Bashir Zakariyau schaut im Internet nach den Spielergebnissen. "Fußball beschäftigt mich. Das hilft, zu vergessen", sagt der 43-Jährige. Zakariyau ist ein großer, kräftiger Mann aus Nigeria, er lebt in einem Berliner Flüchtlingswohnheim. Vergessen will er die Katastrophe, die sein Leben vor vier Jahren für immer veränderte.

Im Mai 2011 arbeitete er als Gastarbeiter in Tripolis, berichtet Zakariyau. Eines Tages hätten libysche Soldaten ihn und seine Kinder gefangen genommen und in ein Flüchtlingsboot Richtung Europa verfrachtetet. Die Überfahrt dauerte eine ganze Woche, kurz vor Lampedusa kenterte das Boot. Viele starben, Zakariyau hat überlebt. "Ich frage mich oft, warum ausgerechnet ich dieses Glück gehabt habe." Hier erzählt er die Geschichte seiner Überfahrt.

"An jenem Morgen in Tripolis war alles ruhig, ich gehe zur Arbeit, bringe meine Kinder Ahmad und Amina in die englische Schule, ganz in der Nähe meines Arbeitsplatzes. Am Mittag beginnen Unruhen. Ich hole die Kinder, wir wollen schnell nach Hause zu meiner Frau. Doch auf dem Weg halten uns Soldaten an, sie nehmen uns mit. Sie sagen, sie wollen uns retten, da die Menschen hinter uns Schwarzen her seien. Im Wagen sind viele andere Menschen. Sie nehmen uns die Sim-Karten weg, keiner darf telefonieren. Ein paar Tage lang sperren sie uns in einem Camp ein, dann bringen sie uns auf ein Schiff.  

Sie bewachen das Schiff mit geladenen Gewehren, keiner darf es verlassen. Einige versuchen es. Es gibt ein Gerangel, Schüsse fallen. Kurz darauf treiben ihre Körper auf dem Wasser. Zu uns anderen rufen die Soldaten: "Fahrt oder sterbt."

Jeder hat einen Platz zugewiesen bekommen, wir sind viele Hundert. Das Boot ist groß, es hat mehrere Etagen, ein altes blaues Fischerboot aus Stahl. Aber es ist völlig überfüllt und viel zu eng. Jeder Zentimeter ist besetzt: unter Deck ist alles voll, auf Deck ist alles voll. Ich sitze eingequetscht auf dem Oberdeck am Bug, rechts, links, vor mir – überall sind Männer. Außer einer kleinen Tasche mit meinen Papieren habe ich nichts bei mir.

Ahmad und Amina sind in einer kleinen Kajüte auf der oberen Etage hinter dem Führerhäuschen, denn drinnen ist es wärmer. Alle Kinder sind dort oben. 

Einem Ghanaer haben sie gezeigt, wie man das Boot lenkt und navigiert, er ist unser Kapitän. Im Morgengrauen laufen wir aus. Unser Ziel ist die italienische Insel Lampedusa. Die Soldaten haben gesagt, es dauert ein, zwei Tage, dann sind wir da. 

Am ersten Tag läuft alles gut, wir fahren Richtung Italien, wir haben Kekse, Saft und Wasser. Irgendwann nach Mitternacht wird der Kapitän müde. Er will nicht mehr weiterfahren. "Ich muss schlafen", sagt er. Einige Männer werden laut. Sie wollen ihm verbieten zu schlafen, er soll weiterfahren. Doch der Kapitän kann nicht mehr. Er schläft. Wir schlafen alle.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter. Rundherum ist nichts als Wasser. Wenn ich nicht mehr sitzen kann, stehe ich auf, quetsche mich an den vielen Menschen vorbei und gehe in die Kajüte um nach Ahmad und Amina zu schauen. In der Kajüte sind viele Kinder, manche weinen.

Wir haben uns verfahren

Wir teilen das Essen auf, das Wasser wird langsam knapp, die letzten Kekse geben wir den Kindern. In der zweiten Nacht sehen wir in der Ferne eine Insel. Lichter leuchten, schemenhaft zeichnet sich eine bergige Landschaft ab. Das ist Italien! Lampedusa! Wir sind endlich angekommen! Alle jubeln. Der Mann, der dem Kapitän beim Navigieren helfen soll, wirft vor Freude das GPS-Gerät ins Wasser. Dann kommen zwei Boote auf uns zu.

Es sind Polizeiboote, vielleicht sind es auch Soldaten. Sie fahren unter tunesischer Flagge und mir wird klar: Wir sind nicht in Italien, wir sind vor Tunesien. Wir haben uns verfahren.

Die Männer haben Waffen, wir dürfen ihren Booten nicht nahekommen. Sie begleiten uns zwei Stunden in Richtung Italien. Wenn wir weiter in diese Richtung fahren, sind wir in ein paar Stunden da, sagen sie. Dann drehen sie ab. Also fahren wir weiter, bis der Kapitän wieder müde wird. Wir geben das letzte Wasser den Kindern.

Am dritten Tag stirbt der erste Mann.

Zunächst sehen wir ein Fischerboot mit Flagge, können sie aber nicht genau erkennen. Das Wasser sieht jetzt anders aus, deswegen sind wir sicher, dass wir Italien ganz nahe sein müssen. Die Soldaten hatten uns erzählt, dass das Wasser in Europa blauer ist, nicht so schmutzig wie bei uns. Doch als das Boot näher kommt, sehen wir: Es ist wieder eine tunesische Flagge. Jetzt fangen die Frauen an, laut zu weinen.  

Einige Männer schreien: Wir brauchen Wasser! Das Fischerboot ist ganz nah. Sie versprechen uns, Wasser zu holen, aber wir müssen alle an Bord unseres Schiffes bleiben. Ein Afrikaner springt trotzdem ins Wasser. Das Boot dreht ab und lässt uns allein.

Die Wellen werden höher und der Afrikaner schwimmt nicht gut. Er schafft es nicht zurück zum Boot. Ein Araber bindet sich ein Seil um den Bauch, er kann schwimmen und will ihn retten. Doch die Strömung ist zu stark. Wir sehen den Afrikaner strampeln, mit den Armen winken, immer wieder geht er unter. Irgendwann taucht er nicht mehr auf. Den Araber ziehen wir am Seil wieder auf unser Boot.

Jetzt haben alle Angst. Die Frauen schreien, die Männer schreien. Viele fangen an zu beten. Moslems, Christen – alle beten und weinen.