saal werfen. Der Zwischenfall wird aber nicht einfach als psychiatrische Einlage abgetan. Was hier zur Sprache kam, kurz und schmerzhaft, ist durchaus in die Urteilsfindung eingeflossen: die Demütigung und der Missbrauch der Kinder, die fotografiert, betatscht, sexualisiert werden, und die sich hinter dem zynischen Magazin-Titel Boys in ihrer Freizeit verbergen, den man bei Edathy unter anderem fand.

Das Wort Kinderpornografie fällt nicht

Im Vorfeld dieses zweiten Prozesstages hatte es heftige Diskussionen vor allem um eine Frage gegeben: Darf die Staatsanwaltschaft, wie hier geschehen, auf einer "geständigen Einlassung" des Angeklagten Sebastian Edathy bestehen? Die Diskussionen waren auch davon beflügelt worden, dass parallel gegen den Leitenden Staatsanwalt Frank Lüttig ermittelt wird, der im Verdacht steht, sowohl in der Causa Wulff als auch der Causa Edathy Ermittlungsakten an die Presse gegeben zu haben. Staatsanwalt Thomas Klinge, der dem Angeklagten auf seiner Bank am Fenster gegenübersaß, wehrte sich in der Pause heftig gegen diese Anschuldigung. "Es ging nicht um einen Kotau", sagt Klinge. "Es ging darum, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass hier wirklich Straftaten zur Verhandlung stehen."

Sebastian Edathy gestand nicht selbst. Er ließ, nachdem die Blitzlichter vor seiner Nase verschwunden waren, seinen Anwalt, Christian Noll, eine Erklärung verlesen. "Die Vorwürfe treffen zu", las Noll, der zur Linken Edathys auf der Anklagebank saß. "Ich habe inzwischen eingesehen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich bereue, was ich getan habe." Das Wort Kinderpornografie fällt nicht. Alles, was Edathy noch hinzufügte, war: "Ich bestätige, dass Herr Noll eine mit mir abgestimmte Erklärung verlesen hat. Ich bin mit der Einstellung des Verfahrens gegen einen mittleren vierstelligen Geldbetrag einverstanden."

Das war tatsächlich kein Kotau. Aber es war auch keine Fortsetzung der bisherigen Haltung Edathys, der sich bisher auf die Linie "vielleicht nicht schön, aber legal" zurückgezogen hatte. Die Haltung des Richters hatte beides möglich gemacht: die Staatsanwaltschaft von ihrer Wut herunterzuholen, die sich öffentlich als Promi-Jäger und Gesinnungstäter gebrandmarkt sah, und Edathy womöglich einen Hauch Einsicht in die moralischen Dimensionen seiner Neigungen zu verschaffen.

Dagegen allerdings spricht der Eintrag auf Edathys Facebook-Seite, auf dem der Ex-Politiker kurz nach Ende des Prozesses sein Geständnis relativierte: "Ich weise darauf hin, dass ein 'Geständnis' ausweislich meiner heutigen Erklärung nicht vorliegt. Die Staatsanwaltschaft war mit dem Wortlaut der Erklärung einverstanden." Eine Schuldfeststellung sei damit ausdrücklich nicht getroffen worden, betonte Edathy auf Facebook. Er begrüße gleichwohl die Entscheidung des Gerichts, das Verfahren einzustellen. "Eine Fortsetzung wäre unverhältnismäßig gewesen."

Jeder habe eine zweite Chance verdient

Im Gericht selbst erläuterte am Ende Richter Jürgen Seifert, was die Kammer zu eben jener Einstellung des Verfahrens bewogen hat: Der Angeklagte sei nicht vorbestraft. Jeder habe eine zweite Chance verdient. Schon das Verfahren selbst habe ja erhebliche Wirkung gehabt.

Es gehe hier aber auch nicht um ein Kavaliersdelikt. Diese Bilder werden ja nur hergestellt, wenn es einen Markt dafür gibt. "Ich weiß, dass man es nicht jedem Recht machen kann", fügte Seifert hinzu. "Ich hoffe, dass der Angeklagte nie wieder eine solche Straftat begeht. Ich wünsche ihm für sein weiteres Leben alles Gute."

Dann geht es, sozusagen im Abspann, noch um die Dinge, die die Behörden Edathy bei den Durchsuchen weggenommen haben, und die er gerne wiederhätte. Seine PlayStation, seine Musik-CDs und – die Familienbibel. Da hält es Staatsanwalt Klinge dann aber doch nicht mehr aus. "Und das Heft Adam Junior, wollen Sie das auch wiederhaben?", fragt er in mühsamer Höflichkeit. "Nein, das natürlich nicht", schnaubt Edathys Anwalt Noll. Und das war's. Der Prozess gegen Sebastian Edathy in seiner niedersächsischen Heimat ist zu Ende.