Wohncontainer auf dem Gelände einer Flüchtlingsunterkunft in Hamburg © Bodo Marks/dpa

Mitten im Gespräch blickt Mariam* aus dem Panoramafenster des Cafés über die Binnenalster auf die prunkvollen Fassaden der Reedereizentralen, Bankhäuser und Einkaufspassagen und sagt: "Sterben können wir auch zu Hause." Zu Hause, das ist der Irak. Dort tobt der Krieg. Draußen vor dem Fenster liegt friedlich die Innenstadt von Hamburg, einer der reichsten Städte Deutschlands. Im Irak fürchtet Mariam, ermordet zu werden. Hier in Deutschland, so erlebt sie es, droht der jungen Ärztin der soziale Tod.

Sechs Monate. So viel Lebenszeit haben sie, ihr Mann Yusuf* und ihre zwei kleinen Töchter schon verloren. So lange warten sie schon darauf, dass das neue Leben beginnt. "Wir könnten Deutsch lernen, arbeiten, endlich Geld verdienen", sagt Mariam. "Aber stattdessen denken wir nur darüber nach, wie wir legal im Land bleiben können."

Gäbe es die Castingshow Deutschland sucht die Super-Einwanderer, die Juroren hätten  Mariam und Yusuf direkt ins Finale geschickt. Ein Akademikerpaar aus dem Irak, Christen dazu. In der Schule übersprang Mariam eine Klassenstufe, ihr Medizinstudium schloss sie an einer renommierten Universität des Landes als Fünftbeste ihres Jahrgangs ab. Nun ist sie knapp über 30 und Fachärztin für Radiologie. Die englische Sprache brachte sie sich selbst bei, so akzentfrei, als habe sie an einer britischen Universität studiert.

Das Wichtigste: eigenständig sein

Yusuf ist Ingenieur für Kommunikationstechnik. Mit seinen Kollegen hat er für ein großes chinesisches Unternehmen deren Mobilfunknetz im Irak aufgebaut. Gelernt hatte er das in Ägypten, Italien und China. Überall auf der Welt könnte er arbeiten; die Standards sind weitgehend die gleichen.

Als Christin trägt Mariam kein Kopftuch, auch im Irak tat sie es nicht. Während sie berichtet, nimmt Yusuf seine eineinhalbjährige Tochter auf den Arm und füttert sie. Die andere Tochter ist vier Jahre alt. Zu Hause sprechen sie mit den Kindern nur Arabisch und ein bisschen Deutsch. Kein Englisch mehr, die Kinder sollen die neue Sprache schnell lernen.

Mariam und Yusuf sind in Deutschland, weil sie arbeiten wollen, so schnell wie möglich. Sie wollen einen Intensiv-Deutschkurs machen, sich selbst eine Stelle suchen, vor allem: eigenständig sein. Nichts schmerzt sie mehr, als dass sie Geld vom Staat annehmen müssen. Mariam sagt: "Wir können arbeiten." Doch der deutsche Staat verbietet es Mariam und Yusuf, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Begründung ist simpel und widersinnig zugleich: Sie sind Flüchtlinge.

Wenn man verstehen will, wie hilflos, naiv und gleichzeitig brutal die deutsche Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik funktioniert, muss man sich mit Mariam und Yusuf zurückdenken in den Irak; in den Irak des August 2014.

Die Botschaftstür bleibt zu

Der Supermarkt auf der anderen Straßenseite liegt plötzlich in Trümmern, kaum 50 Meter von ihrer Wohnung entfernt. Eine Bombe hat das Gebäude zerrissen. Mariam und Yusuf ist nichts geschehen, sie haben wieder einmal Glück gehabt. Dabei ist die Angst, zufällig Opfer eines Attentats zu werden, noch nicht das Schlimmste. Auch nicht, dass sich Mariam nur ohne weißen Kittel auf die Terrasse vor ihrem Krankenhaus wagt. Die Sniper am anderen Flussufer schießen auf jeden Arzt, den sie erwischen können. Die tägliche  Gewalt ist dem Paar zur Gewohnheit geworden. "Als wir geboren wurden, war Krieg, und heute ist immer noch Krieg", sagt Mariam.

Trotzdem haben sie nie weggewollt. Nicht aus Sentimentalität – ihre Großfamilie ist längst über die ganze Welt verstreut, Mariams Bruder lebt als Arzt in den Vereinigten Staaten. "Aber wenn die Qualifizierten das Land verlassen, dann gibt es endgültig keine Hoffnung mehr für den Irak", sagt Mariam.

Das Schlimmste war, als die Mörder vom "Islamischen Staat" heranrückten. "Unsere Gegend haben die Leute vom IS nicht erreicht. Aber ihre Ideologie ist da", sagt Mariam. Yusuf wird bedroht, ein Kollege von ihm entführt. "Christen hilft in solchen Fällen niemand." Selbst wenn die Familie das Lösegeld aufbringen kann, heißt das noch nicht, dass der Entführte unbeschadet freikommt. "Wir haben kleine Kinder", sagt Mariam. "Wir mussten weg."

Im arabischen Programm der Deutschen Welle haben Mariam und Yusuf gesehen, dass Deutschland verfolgte Minderheiten wie die Christen aus dem Irak aufnimmt, und auch, dass hierzulande Ärzte und andere Fachkräfte gesucht werden. Doch als sie zur deutschen Botschaft in Bagdad kommen, um sich zu informieren, lassen die Sicherheitskräfte sie nicht einmal bis zur Pforte vor.

Beide sprechen gut Englisch, sie könnten also auch nach Amerika gehen, nach Kanada oder Australien. Doch sollen sie inmitten der Gefahr jahrelang auf eine Greencard warten? Entfernte Verwandte sind in die Türkei geflüchtet, in den Libanon und nach Georgien. Dort sitzen sie  schon jahrelang tatenlos herum, ohne weiterreisen zu dürfen. "Das hätten wir niemals finanzieren können."