Pfarrer Winfried kommt nicht wieder. Das weiß man in Erftstadt. Das weiß man in Köln. Das weiß sogar Pfarrer Winfried. Mehr als 35 Jahre war der Seelsorger in der Gemeinde Erftstadt-Ville bei Köln. Dann kam heraus: Als junger Mann hatte sich der 73-Jährige einer Neunjährigen unangemessen genähert. Das Erzbistum spricht von "sexuellen Grenzverletzungen", von Zärtlichkeiten, die zwischen Liebenden selbstverständlich, zwischen einem Kind und einem Erwachsenen allerdings undenkbar seien. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe meldeten sich zwei weitere Opfer. Auch zu ihnen war Pfarrer Winfried grenzverletzend zärtlich. Per schriftlicher Erklärung entschuldigte er sich deshalb bei Opfern und Gemeinde.

Für die Justiz ist der Fall damit erledigt: Die Zärtlichkeit des Geistlichen ist verjährt. Die katholische Kirche in Deutschland jedoch lässt Verjährungen nicht mehr ohne Weiteres gelten. Hunderte Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen hatten vor fünf Jahren dem Ruf von Mutter Kirche langfristig geschadet. Jahrzehntelang hatte die Kirche geschwiegen, vertuscht und sich vor allem mit den Tätern solidarisch erklärt. Damit sollte nach 2010 Schluss sein: Man gab sich Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. Man wollte künftig hart durchgreifen. Im Fall von Pfarrer Winfried wird ausgerechnet diese neue Härte für die Kirche und den als Hoffnungsträger geltenden Kölner Kardinal Woelki zum Problem. Die Erftstädter fragen sich: Ist, was den Richtlinien entspricht, auch richtig?

Unweit von St. Barbara, der alten Wirkungsstätte von Pfarrer Winfried, sitzt Jutta Jüterbock fassungslos in der Rechtsanwaltskanzlei ihres Mannes. Geradezu traumatisch sei für viele Gemeindemitglieder vor einigen Wochen jene Pfarrversammlung gewesen, als zwei Gesandte des Kölner Generalvikariats den Erftstädtern eröffneten, dass Pfarrer Winfried mit sofortiger Wirkung entpflichtet sei. Die Glaubenskongregation in Rom werde nun über das weitere Schicksal des Geistlichen entscheiden. Bis dahin dürfe der Erftstadt nicht mehr betreten und halte sich fortan im Ausland auf. Die Leute, erinnert sich Jutta Jüterbock, seien zuerst ungläubig gewesen. Dann erschrocken. Dann entsetzt. Wie konnten "die da" aus Köln ihnen und ihrem Winfried nur so etwas Schlimmes antun? "Wir fühlten uns entmündigt, gedemütigt. Es war, als hätte man uns über Nacht unseren Pfarrer deportiert."

Seitdem reißen die Solidaritätsbekundungen mit Pfarrer Winfried nicht ab in Erftstadt. Es gibt Aufkleber für Winfried, Kerzen mit seinem Konterfei, Plakate ihm zu Ehren und gleich mehrere Facebook-Gruppen, auf denen aufgebrachte Erftstädter beteuern, dass sie dem "besten Pfarrer der Welt" noch heute ohne Zögern ihre Kinder anvertrauen würden. Sogar ein Schweigemarsch zog durch den Ort. An Rosenmontag paradierte man als Herde Schafe mit angeklebten Ohren und flauschigen Schwänzen aus Protest "hirtenlos durch die Stadt". Auch Jutta Jüterbock war als Pfarrgemeinderatsmitglied Teil der Herde. Mit ihrem Mann Raymond Pieper hat sie einen offenen Brief an Kardinal Woelki formuliert: "Dass Sie nun das Leben und Lebenswerk eines Mitbruders kurz vor der Pensionierung auf einen bloßen Verdacht hin zerstören, enttäuscht mich zutiefst." Mehr als 3600 Erftstädter haben den Brief unterschrieben. Seitdem werden Jutta Jüterbock und ihr Mann immer wieder gefragt: Warum tut ihr das? Warum macht ihr euch die überwundenen Fehler der Amtskirche zu eigen?

Das, antwortet Jüterbock, könne nur fragen, wer Pfarrer Winfried nicht kenne. "Winfried" sei nicht irgendein Pfarrer. Immer war er da, immer war er ansprechbar. Er war ein Umarmer, ein Duzer, ein Konzilsbewegter, ein Liberaler. In der Vergangenheit wagte Winfried sogar den Aufstand gegen Woelkis Vorgänger Meisner und weigerte sich, aus Protest gegen Abtreibungen die Glocken zu läuten. Ein Herzblut-Seelsorger und kein Verteidiger der wahren Lehre sei er gewesen, der wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion spendete und ihnen höchstens vor der Kirchentür den Arm um die Schultern legte und fragte: "Na, mein Freund, Lust zu beichten?"

Mit Menschlichkeit und Charisma, erzählen die Menschen in Erftstadt, habe es Pfarrer Winfried geschafft, in der Jülich-Zülpicher Börde die überall sonst ausgestorbene Volkskirche am Leben zu erhalten – trotz Säkularisierung, trotz Missbrauchsaffäre, trotz Protz und Prunkbauten in Limburg und anderswo. "Es gibt viele Menschen hier", erinnert sich Jutta Jüterbock, "die waren nur wegen Winfried in der Kirche." Oder wie es in einer Facebook-Gruppe heißt: Pfarrer Winfried "war nicht die Kirche, aber er war für uns die Kirche und das gute Wort Gottes".

Und jetzt ist Winfried weg. Von einem Tag auf den anderen. Ohne Abschied. Ohne erklärendes Woelki-Wort. Der rede eh lieber mit der Lokalpresse über die Menschen hier als mit ihnen, heißt es derweil in Erftstadt. Dabei lechzen die Erftstädter geradezu nach episkopaler Aufmerksamkeit. "Sehr geehrter Kardinal", heißt es in einer aktuellen Postkartenaktion der Gläubigen, "unsere Gemeinde wünscht sich Ihre Hilfe, Ihre Barmherzigkeit und das gemeinsame Gebet. Kommen Sie uns besuchen?" Das wolle er zu gegebener Zeit tun, antwortete Woelki in der Lokalpresse. Doch was heißt das genau? Woelki allein weiß es!

"Man kann sich das von außen kaum vorstellen", erzählt Jutta Jüterbock. "Es gibt Leute hier, für die ist eine Welt zusammengebrochen, die konnten tagelang nicht zur Arbeit wegen Winfried." Nur in Köln, so der Vorwurf, seien der Macht die Menschen egal. Da könne man sich nicht vorstellen, dass es nach 2010 überhaupt noch Menschen gebe, für die der Pfarrer eine Respektsperson sei, der man vertraut, zu der man aufschaut und die man selbst dann nicht allein lässt, wenn sie sündig ist und schwach. Damian van Melis, Verlagsleiter und ebenfalls Mitglied des Pfarrgemeinderats in Erftstadt-Ville, glaubt: In Köln habe man sich vielleicht zu sehr daran gewöhnt, dass es mittlerweile viele Menschen nicht sonderlich überrascht, wenn der Pfarrer nebenan als Missbrauchstäter gilt – Hauptsache, die Kirche steht vor der Welt als Aufklärer da, Hauptsache, der Schuldige wird schnell und geräuschlos aus dem Weg geschafft: Das sei eine "kaputte Ekklesiologie".

Im Zentrum der Macht, in Köln, sieht man das natürlich anders. Da kann man auf Nachfrage der Presse die Wut der Gemeinde vollauf verstehen und beharrt zugleich darauf, nur getan zu haben, was getan werden musste: Die selbst gewählten Richtlinien schreiben die Entpflichtung zwingend vor, so heißt es. Und was die Medien anbelange: Man sei verpflichtet, öffentlich Auskunft zu geben. Der Missbrauchsskandal vor fünf Jahren habe bewiesen, so ein Sprecher des Bistums, "dass die Kirche ihr Handeln für die Öffentlichkeit transparent machen muss". Außerdem seien da noch die Opfer: Ihre Identität müsse man schützen, mit ihrem Leid gelte es, diskret umzugehen.

Den Opfern und nicht "unserem tollen Pfarrer", schrieb jüngst Werner Becker, Professor für Zahnmedizin und selbst Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Geistlichen, in einem Leserbrief im "Kölner Stadt-Anzeiger", müsse die wahre, die uneingeschränkte Solidarität der Erftstädter gelten. Ihr Leid auszublenden grenze deshalb an Mittäterschaft. "Für die Solidaritätskundgebungen der vergangenen Wochen", so Becker, "sollten die Organisatoren und Teilnehmer um Entschuldigung bitten." Doch von Entschuldigung wollen Jutta Jüterbock und ihr Mann nichts wissen. Es stimme nicht, beteuern sie, dass sie keinen Blick für die Frauen hätten. Ihre Solidarität gelte auch und vor allem den Opfern. "Herr, unser Gott", betete die Gemeinde im Sonntagsgottesdienst. "Wir bitten dich für die Frauen, die sich an übergriffiges Verhalten erinnern, dass sie die Kraft zum Sprechen finden, dass sie Menschen finden, die ihnen glauben und zuhören, dass sie die Wahrheit finden, dass sie Heilung finden. Wir bitten dich: Erhöre uns." Sogar ein Gedenkschrein wurde eingerichtet in St. Barbara. "Solidarität", steht da, "mit drei verletzten Frauen! Was geschah? Wem noch? Fragen muss man ja!"

Doch es gibt auch andere Gemeindemitglieder. Die sind nicht so gemäßigt wie Jutta Jüterbock und ihr Mann, die, bei aller Kritik am Bistum, die Entpflichtung von Pfarrer Winfried heute sogar als unumgänglich betrachten. Anders die anderen: Die wissen nicht, wohin mit ihrem Zorn und ihrer Wut. Die verlangen nach Informationen: Was ist genau geschehen mit der Neunjährigen? Die wollen nicht akzeptieren, dass das Bistum ihnen diese Informationen aus Rücksicht auf die Opfer vorenthalten muss. Die anderen hängen sich Schilder um den Hals mit der Aufschrift "Je suis Winfried" und lassen sich stolz damit fotografieren, so als sei ihr Pfarrer Opfer eines radikal fehlgeleiteten Glaubens und nicht der eigenen Libido. Diese anderen bezeichnen die wahren Opfer in Internetforen sogar als Psychopathen und vermuten, es gehe den Frauen um Geld und sonst nichts. Dabei argumentieren sie nicht. Sie bellen und beißen und verteidigen ihren Pfarrer wie ein Schäferhund das Herrchen. Die Zeit sei schuld, die veränderte Moral, der Kardinal, Köln, die Presse, jeder, nur nicht Winfried. Sie mutmaßen: Das Schuldeingeständnis wurde ihm abgepresst. Es sei eine Verschwörung. Gegen Winfried. Gegen Erftstadt. Gegen den wahren Glauben.

Das kommt davon, erklären Jutta Jüterbock und Raymond Pieper, wenn man als Bistum eine Gemeinde mit ihrer Wut und Ohnmacht allein lässt: Wut macht blind für anderes Leid, Ohnmacht macht erfinderisch – eine explosive Kombination. Ein Teil der Gemeinde hat sich deshalb radikalisiert. Manche Erftstädter überlegen, aus Solidarität mit Pfarrer Winfried auszutreten aus der Kirche. Andere wollen gar die Firmung boykottieren. Sie meinen: Anders als der Austritt tue das einem Bischof noch richtig weh. Die Unterschriftenaktion von Jutta Jüterbock und Raymond Pieper sollte der Versuch sein, den Zorn zu kanalisieren und so zu bändigen. Doch selbst heute noch, vier Wochen nach der legendemachenden Pfarrversammlung, ist in der Gedenkecke in St. Barbara der Zorn der Menschen auf Bistum, Bischof und alles dazwischen unübersehbar. Ist es Zufall? Ist es Absicht? –
Eine der Solidaritätsadressen an die Opfer ist über und über mit Wachs besudelt. Nur ganz unten sind noch zwei Worte zu lesen. "Gott", steht da. "Würde", steht da.