Bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer sind nach UN-Angaben erneut Hunderte Flüchtlinge ums Leben gekommen. Etwa 700 Menschen würden vermisst, sagte Carlotta Sami, Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, dem TV-Sender RAInews24. Es handle sich möglicherweise um "eine der größten Tragödien im Mittelmeer".  

Das Schiff kenterte demnach rund 110 Kilometer vor der libyschen Küste, 28 Passagiere wurden von der Besatzung eines Handelsschiffes gerettet. Der UNHCR-Sprecherin zufolge gibt es wohl keine weiteren Überlebenden. Die Geretteten hätten berichtet, dass mehr als 700 Menschen an Bord waren. Italiens Küstenwache und Marine suchten mit Booten und Hubschraubern am Unglücksort vor der libyschen Küste nach Überlebenden. Rettungskräfte haben 24 Leichen aus dem Mittelmeer geborgen. Weitere Sucharbeiten blieben erfolglos.

Ein Überlebender der Katastrophe sagte, dass noch deutlich mehr Menschen auf dem Schiff waren: "Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen", sagte der Mann aus Bangladesch laut der Nachrichtenagentur Ansa. Viele Menschen seien im Laderaum eingeschlossen gewesen und hatten so keine Chance gehabt, gerettet zu werden. "Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen", erzählte der Mann.

Ersten Erkenntnissen zufolge ging um Mitternacht ein Notruf bei der italienischen Küstenwache ein, die daraufhin einen portugiesischen Handelsfrachter zu der Unglücksstelle dirigierte. Beim Anblick des Schiffs hätten sich vermutlich die Passagiere auf dem Fischkutter auf eine Seite gedrängt und das etwa 30 Meter lange Boot so zum Kentern gebracht. Über die Herkunft der Menschen an Bord war zunächst nichts bekannt. 

Mehr als 1.000 Tote in zehn Tagen

"Wenn sich die Bilanz dieser erneuten Tragödie bestätigen sollte, sind in den vergangenen zehn Tagen mehr als 1.000 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen", sagte die UNHCR-Sprecherin. In dieser Woche war bereits ein Boot mit etwa 400 Menschen vor der libyschen Küste gekentert, nur wenige sollen überlebt haben. Auf ihrem Weg von der afrikanischen Küste über das Mittelmeer in die EU kommen jedes Jahr Tausende Flüchtlinge ums Leben. Die allermeisten von ihnen ertrinken, weil ihre überladenen Schiffe kentern.

Das jetzige Unglück könnte das Ausmaß der Katastrophe von Lampedusa 2013 noch übertreffen, sagte ein UNHCR-Sprecher in Genf. Im Oktober 2013 waren vor der italienischen Mittelmeerinsel mindestens 366 vor allem aus Somalia und Eritrea stammende Flüchtlinge ertrunken, als ihr Boot Feuer fing und kenterte.

Die italienische Küstenwache brachte am Wochenende auch weiter Migranten in Sicherheit, immer wieder kamen Boote mit Flüchtlingen an den italienischen Küsten an. Allein in der vergangenen Woche sollen es etwa 11.000 Menschen gewesen sein.

UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami verlangte eine Wiederauflage des Seenotrettungsprogramms "Mare Nostrum" in gesamteuropäischer Verantwortung. Die von Italien getragene Operation war im Oktober ausgelaufen und wurde durch das EU-Grenzschutzprogramm "Triton" ersetzt. Der Menschenrechtskommissar des Europarates, Nils Muiznieks, forderte per Twitter, Europa müsse dringend seine Einwanderungs- und Asylpolitik ändern und seinen Verpflichtungen zur Rettung von Menschenleben nachkommen.

Papst Franziskus bittet um Hilfe für Italien

Erst am Samstag hatte auch Papst Franziskus eine sehr viel stärkere Beteiligung der europäischen Staaten neben Italien bei der Aufnahme von Flüchtlingen verlangt. Angesichts des Flüchtlingsdramas forderte Franziskus beim Mittagsgebet auf dem Petersplatz eine schnelle und entschiedene Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Die Flüchtlinge seien Hungrige, Verfolgte, Verletzte, Ausgebeutete und Kriegsopfer, die ein besseres Leben und Glück suchten.

Nach Angaben der Vereinten Nationen starben innerhalb der ersten vier Monate des Jahres 900 Menschen bei dem Versuch, Europa über das Mittelmeer zu erreichen. Das sind mehr als zehnmal so viele wie noch im vergleichbaren Zeitraum des vergangenen Jahres. Dabei ist die Zahl der Reisenden zumindest auf der Hauptroute nach Italien etwa gleich geblieben.