An diesem Abend macht in Baltimore der Nihilismus eine Pause. Kurz nach Beginn der Ausgangssperre um 22 Uhr gibt es an der Pennsylvania Avenue ein kleines Scharmützel, doch die Handvoll Demonstranten lässt sich mit ein wenig Pfefferspray vertreiben. Danach ist nur noch eine Polizei-Phalanx von Männern in schwarzer Kampfmontur, mit Helm, Weste und Schild, zu sehen.

Keine 24 Stunden zuvor hatte die Pennsylvania die zornigen Horden aus den Ghettos in die wohlanständigen Bezirke gespült, wo sie einen Korridor der Verwüstung angerichtet haben. Vernagelte Läden, ausgebrannte Autos und eine verkohlte Drogerie zeugen davon. Seit am Dienstagfrüh die Nationalgarde von Maryland angerückt ist, herrscht jedoch ein angespannter Frieden hier, vorläufig jedenfalls. Denn der Zorn, der die Jugendlichen am Montag dazu angetrieben hat, Steine zu schmeißen, sitzt tief.

Man muss nur ein paar Schritte von der Pennsylvania Avenue wegtreten, um diesen Zorn zu finden, zwischen den ärmlichen Holzbuden und Autoteilehändlern hindurch, die schmale Primrose Avenue hinunter, die nach hundert Metern am Rande eines Wäldchens vor einem riesigen Flachbau endet. Das Gebäude wirkt wie eine Lagerhalle, doch der Innenraum mit gut 1.000 Stühlen ist eine Megachurch.

Gangs schließen Waffenruhe

Eingeladen hat Jamal Bryant, der Pastor der Gemeinde, der auch die Grabrede für den in Polizeigewahrsam verstorbenen Freddie G. gehalten hat. Es soll demonstriert werden, "dass das, was wir gestern auf der Straße gesehen haben, nicht unsere Stadt ist", wie Bryant beschwörend ins Mikrofon schreit. 300 Geistliche aller Couleur sind gekommen, Menschen aus allen Stadtteilen, mit allen Hautschattierungen, Alte, Junge, Arme, Reiche. 50 Gang-Angehörige der gefürchteten Crips und Bloods sind auch dabei. Sie haben ihr ewiges gegenseitiges Morden vorübergehend eingestellt und eine Waffenruhe erklärt.

Der Höhepunkt des Abends ist ein rituelles Lamento, das die Seele der Stadt reinigen soll. Bryant will den Bürgern von Baltimore die Gelegenheit geben, ihre Wut produktiv zu äußern, ihren Ärger vor der Gemeinde zu artikulieren, anstatt Scheiben einzuschmeißen. Der Bedarf dafür ist groß, die Schlange derer, die anstehen, um ihre Stimme zu erheben, reicht bis an den Ausgang. 

Da ist etwa Sandra, eine knapp 60 Jahre alte, gebürtige Jamaikanerin. Sie hat zusehen müssen, wie ihr Sohn erschossen wurde, mit neun Kugeln aus Polizeirevolvern, weil er ein Kartonmesser in der Hand hielt. Eine Untersuchung oder eine Anklage gab es nicht. "Es kümmert keinen, niemand interessiert sich dafür", weint sie in den Saal. 

Oder die 16 Jahre alte Jamira, deren Bruder von der Polizei erschossen wurde und die von keinem College aufgenommen wird, weil sie das traumatisiert hat, sie psychisch labil ist und der Schulpsychologe ihr kein Gutachten ausstellen mag. Dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher, als eine Ausbildung, mit der sie etwas aus sich machen kann, mit der sie dem Elend hier entkommen kann. Und auch sie benutzt die Worte, die man an diesem Abend hier immer wieder hört: "Es kümmert niemanden. Es interessiert einfach keinen."