In der Nacht zum 20. April 2012 ist Emöke K.* mit drei Bekannten in der Weimarer Nordvorstadt unterwegs, unweit vom Zentrum. Es ist bereits gegen eins, die Freunde sind auf dem Heimweg, als plötzlich neben ihnen zwei Streifenwagen anhalten. Die Beamten bitten die jungen Männer und Frauen, sich auszuweisen. Drei von ihnen leisten der Aufforderung Folge, Emöke K. weigert sich. Ihr sei nicht klar gewesen, warum sie das tun sollte, erzählt sie später. Sie geht davon aus, dass die Polizei sie wie schon einige Male zuvor ohne konkreten Verdacht anhält, einfach weil sie sich alternativ kleidet.

Die Beamten wollen Emöke K. in eines der Polizeifahrzeuge bringen, dabei geraten K. und eine Beamtin aneinander: Die Beamtin will K. am Arm nehmen, die 21-Jährige wehrt sich, ein weiterer Polizist kommt hinzu und hilft seiner Kollegin. Gemeinsam bringen sie K. zu Fall und legen sie in Handschellen. Noch vor Ort erstatten sie gegen K. Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Die junge Frau und ihre Freunde werden zur Polizeiinspektion gebracht und in Gewahrsam genommen.

Das könnte das Ende einer trivialen Geschichte über den Übermut einer jungen Frau sein. Oder aber der Anfang einer Geschichte über die fließenden Übergänge zwischen Staatsgewalt und roher Gewalt – gegen Menschen, für die eigentlich die Unschuldsvermutung gilt. Und der Fall von Emöke K. ist noch mehr als das: Er zeigt auch die Risiken, in die sich mutmaßliche Opfer von Polizeigewalt begeben, wenn sie gegen dieses Unrecht vorgehen wollen. Gerade läuft in Weimar ein Prozess – und zwar gegen Emöke K. und zwei ihrer Begleiter, wegen Vortäuschung einer Straftat. Doch dazu später mehr.

Über den Ablauf der Festnahme und das, was sich in den darauffolgenden Stunden auf der Wache zugetragen hat, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Die Version von Emöke K. erzählt ihre Berliner Rechtsanwältin. Anna Luczak sitzt in ihrem Büro voller Akten und schüttelt verständnislos den Kopf. Man habe ihrer Mandantin ja nicht einmal erklärt, warum sie festgenommen wird, sagt sie. Zudem sei K. auf der Wache rassistisch beleidigt worden. Emöke K., kurzes dunkles Haar, braune Augen, wurde in Ungarn geboren, sie besitzt eine doppelte Staatsbürgerschaft. Dieser Umstand habe einen der Beamten dazu verleitet, Emöke K. zu diskriminieren. In der Anzeige, die K. drei Monate später gegen die diensthabenden Beamten wegen Beleidigung und Körperverletzung im Amt erstattet, gibt sie die Worte des Mannes wieder: "Dir geht es in Deutschland viel zu gut. Wir müssen dir wohl mal zeigen, was die in deinem Land mit dir machen würden."

In Gewahrsam und im Verhör sei ihr mehrfach gedroht worden, sagt K. bei einem Treffen im Büro ihrer Anwältin. In der Strafanzeige gegen die diensthabenden Beamten werden einem Polizisten massive Einschüchterungsversuche vorgeworfen: "Ihr werdet euch noch wünschen, nie geboren zu sein, so klein werden wir euch kriegen." Ein anderer Kollege, der Emöke K. später vernimmt, habe angekündigt, dass er sie "einbuchten" möchte, er werde dafür sorgen, dass sie "hinter Gitter" kommt. "Das war meine größte Angst. Ich dachte, ich komme da nicht mehr raus."

Die Nacht auf der Wache verbringen Emöke K. und ihre Freunde jeweils in Einzelzellen. K. erinnert sich sehr gut daran, sagt sie. Vorm Einschluss habe sie sich in einem separaten Raum bis auf die Unterwäsche auszuziehen müssen, mit einem Schild in der Hand, auf dem ihr Name stand, habe man sie dann fotografiert. Bis zur Vernehmung am Morgen um neun kann sie kaum schlafen, mehrfach seien Beamte vor ihrer Tür stehen geblieben und hätten durch die Gitterstäbe hindurch anzügliche Bemerkungen gemacht. Die Männer hätten so getan, als hielten sie ihren Penis in der Hand und onanierten in ihre Richtung. Später habe dann einer von ihnen in die Zelle gespuckt.

Wenig später seien zwei andere Polizisten gekommen, um sie in Handschellen zu legen. Emöke K. gerät in Panik und versucht sich zu wehren. Vergeblich. Denn plötzlich schlägt einer der Beamten ihr mit der Faust ins Gesicht. Sie fällt zu Boden und bleibt liegen. Erst jetzt können die Beamten ihre Oberarme hinterm Rücken fixieren. Die Männer gehen dabei wenig zimperlich vor, treten auf die wehrlose Frau ein, zerren sie durch die Zelle. "Ich habe vor Schmerz geschrien, aber das hat sie nicht interessiert", sagt sie. Später, als sich die Situation etwas beruhigt hat und ihr die Handschellen wieder abgenommen werden, bringt eine Beamtin ihr ein Glas Wasser und eine Decke.