Sie haben ein Feuer angezündet am Main, aus Mülltonnen und Holzlatten, nun stehen sie drum herum, manche singen und lachen, andere schreiben mit Kreide Sprüche auf die Straße. "Solidarökonomie statt Kapitalismus", zum Beispiel. Einer, in schwarzem Mantel und mit weißer Maske, wedelt über dem Feuer herum mit etwas, das aussieht wie ein Hundert-Euro-Schein. "Hängt ihr wirklich so daran?" ruft er. Es ist nicht zu erkennen, ob der Geldschein echt ist, aber das ist auch nicht wichtig, wichtig ist nur das Bild, der An-Schein. 

Schwarz steigt der Rauch auf über dem Fluss, hoch vor die Silhouette des vollverglasten Wolkenkratzers, der neuen Europäischen Zentralbank, die heute eingeweiht wird. Dem "Herz der Bestie", wie sie das hier unten nennen. Es ist noch nicht einmal acht Uhr an diesem Morgen, doch schon jetzt sind die Bilder entstanden, die von diesem Tag in Frankfurt bleiben werden: Gewaltbilder.

Zum "Tag X" hat das Bündnis Blockupy nach Frankfurt gerufen, und gekommen sind mit Sonderzügen und Bussen viele Tausende – ja, was eigentlich? Demonstranten? Aktivisten? Randalierende? Kriminelle? Schon die richtige Bezeichnung ist ein Problem, weil natürlich alle dabei sind.

Auf einem kleinen Platz direkt bei der EZB hat die IG Metall ihren Stand aufgebaut, "Gemeinsam für ein gutes Leben", steht auf ihrem Zelt. Ältere Herrschaften verteilen Mindestlohn-Broschüren und trinken Kaffee. Dreihundert Meter weiter brennt ein Auto aus, vielleicht ein Polizeiwagen. Ein Fernsehteam nutzt es als Kulisse für einen Reporter-O-Ton. Es stehen aber auch sieben junge Demonstranten vor dem Auto und damit also im Fernsehbild. Sie halten erkennbar schnell gemalte Plakate hoch, auf denen steht: "No Violence" und "Gewalttäter, geht nach Hause!"

Blockupy distanziert sich nicht wirklich von den Gewalttätigen

Es ist eine ungewöhnlich deutliche Distanzierung. Die meisten Demonstrationsteilnehmer lassen diejenigen gewähren, die Steine werfen, Autos zerstören, Scheiben einschlagen. Die Gewalttätigen mischen sich immer wieder unter die Friedlichen, schleudern aus der Masse heraus Steine, ziehen sich dann zurück und verschmelzen später wieder mit der Masse.

So klingen dann auch die Distanzierungen der Bündnis-Sprecher. Es sind keine. "Das ist nicht so, wie wir von Blockupy den Tag geplant haben", sagt Hendrik Wester. "Aber man muss auch feststellen, dass offensichtlich das Bürgerkriegsszenario, was die Polizei da aufgemacht hat, (...) von vielen Leuten als Herausforderung und als Provokation begriffen worden ist."

Was genau jene kleine Gruppe provoziert haben soll, die nun auf der Hanauer Landstraße das Pflaster mit Stahlstangen aufbricht, die Steine dann in die Scheiben der Straßenbahnhaltestelle wirft und dann wegrennt – es ist nicht zu erkennen. Schon vor sieben Uhr morgens hatten Blockupy-Teilnehmer eine Reihe geparkter Polizeiautos vor einer Wache in der Innenstadt abgefackelt. Weil es eben Polizeiautos waren. 

Losgezogen waren die Blockupisten schon um sechs, als es noch dunkel war. Aufgeteilt in verschiedene "Finger", große Gruppen, die unabhängig voneinander durch die Stadt auf die EZB zuliefen. Die Finger wiederum bestehen aus kleinen Bezugsgruppen, meist fünf bis zehn Leute, die möglichst immer zusammenbleiben. Im blauen Finger, in dem viele Berliner versammelt sind, gibt es zum Beispiel die Bezugsgruppen "Seitan", "Zwiebel" oder "Grexit". Man hört diese Signalworte jetzt immer wieder über die Hanauer Landstraße schallen, wo die blaue Truppe ein Hin-und-her-Gerenne mit der Polizei veranstaltet, wie es seit Jahrzehnten zum Ritual linker Großdemonstrationen gehört.

Überall Scherben

Eine junge Frau versucht, die Linie der Polizisten zu durchbrechen, wird zu Boden geworfen, die Menge schreit, plötzlich rennen alle, die Hundertschaften rennen hinterher in ihren schweren Uniformen. Manchmal rennt auch die Polizei zuerst los, es ist schwer auszumachen, warum überhaupt die ganze Zeit gerannt wird, vielleicht braucht es auch keinen Grund. Dann stehen sie wieder gelangweilt herum, und weil sie offenbar irgendwo hin müssen mit ihrer Energie, zünden einige den nächsten Mülleimer an. Sie werfen Eier auf ein vorbeifahrendes Auto, einen 3er-BMW, anscheinend der Feind. Dann spielen sie etwas Fußball.

Kaum eine Nebenstraße, in der am Vormittag nicht eine Scheibe eingeschlagen ist, in der nicht ein Müllcontainer brennt, einfach so.

Die EZB und die Eröffnungsfeier können sie nicht stilllegen. Heute arbeiten viele Mitarbeiter sowieso vorsorglich zu Hause, die Feier selbst ist auf knapp zwanzig Teilnehmer geschrumpft. Dafür wird anderes lahmgelegt: Die Post liefert nicht, die Straßenbahnen stehen still, an mindestens vier Schulen fiel der Unterricht aus, und im Amtsgericht werden Verhandlungen abgesagt, weil Zeugen nicht zum Gebäude gelangen.

Herzen aus Pflastersteinen

Um elf Uhr sind im Viertel unterhalb des EZB-Turms etwa 300 Leute von der Polizei eingekesselt, viele Italiener darunter. Blockupy ruft dazu auf, zu ihnen in den Kessel zu gehen, aus Solidarität, und schimpft auf die Polizei. Die wiederum twittert Luftaufnahmen, auf denen von oben der dichte, schwarz vermummte Block im Kessel zu sehen ist. "Bunter Protest?" schreiben sie dazu ironisch.

Von 350 Festnahmen spricht die Polizei zu diesem Zeitpunkt, Verletzte soll es auch gegeben haben, etwa 90 unter den Polizeibeamten. An der EZB selbst ist es friedlicher geworden, hier dominieren jetzt die Plakate der Grünen und der Gewerkschaften. Vorne, wo der Streifen beginnt, den sie nicht mehr betreten dürfen, lachen Demonstranten mit Polizisten gemeinsam über etwas, was wohl ein Witz gewesen sein muss.

EZB-Präsident Mario Draghi, sein Vorgänger Jean-Claude Trichet und der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) treffen pünktlich zur winzigen Eröffnungsfeier in der EZB ein. Unten vor dem Gebäude halten zwei ein Transparent hoch, darauf ein Spruch von Jean-Jacques Rousseau, dem Aufklärer: "Zwischen dem Starken und dem Schwachen ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." Auf der Brücke, wo vorhin der Mann das Geld verbrennen wollte, haben sie nun die Pflastersteine zu Mustern gelegt, ein Herz ist zu sehen und ein Peace-Zeichen. Daneben raucht das Feuer vom frühen Morgen noch immer. Tag X ist noch nicht vorbei.