ZEIT ONLINE: Herr Asselborn, der ehemalige Manager Thomas Middelhoff soll in der Untersuchungshaft nachts alle 15 Minuten geweckt worden sein, um zu verhindern, dass er sich selbst tötet. Ist das Folter, wie seine Anwälte sagen, oder angemessen?

Gerd Asselborn: Es ist durchaus üblich, dass ein Kollege des Allgemeinen Vollzugsdienstes in kürzeren Abständen nach einem Gefangenen schaut, der möglicherweise suizidgefährdet ist. Nicht um ihn zu wecken, sondern um zu verhindern, dass er sich etwas antut. Wenn der Gefangene wach ist und in der Zelle sitzt, reicht es, wenn die Aufsicht durch den Spion guckt. Aber vor allem wenn er schläft, reicht das oft nicht und die Zelle muss dann geöffnet werden, um eine eventuelle Verletzung ausschließen zu können

ZEIT ONLINE: Schwächt das nicht einen Menschen, der psychisch ohnehin angeschlagen ist, noch mehr?

Asselborn: Diese Maßnahme bedeutet auf jeden Fall zusätzlichen Stress gerade in der Untersuchungshaft, in der viele Häftlinge Suizidgedanken haben.

ZEIT ONLINE: Muss dann nicht besonders sensibel damit umgegangen werden?

Asselborn: Wenn wir jemanden nicht gut kennen, werden die Kontrollen aus Vorsichtsgründen angeordnet. Sie werden in jedem Gespräch daraufhin überprüft, ob sie noch nötig sind. Meist stellen wir sie nach zwei oder drei Tagen wieder ein.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Idee, warum diese Maßnahme im Fall von Thomas Middelhoff  so viel länger praktiziert wurde?

Asselborn: Ich denke, die Kollegen vor Ort hatten den Eindruck, dass über einen längeren Zeitraum eine Suizidgefahr vorgelegen hat; möglicherweise hat aber die Prominenz des Gefangenen auch zu einer besonderen Vorsicht beigetragen.

ZEIT ONLINE: 60 bis 80 Menschen sollen sich pro Jahr in deutschen Gefängnissen selbst töten. Die Untersuchungshaft gilt als besonders schlimm für die Gefangenen. Warum?

Asselborn: Weil ihre Zukunft ungewiss ist. Der Gefangene fürchtet sich davor, dass sein Leben nie wieder so sein wird wie zuvor. Er weiß noch nicht, für wie viele Jahre er hinter Gitter kommt. Er kommt außerdem mit Menschen in Berührung, die er vorher nie kennengelernt hätte, wenn er nicht aus dem kriminellen Milieu kommt. Und wenn jemand derart tief fällt wie Thomas Middelhoff, ist das für uns Psychologen auf jeden Fall ein Hinweis, dass wir uns intensiver um ihn kümmern müssen.

ZEIT ONLINE: Woran erkennen Sie das denn?

Asselborn: Eine unserer Hauptaufgaben als Gefängnispsychologen ist natürlich, die Menschen zu unterstützen, die in eine Krise geraten sind. Wir versuchen mit ihnen über ihre Sorgen und Befürchtungen zu sprechen, sie zu beruhigen und sie über die Abläufe im Gefängnis zu informieren. Es ist ja für sie eine fremde Welt. Suizide lassen sich nicht immer voraussagen. Aber es gibt Zeichen, dass jemand eher nicht suizidgefährdet ist: Wenn er sich auf Besuch von der Familie freut, Briefe an Freunde schreibt, sich mit anderen Gefangenen austauscht und sich für Sport oder andere Freizeitaktivitäten interessiert. Und natürlich ist es ein gutes Zeichen, wenn er eine Perspektive sieht, Pläne macht.