Piloten sind Menschen. Ihre körperliche und geistige Verfassung hat einen großen Einfluss auf die Sicherheit des Fliegens. Das ist vielen in diesen Tagen sehr bewusst geworden. Darum drehen sich die Debatten nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen – was auch immer die Motive gewesen sind, die Andreas Lubitz dazu brachten, sich im Cockpit zu verbarrikadieren und das Flugzeug offenbar bewusst zum Absturz zu bringen.

Noch nie dürfte so viel darüber gesprochen worden sein, dass Piloten zur Toilette müssen. Die nun diskutierte Regel, dass immer zwei Personen im Cockpit anwesend sein müssen, lässt sich daran leicht erklären: Der Pilot hat ein Bedürfnis, das versteht jeder; er verlässt seinen Platz, und ein anderes Crewmitglied tritt an seine Stelle – für den Fall, dass der zweite Pilot zum Risiko wird. Gedacht war ursprünglich daran, er könne ein gesundheitliches Problem haben und selbst seinen Kollegen nicht mehr hereinlassen können. Gegen böse Absichten allerdings wäre der dann Anwesende möglicherweise machtlos.

"Wenn ein Pilot das will, kann er die Maschine jederzeit zum Absturz bringen, auch wenn er neben mir sitzt", sagt ein Flugkapitän, der wie Lubitz den Airbus A320 fliegt und seinen Namen nicht nennen möchte. Seit zehn Jahren ist der Mann in der Luft. Er sagt: "Das, was hier passiert ist, hat für mich mit meinem Beruf eigentlich nichts zu tun. Es fällt für mich in dieselbe Kategorie wie ein Amoklauf etwa an einer Schule: Man kann so etwas nicht ausschließen." Er glaubt nicht, dass regelmäßige psychologische Untersuchungen eine solche Tat verhindern würden.

Dem bestehenden System der regelmäßigen Tests und medizinischen Untersuchungen vertraut er. Die Ausbildung für den Beruf ist hart, die Erwartungen sind hoch. "Auf uns lastet schon ein großer Druck, weil man im Grunde im Halbjahresrhythmus rausfliegen kann, wenn man die geforderte Leistung nicht bringt", sagt der Pilot. Aber alle Piloten wollten doch so sicher wie möglich fliegen und gesund aus dem Flugzeug steigen. "Wenn ein Einzelner etwas anderes vorhat, wird er es einem Psychologen doch nicht erzählen", vermutet der Airbus-Pilot. Jede Krankheit, jedes Scheitern an den Anforderungen kann die Karriere sofort beenden. Das macht es umso schwerer, über mögliche Probleme frühzeitig zu sprechen.

"Von uns wird Übermenschliches erwartet"

Womöglich hätte man diese Katastrophe trotzdem verhindern können, so wie viele andere, bei denen hinterher immer alle klüger sind – ganz gleich ob Suizid, Unfall oder Attentat, ob Vorsatz oder nicht. Viele Vorschläge, die nun kursieren, werden sich als voreilig erweisen, manches wird Bestand haben und die Sicherheit des Fliegens noch einmal verbessern.

Doch im Flugverkehr gelten andere Maßstäbe als in jedem anderen Verkehrsbereich, sagt Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit. "Von uns wird Übermenschliches erwartet: Frei von jeglichen Fehlern, stressrobust und rational sollen wir sein." Wenn jetzt ein Stück vom Image der "Götter der Lüfte" wegbreche, dann nur, weil es falsche Vorstellungen gebe.

"Aber überall, wo Menschen arbeiten, gibt es auch die ganze Bandbreite menschlichen Verhaltens", sagt Handwerg. Die einen verarbeiteten eine Scheidung, die anderen müssten sich mit schwerkranken Angehörigen befassen. "Piloten haben wie jeder andere ein emotionales Umfeld, das stützt oder belastet." Das technische Risiko könne man sehr gut minimieren, die psychologische Komponente werde nicht vernachlässigt, aber es sei ein Trugschluss, dass alles zu verhindern sei.

Restrisiko bleibt

Den Wunsch nach hundertprozentiger Sicherheit kann Handwerg grundsätzlich verstehen: "Auch wir streben danach." Dass jedoch im Luftverkehr, wie nirgendwo sonst, niemand den Mut habe, offen zu sagen: Es gibt immer ein gewisses Restrisiko, das wir akzeptieren müssen – darin sieht er ein gesellschaftliches Problem. Und eines der Politik, die immer sofort nach Maßnahmen schreie, um die Menschen zu beruhigen, die aber vielleicht am Ende nur die gefühlte Sicherheit erhöhen könnten. "Unser Anspruch ist, eine objektive Verbesserung zu erreichen. Daran werden wir auch nach diesem Fall weiter arbeiten."

Die Angst, auch im Cockpit könne nun das Misstrauen Einzug halten und ständig Fragen aufwerfen: Geht es dem Kollegen gut? Verhält er sich merkwürdig? – Handwerg und der Airbus-Pilot teilen sie nicht. "Ich muss meinen Kollegen vertrauen, wenn ich abhebe und zu jeder anderen Zeit", sagt der Flugkapitän. "Und ich kann ihnen vertrauen." Vom Heldenbild des unfehlbaren Piloten hat er dennoch schon lange genug. Viele große Airlines trügen allerdings mit einer überhöhten Eigenwahrnehmung dazu bei. Hier sei vielleicht etwas mehr Zurückhaltung gefragt.