Germanwings-Absturz: Große Airlines führen Zwei-Personen-Regel ein

Der Copilot war allein, als er den Sinkflug einleitete. Als Konsequenz ändern viele Airlines ihre Cockpit-Regel. Der zweite Tag nach dem Unglück in der Blog-Nachlese.
Bergungsarbeiten an der Absturzstelle © Francis Pellier/AP/dpa

Die französischen Ermittler gehen davon aus, dass der Copilot Andreas Lubitz den Absturz der Germanwings-Maschine absichtlich herbeigeführt hat. Nach Angaben von Staatsanwalt Brice Robin verwehrte Lubitz dem Piloten den Eintritt, nachdem dieser die Kanzel kurzzeitig verlassen hatte. Zu dem Zeitpunkt, als der Pilot an die Cockpittür klopfte, hatte Lubitz bereits per Hand den Sinkflug von der Reiseflughöhe eingeleitet.

Der Pilot habe mehrfach an die Tür geklopft, aber keine Reaktion erhalten, sagte Robin. Die Absicht des Copiloten sei offenbar gewesen, "das Flugzeug zu zerstören".  Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund gebe es nicht.

Am frühen Nachmittag erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr, dass Lubitz seine Flug-Ausbildung 2008 für mehrere Monate unterbrochen habe. Bis zu seinem Abschluss habe er alle technischen und medizinischen Tests bestanden. Er war "hundert Prozent flugtauglich", sagte Spohr.

Ermittler durchsuchten am späten Nachmittag das Haus und die Wohnung von Lubitz nach Hinweisen auf ein mögliches Motiv oder Anzeichen für eine psychische Erkrankung. Nach Angaben der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft liegt bei den Ermittlungen ein besonderes Augenmerk auf persönlichen Unterlagen.

Die Entwicklungen des Tages führten am Abend zu ersten Konsequenzen im Flugverkehr: Zahlreiche Airlines, darunter die großen deutschen, führen die Zwei-Personen-Regel ein, wonach immer mindestens zwei Personen im Cockpit anwesend sein müssen.

Lesen Sie hier die Ereignisse des Tages in unserer Blog-Nachlese:

  • (22:00) Die Angehörigen haben die Gegend der Absturzstelle mehrheitlich wieder verlassen. Ein großer Teil sei wieder abgereist, sagte ein Sprecher des französischen Innenministeriums.

    Nach Angaben eines Lufthansa-Sprechers hatten sich insgesamt 201 Angehörige nahe der Unglücksstelle eingefunden. Unter ihnen waren demnach 33 Angehörige der Flugzeugbesatzung. Die Angehörigen der Besatzungsmitglieder wurden getrennt von den Angehörigen der Passagiere empfangen.

  • (21:41) In Kanada sind die verschärften Cockpit-Regeln jetzt verpflichtend. "Die Zwei-Personen-Regel gilt ab sofort", sagte Verkehrsministerin Lisa Raitt. Zuvor hatten sich die kanadischen Fluglinien Air Transat und Air Canada bereits freiwillig zur Einhaltung der Regel verpflichtet.

  • (21:27) Die Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung des Copiloten ist nach etwa vier Stunden beendet worden. Kriminalbeamte hatten nach Hinweisen auf ein mögliches Motiv oder Anzeichen für eine psychische Erkrankung gesucht. Nach Angaben der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft liegt bei den Ermittlungen ein besonderes Augenmerk auf persönlichen Unterlagen. Die Auswertung der Unterlagen werde voraussichtlich einige Zeit in Anspruch nehmen.

  • (21:25) Die französischen Behörden haben Videoaufnahmen freigegeben, die einen Eindruck von den Bergungsarbeiten vermitteln.

  • (20:39) Die Zwei-Personen-Regel soll für alle Mitglieder des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) gelten. Künftig solle sich kein Pilot mehr allein im Cockpit aufhalten dürfen, sagte BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow. Die Regel soll am Freitag mit dem Luftfahrt-Bundesamt besprochen und unverzüglich umgesetzt werden.

    Zu dem Verband gehören neben Air Berlin unter anderem die Lufthansa, Condor, TUIfly und die Frachtfluggesellschaft der Deutschen Post, DHL/European Air Transport Leipzig.

  • (20:24) Mit Einbruch der Dunkelheit sind die Bergungsarbeiten unterbrochen worden. Bis zur Dämmerung waren ständig Hubschrauber gestartet und gelandet. Am Tag waren zwischen 50 und 70 Experten an der Absturzstelle. In der Nacht wird die Absturzstelle von Spezialkräften gesichert.

  • (19:10) Neben easyJet ändern auch Air Berlin sowie die beiden Fluglinien Norwegian Air Shuttle und Icelandair die Sicherheitsbestimmungen und führen die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein. Auch der Lufthansa-Partner Air Canada kündigt neue Regeln an.


    Von Freitag an müssten sich immer zwei Crew-Mitglieder dort aufhalten, erklärt ein Air-Berlin-Sprecher.


    Ein Unternehmensvertreter von Norwegian sagte, künftig müsse das Cockpit immer von mindestens zwei Menschen besetzt sein. Eine solche Änderung der Vorschriften sei schon länger im Gespräch gewesen, so der Sprecher. Die Erkenntnisse der Ermittler zu dem Germanwings-Absturz hätten "die Dinge beschleunigt". Die norwegische Luftfahrtbehörde muss noch zustimmen. Das Unternehmen geht aber davon aus, dass die neuen Regeln schon ab dem morgigen Freitag gelten.


    Ein Icelandair-Sprecher sagte, die Vorschriften würden angesichts der Informationen über den Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich geändert.

  • (18:29) Die Pilotengewerkschaft Cockpit hat Zweifel an der Selbstmord-Theorie des Copiloten. Viele Fragen seien noch offen, sagte Gewerkschaftssprecher Jörg Handwerg dem Handelsblatt. Bei den Erkenntnissen der Ermittler handele es sich um "einen ersten Zwischenbericht". Aus Sicht von Cockpit seien noch andere Möglichkeiten als Vorsatz denkbar. "Deshalb brauchen wir eine Auswertung des Flugdatenschreibers", so Handwerg.


    Fragen, die seiner Meinung nach noch offen sind:

    - Woran macht man fest, dass der Sinkflug vorsätzlich eingeleitet wurde?

    - Was ist mit dem technischen Zustand des Flugzeugs?


    Anders sieht es die Gewerkschaft des Kabinenpersonals UFO. Sie habe "keine Erkenntnisse, die der Darstellung der Staatsanwaltschaft in Frankreich entgegenstehen", heißt es in einer Mitteilung der Flugbegleitergewerkschaft. "Es muss also davon ausgegangen werden, dass tatsächlich dieses Einzelschicksal, über dessen Hintergründe noch nichts bekannt ist, zu dieser Tragödie geführt hat."

  • Am Ende war der Copilot alleine im Cockpit der Maschine, die über Frankreich abstürzte. Durfte er das? Unsere Autorin Steffi Dobmeier geht in diesem Text der Diskussion um die Zwei-Mann-Regel nach. Informationen über den Copiloten, der offenbar 149 Fluggäste tötete, haben Frida Thurm und Kai Biermann hier zusammengetragen.

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