Die Patientin ist 73, sie hat Lungenkrebs. Noch ein Vierteljahr könnte sie leben, sagen ihre Ärzte. Heilungschancen sehen sie keine, zu weit hat sich der Krebs in ihrem Körper ausgebreitet. Sie liegt im Krankenhaus, eine Beatmungsmaschine pumpt ihr Sauerstoff ins Blut. Sie hat Schmerzen. Und sie hat Angst, dass sie noch schlimmer werden. Die Frau will nicht, dass es so weit kommt. Sie will sterben.

Wie dieser Frau geht es vielen Menschen in Deutschland: Todkranke, die nicht mehr leiden wollen. Sie bitten darum, Maschinen abzustellen oder eine tödliche Dosis Schlafmittel zu erhalten. Sie sind verzweifelt. Sie haben verzweifelte Angehörige. Sie wünschen sich ein letztes Bisschen Autonomie an ihrem Lebensende, die letzte Entscheidung über ihren Tod, oder besser gesagt, über ihr Leben. Wenn sie die in Deutschland nicht bekommen, fahren manche von ihnen in die Schweiz zu einem Sterbehilfeverein.

Das soll ein neues Gesetz zur Sterbehilfe überflüssig machen. Wenn der Bundestag ab dem Sommer erneut über die verschiedenen Entwürfe berät, sucht er eine Lösung für ein moralisches Dilemma: Was zählt mehr – das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung, oder die Pflicht der Gesellschaft, ihre Mitglieder und deren Leben zu schützen?

Eine Antwort darauf lässt sich nur finden, wenn man auch fragt, was Selbstbestimmung ist. Die Abgeordneten verhandeln über eine der wichtigsten Grundlagen für unser Selbstverständnis als Menschen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit, aus der sich der Wille speist, ist per Grundgesetz garantiert. In der Sterbehilfedebatte stößt diese Grundlage an Grenzen: Wie gesund muss ein Mensch sein, um einen freien Willen zu haben? Welche sozialen Erwartungen, welche Schmerzen beeinflussen ihn? Und was ist mit dem Willen der Ärzte?

Schritt 1: Die Einwilligungsfähigkeit

Im Fall der krebskranken Patientin muss ihr Arzt erst einmal feststellen, ob sie einwilligungsfähig ist. Ärzte müssen das generell vor allen Eingriffen sicherstellen, zum Beispiel vor Operationen; wenn es um eine so weitreichende Entscheidung geht, wie lebenserhaltende Maßnahmen zu beenden oder gar eine tödliche Medikamentendosis zu nehmen, erst recht. Der Arzt muss entscheiden, ob die Patientin in der Lage ist, ihre Situation, die Behandlungsalternativen und deren Konsequenzen zu verstehen. Die Einwilligungsfähigkeit ist die medizinisch attestierte Fähigkeit zum freien Willen. Erst damit kann ein Patient in Behandlungen einwilligen – oder sie verweigern.

Doch gerade bei sterbenskranken oder älteren Patienten lässt sich diese Willensfreiheit nicht leicht feststellen. Wenn sie starke Schmerzen haben, Hirntumore oder eine beginnende Demenz, dann können diese Faktoren die freie Willensbildung aus medizinischer Sicht beeinflussen. Für solche Fälle braucht es dann Experten wie Anne Piening-Lemberg. Sie ist Psychiaterin und Psychoonkologin und leitet das Medizinische Versorgungszentrum Onkologie an der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg. Bei schwierigen Fällen wird sie oft um eine Einschätzung gebeten. Sollte der Bundestag ein Gesetz verabschieden, das Ärzten die Beihilfe zum Suizid erlaubt, müsste sie wohl häufiger über die mentale Verfassung sterbewilliger Patienten entscheiden.

Am wichtigsten ist dabei die Kommunikation: "Ich versuche erst mal ein Gespräch zu ermöglichen. Ich frage den Patienten, warum und wie lange er schon hier ist, welche Untersuchungen oder Eingriffe geplant sind und wie er dazu steht", sagt Piening-Lemberg. "Dadurch kann ich besser einschätzen, inwieweit der Betroffene die Situation adäquat einschätzt und dann auch selbst eine Entscheidung treffen kann."

Der Patient muss orientiert sein: Wer bin ich, welcher Tag ist heute? Dass ein Patient eine Behandlung deutlich ablehnt reicht nicht, Piening-Lemberg muss nachvollziehen können, wie der Patient zu seiner Ablehnung gekommen ist. Leidet jemand vielleicht an Wahnvorstellungen und vermeidet eine Darmspiegelung weil er paranoid ist und fürchtet, von innen manipuliert zu werden? Hat jemand Ängste, die behandelbar wären? Oder sagt jemand Nein zu einer Chemotherapie, obwohl er sehr gut weiß, welches Risiko das bedeutet? 

Schritt 2: Die moralischen Fragen

Wenn die Ärzte der sterbenskranken Patientin festgestellt haben, dass sie trotz ihrer Krankheit einwilligungsfähig ist, ist das nur der erste Schritt. Denn auch bei Ärzten bleiben manchmal Zweifel, sagt Piening-Lemberg. "Kann jemand eigentlich in den eigenen Tod einwilligen?"

In ihrer Klinik gebe es die Möglichkeit einer ethischen Fallbesprechung, in der unter den Mitarbeitern ein Weg gesucht wird, die Wünsche des Patienten, die Ängste der Angehörigen und die Meinung der Ärzte gleichwertig zu berücksichtigen.