Am Mittwochvormittag ist der Bürgersteig vor dem Joseph-König-Gymnasium in der kleinen Stadt Haltern abgesperrt. Übertragungswagen stehen die Straße entlang, vor der Schule leiten Polizisten Passanten und Journalisten auf die andere Straßenseite. Anwohner schauen zwischen den Gardinen hinaus. Die Stadt ist in Schockstarre.

Hinter der Absperrung waren seit sieben Uhr morgens Mitschüler, Lehrer und Eltern der aus Haltern stammenden Opfer des Flugzeugabsturzes vom Dienstag zusammengekommen. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen waren an Bord der verunglückten Germanwings-Maschine gewesen. Sie befanden sich auf der Rückreise von einem Sprachaustausch. 

Auch NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann ist am Mittwoch nach Haltern gekommen, um ihre Anteilnahme auszudrücken. "Die Klassen kommen weiter zusammen, wie es im Stundenplan steht", sagt sie am Vormittag auf einer Pressekonferenz im Rathaus. "Aber dass das kein Unterricht nach Plan wird, versteht sich von selbst." Es seien auch weiterhin etwa 50 psychologische und seelsorgerische Betreuer an der Schule.

Jeder kennt einen Betroffenen

"Haltern am See hat 37.000 Einwohner – Sie können sich vorstellen, dass nahezu jeder jemanden aus den betroffenen Familien kannte", sagt der Bürgermeister von Haltern, Bodo Klimpel. Die Stadt habe alle Veranstaltungen in dieser Woche abgesagt.  

150 Menschen sind bei dem Absturz von Flug 4U9525 in den französischen Alpen ums Leben gekommen. Sie stammen aus Deutschland, Spanien und vielen anderen Ländern. In der kleinen Stadt Haltern in Nordrhein-Westfalen wird das Leid der Hinterbliebenen besonders greifbar, weil es dort gleich so viele Bewohner der Stadt getroffen hat. Und dann auch noch Jugendliche und zwei junge Erwachsene, die Lehrerinnen.

"Den Schmerz über ein verlorenes Familienmitglied kann keine Macht der Welt nehmen", sagt Bildungsministerin Löhrmann. "Wir können ihn nur teilen. Aus dem gemeinsamen Teilen kann ein wenig Trost erwachsen." Am Dienstag waren Schüler und Eltern spontan in einer Kirche zum Gedenken zusammengekommen. Im Rathaus und in der Schule liegen Kondolenzbücher aus, der Schulleiter Ulrich Wessel sagt, ihn erreichten zahlreiche Kondolenz-E-Mails aus dem In- und Ausland.

Nicht nur die direkten Angehörigen brauchen Trost, viele Menschen in Haltern trauern. In der katholischen St.-Sixtus-Kirche am Marktplatz brennen Hunderte Kerzen auf dem Boden vor dem Altar. Am Nachmittag kommen Ältere und Kinder mit Schulrucksack, um neue anzuzünden oder Blumen niederzulegen. In dem Kondolenzbuch steht alte Schreibschrift neben gemalten Herzen und "R.I.P"-Schriftzügen. Eine Mutter kommt mit ihrer Tochter, die ungefähr im Alter der verunglückten Schüler ist. Sie setzt sich auf eine Kirchenbank und weint.