Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Beherrschendes Thema seit zwei Wochen ist der Absturz eines Verkehrsflugzeugs. Es wird angenommen, einer der Piloten habe ihn absichtlich herbeigeführt. Es gibt dafür Indizien, aber keinen Beweis. Inzwischen ist Katzenjammer ausgebrochen über einen abermaligen Zusammenbruch der Nachrichtenkultur. Wir kennen die Tonlage seit dem sogenannten Gladbecker Geiseldrama.

Es war klar, dass mit den (vorerst immer noch spekulativen) Enthüllungen über die psychische Erkrankung des Copiloten eine Diskussion über die Möglichkeiten irgendeines "Schutzes" losbrechen würde. Die Vorschläge zur Aufhebung jeglichen Persönlichkeits- und Datenschutzes, die seither die Nachrichten füllen, haben dies bestätigt. Sie sind Unsinn. Ihre Umsetzung wäre nicht nur verfassungswidrig, sondern auch irrational. Wenn wir die gegebenen technischen Möglichkeiten wirklich nutzten, und uns gegenseitig auf unser verborgenes Gefahrenpotenzial untersuchten, entmenschlichten wir die Welt. Stattdessen sollten wir Mitleid haben mit uns selbst, und den Zufall als das annehmen, was er ist: Ein imaginierter "Restbestand" unserer Weltbeherrschung, der in Wahrheit 99,9 Prozent der Wirklichkeit ausmacht. Ein sehr großer Teil unserer normativen Bemühungen besteht aus vergeblichen Versuchen, diesem Zufall einen Sinn abzugewinnen und uns so als Herren der Gefahren zu träumen, ehe sie uns verschlingen.

Verarbeitung

Die Abläufe anlässlich derartiger Ereignisse gleichen einander auf bestürzende Weise. Das betrifft nicht zuletzt die vorhersagbaren Formen der medialen Erfassung. Nicht diese Formen aber sollen hier interessieren, sondern ein paar Allgemeinheiten. Sie deuten sich an in der Diskussion um die Form, auch in der aggressiven Nach-vorne-Verteidigung des Journalismus. Es handelt sich dabei um Endlosschleifen, verdreht in Raum und Zeit wie M. C. Eschers Wege ins Nichts.

Auffällig ist erstens: Die angeblich Sprachlosen sprechen ohne Unterlass. Das angeblich Unbeschreibbare wird endlos beschrieben. Zweitens: Kaum hat die Zeit begonnen, die angeblich "nicht die Zeit für Spekulationen" ist, jedoch ausschließlich aus Verbreitung derselben besteht, wird behauptet, nun komme es auf höchste Geschwindigkeit der Aufklärung an. Das mag vielleicht im Einzelfall einmal zutreffen, wenn es um offenkundig vom Einzelfall unabhängige Zusammenhänge geht. In der Regel ist die Behauptung aber ebenso falsch wie nutzlos und im Übrigen eher zynisch: Sie behauptet, für die Angehörigen der Opfer zu sprechen. Das ist nicht zutreffend. Ich bin in meinem Leben mehrfach mit dem plötzlichen Tod von Angehörigen oder Freunden konfrontiert worden. "Schnelligkeit" der Ursachenklärung war wahrlich das Letzte, was ich in diesen Situationen erwartete. Tatsächlich weist die Eile schon weit über die angebliche Fassungslosigkeit und das "Innehalten" hinaus. Sie will einfach nur wissen, ob die Gefahr vorüber ist oder uns selbst noch droht.

"Ursachenforschung"

Die Fragen, die gestellt werden, sind: Wie kam das? Wer ist schuld? Alles Weitere tritt – mindestens vorerst – zurück. Beide Fragen meinen im Grunde: Wo ist die Gefahr? Denn der Mensch ist, wie er ist. Wenn sein Nächster vom Blitz erschlagen wird, will er keineswegs als erstes wissen, warum das so war, sondern wie hoch die Gefahr für ihn selbst ist. Mit dieser Strategie haben wir die letzte Million Jahre überlebt. Der Rest ist für die Stunden der Kontemplation (Warum nur musste es so sein?) oder des Kampfs (Was kann man gegen die Gefahr tun?).

Deshalb sind die "Ursachenforschungen", die uns nach jeder Katastrophe überschwemmen, nicht viel wert. Kein Redakteur und kein Minister kann einen mittelmäßig gebildeten Europäer im Innersten davon überzeugen, der Tod von 150 Menschen sei ein Ereignis, das in singulärer Weise ein Nachdenken über den Lebenssinn veranlasse. Denn jeder einzelne der Empfänger dieser Botschaft weiß ja, dass auch an diesem Tag Tausende Menschen gestorben sind aufgrund von Katastrophen, die wir ganz leicht aus der Welt schaffen könnten, wenn wir nur wollten. Wir wollen es aber nicht. Sondern verlassen uns darauf, dass das Virus oder der Wassermangel uns selbst nicht erwischt – und dass das Flugzeug nicht auf unser Haus stürzt.

Die Behauptung, es finde eine Ursachenerforschung statt, an der wir mittels der Medien teilhaben könnten, ist eine beruhigende Illusion, aber mindestens fahrlässig falsch. Die Kompliziertheit der Welt hat sich mit der Digitalisierung nicht verringert, und den Ursachen sind die Update-Zyklen der Nachrichtenseiten ganz gleichgültig. Keine Macht der Welt kann binnen dreier Tage den Stand der Luftfahrttechnik durchchecken und den einen Fehler finden, der uns zur "Ursache" taugt.

Erlösung

Die Nachricht von katastrophalen Ereignissen löst vor allem die Furcht aus, dass es einen selbst treffen könnte. Daran hat sich nichts geändert. Die Beschleunigung der Kommunikation hat die Lage nicht verbessert. Zwar erfahren wir heute schneller, wohin sich die Bedrohung bewegt, dafür hören wir aber auch von tausendmal mehr Bedrohungen.