Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Der geniale Helmut Qualtinger schildert – in der Rolle eines aggressiv-kriecherischen Kleinbürgers und Nazi-Mitläufers – wie er einen von ihm früher schikanierten Überlebenden des Holocaust nach dem Krieg wiedertrifft: "Ich sage: 'D' Ehre!‘ – Keine Antwort. Ich noch amol: 'Die Ehre!'" Der so Gegrüßte reagiert nicht. Der Erzähler nimmt dieses Unterlassen zum Anlass, seine früheren Schikanen gegen den Juden zu rechtfertigen und das Überleben des Opfers als Provokation zu deuten.

Was geschieht hier? "Die Ehre!" ist ein verstümmelter Gruß im Österreichischen wie das dahingemurmelte  "‘ß Gott!" in Süddeutschland oder das "Tach!" des Nordens. "Habe die Ehre!" wäre die längere Version, freilich immer noch unverständlich für Bewohner der norddeutschen Tiefebene. "Es ist mir eine Ehre, Sie grüßen zu dürfen!", wäre die Langfassung. Selbst diese spielt noch mit Ambivalenzen der Sprache. Denn das "Haben" der Ehre ist zugleich Angebot wie Aufforderung, Bitte wie Unterstellung:

Qualtinger betont das im zweiten Satz, fordernd und bedrohlich, mit der kaum verhüllten Gewaltandrohung eines Menschen, der seine Selbstbehauptung auf ein letztes Bollwerk zurückgezogen hat, das er bis zur Grenze der Selbst-Vernichtung, jedenfalls aber über die Grenze der Fremd-Vernichtung hinaus, zu verteidigen sucht. In der "Ehre", um die es da geht, liegt etwas Bedrohliches, Verlorenes. Wir kennen es aus den Texten und Subtexten von Menschen, die große innere Furcht nach außen kehren: Deutsche Ehre! Arische Ehre! Ehre der Kompanie! Männerehre! Ehre des Propheten! Solche Zuschreibungen von Ehre enthalten starke Elemente des Fordernden, Verlangenden, Schwachen: Gib‘ mir die Ehre! Erkenne mich an! Verachte mich nicht! Und zugleich Elemente der Behauptung, der Überwältigung: Gib mir, was mir zusteht! Erkenne mich als Herrn meiner (und deiner) Welt! In diesen beiden Flügeln des Ehr-Anspruchs steckt schon viel von seiner erstaunlichen Substanz und Wirkkraft.

Die Gesetzeslage

Über die Ehre und ihren strafrechtlichen Schutz gibt es außerordentlich viel Literatur. Dabei erwähnt die zentrale Vorschrift, der Paragraf 185 des Strafgesetzbuchs, den Begriff erstaunlicherweise gar nicht: "Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft", heißt es dort. In Paragraf 186 ist die "üble Nachrede" mit Strafe bedroht: "Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist…" In Paragraf 187 schließlich folgt die "Verleumdung"; das ist eine üble Nachrede, bei der der Täter die Unrichtigkeit der von ihm behaupteten Tatsache sicher kennt. Paragraf 188 bestraft die üble Nachrede und die Verleumdung gegen "Personen des politischen Lebens"; Paragraf 189 stellt das "Verunglimpfen des Andenkens von Verstorbenen" unter Strafe. Die angedrohten Strafen liegen im Mindestmaß bei einem Monat, im Höchstmaß  bei zwei Jahren (§§ 185, 186, 187), jeweils wahlweise mit Geldstrafe. Bei öffentlicher Begehung drohen erhöhte Strafen bis zu fünf Jahren. Die weitaus meisten Fälle werden in der Praxis mit Geldstrafen geahndet, wenn die Verfahren nicht schon gegen Erfüllung von Auflagen eingestellt werden. Freiheitsstrafen ohne Bewährung kommen praktisch kaum vor.

Die etwas altertümlich wirkenden Formulierungen bergen allerhand diffizile Einzelheiten, die hier keine Rolle spielen. Wichtig ist aber die Unterscheidung zwischen Paragraf 185 und den Paragrafen 186/187: "Beleidigung" meint eine (eigene) Wertung des Täters, "Üble Nachrede/Verleumdung" betreffen Behauptungen von (nachprüfbaren) Tatsachen, die zu abwertenden Wertungen von Dritten führen können. In dieser Unterscheidung offenbart sich schon recht viel vom Sinn des Gesetzes.

Sie ist aber nicht immer leicht zu treffen: "Herr X ist wegen Betrugs vorbestraft" ist sicher eine Tatsachenbehauptung, würde also unter die Paragrafen 186/187 fallen. Bei der Aussage "Herr X ist ein Betrüger" wird es schon schwieriger – sie kann beides sein. "Herr X hat einen betrügerischen Charakter" ist eher Wertung als überprüfbare Tatsachenbehauptung, gehört also zu Paragraf 185. Das gilt auch für die üblichen Beschimpfungen anderer als "geisteskrank", "irre", "dumm" und so weiter. Beleidigungen kann man sowohl gegenüber dem Geschädigten selbst als auch gegenüber Dritten äußern, üble Nachreden, wie sich aus dem Wortlaut ("in Beziehung auf einen anderen") ergibt, nur gegenüber Dritten. Daher sind ehrverletzende Tatsachenbehauptungen, die nur zum Betroffenen geäußert werden, als Beleidigungen (§ 185) anzusehen. In allen Fällen setzt die Strafverfolgung einen ausdrücklichen Strafantrag des Berechtigten voraus, Beleidigungsdelikte werden also nicht von Amts wegen verfolgt. Auch sonst gelten Besonderheiten, auf die ich noch zu sprechen komme.

Die "Ehre" einer Person ist etwas, das vom Recht der physischen und psychischen Existenz und Integrität dieser Person gleichgestellt wird: Nach Paragraf 253 des Bürgerlichen Gesetzbuchs kann "Schmerzensgeld" verlangen, wer an Körper, Gesundheit, Freiheit oder sexueller Selbstbestimmung verletzt ist. Dem ist die "Ehre" – obwohl nicht ausdrücklich genannt – gleichgestellt. Über den pekuniären Wert des "Schmerzes", den eine Beschimpfung mit Tiernamen oder Ausdrücken der Verachtung verursacht, streiten jährlich Tausende vor den Gerichten, und "Leitfäden" finden ihre Abnehmer, in denen der "Schmerzenswert" aller denkbaren Anreden von "Arschloch" und "Behinderter" bis "Winkeladvokat" und "Zugereister" aufgelistet ist.

Ehre und Strafverfolgung

Der Regelungsaufwand in insgesamt 11 Paragrafen (§§ 185 bis 200) erscheint erstaunlich, da doch die Strafdrohungen für Ehrverletzungsdelikte durchweg so gering sind, dass der Eindruck nahe liegt, das Rechtsgut sei dem Gesetz nicht besonders viel wert: Diebstahl oder Betrug, Körperverletzung oder Nötigung sind meist mit höherer Strafe bedroht.

Das war nicht immer so. Im Gegenteil: Lange Zeit galt die Ehre als das neben dem Leben wichtigste Gut, ihre Verletzung als infamer als Raub, Betrug, Diebstahl oder Körperverletzung. Wo "Ehre" nicht dem Individuum, sondern der Person als Vertreter von Sippen, Kasten, Klassen galt, wurde mit der Ehre vor allem dieser Status, mithin die ganze soziale Existenz angegriffen. Umgekehrt formulierte dieses Verständnis von Ehre einen hohen Anspruch an die Innengeleitetheit des Verhaltens: Der in engen, praktisch unveränderbaren Schubladen gefangene Mensch muss sich zu jeder Zeit "ehrenhaft" erweisen, also sein Verhalten am normativen Kontext seiner Gruppe ausrichten. Die Weltliteratur ist ein einziges Gewimmel von solchen "Ehren"-Konflikten (Effi Briest, Anna Karenina und überhaupt die russische Literatur des 19. Jahrhunderts, aber auch Don Quijote) und im "Korpsgeist", wie wir ihn aus geschlossenen Gruppen mit rigiden Innenregeln kennen (Armee- oder Polizeieinheiten, Absolventen von "Elite"-Schulen, privilegierte Gruppen) lebt dieser alte Ehrbegriff weiter – heute oft zur verständnislosen Belustigung der Umgebung.

In unserer Gesellschaft herrscht heute eine merkwürdige Ambivalenz: Von "Ehre" und ihren Ablegern ist zwar oft die Rede. Die eigene Ehre gilt den meisten noch immer als Inbegriff eines zu verteidigenden Persönlichkeitskerns. Zugleich aber werden Menschen, die nachdrücklicher als andere um ihre Ehre streiten, als kleingeistig, unsouverän, ja querulatorisch dargestellt und nicht selten verlacht. Der sprichwörtliche "Nachbarstreit" um längst vergangene Beleidigungen ist bei Unbeteiligten immer wieder Gegenstand der Schadenfreude.