Die Polizei hat neue Hinweise auf Verbindungen zwischen der rechtsextremen Szene in Baden-Württemberg und der Terrorgruppe NSU. Im Südwesten existiert nach ihren Erkenntnissen eine rechtsradikale Gruppe, die sich Neoschutzstaffel nennt, berichten die Stuttgarter Nachrichten. Sie soll sich mit den Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrundes in Öhringen östlich von Heilbronn getroffen haben. Die Ermittler hatten zuvor die Existenz dieser Neoschutzstaffel bezweifelt.

Der Hinweis auf diese Gruppe geht auf die Aussagen eines Aussteigers aus der rechtsextremen Szene zurück, der im September 2013 in einem brennenden Auto starb. Sein Vater hat angedeutet, dass Florian H. gewusst habe, wer hinter dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn steckte. Florian H. habe den Prozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe als Farce bezeichnet, solange nicht weitere Personen auf der Anklagebank säßen – und er habe einen "Matze" genannt.

Nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten kommt dieser "Matze" aus Neuenstein im Hohenlohekreis und ist zurzeit Soldat der Bundeswehr. Er soll Mitglied der Neoschutzstaffel sein und habe "NSS" auf seinem Körper tätowiert. Die Polizei hat "Matze" vor Kurzem identifiziert, wie ein Beamter am Freitag im NSU-Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags sagte. Seine Identifizierung ist von Bedeutung, weil die Ermittler die Aussagen des Zeugen Florian H. bislang für wenig glaubwürdig hielten.

Florian H. bewegte sich in Neonazi-Kreisen und stand im März 2013 wegen Zeigen des Hitlergrußes vor Gericht, berichten die Stuttgarter Nachrichten. Das Landeskriminalamt hatte im Rahmen des Aussteigerprogramms "Big Rex" Kontakt zu ihm. Im Januar 2012 berichtete H. dem LKA von einer militanten Organisation, die unter dem Namen Neoschutzstaffel (NSS) in Baden-Württemberg aktiv sei und einen Bezug zum NSU habe.

Ermittler glaubten nicht an die NSS

Die Bundesanwaltschaft hält die nicht mehr lebenden früheren NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt für die Mörder der Polizistin Kiesewetter. Florian H. habe hingegen zwei Mitauszubildenden erzählt, er kenne den Täter, berichtete eine Zeugin im Januar 2012. H. bestritt diese Aussage, als Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) ihn dazu befragten. Stattdessen erzählte er von der Neoschutzstaffel – doch die Ermittler verfolgten diesen Hinweis nicht. Erst 18 Monate später wollten sie Florian H. erneut dazu vernehmen.

Acht Stunden vor dem geplanten Treffen am 16. September 2013 ging bei der Polizei die Meldung über den brennenden Wagen in Bad Cannstatt ein. H. habe sich mit Benzin übergossen und angezündet, heißt es in einem Polizeivermerk. Bislang gab es keinen Zweifel an seinem Selbstmord.

"Mein Sohn war kein Heiliger", sagte der Vater des verstorbenen NSU-Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags. Er habe aber die Kurve gekriegt und sich vom rechten Milieu gelöst – unter "heftigsten Drohungen" seiner ehemaligen Gesinnungsgenossen.