Als Devendra Tak an sein Handy geht, überschlägt sich seine Stimme. "Wir sind gerade in Gorkha angekommen", sagt er in der Region im Zentralhimalaya. Tak arbeitet in Nepal für die Hilfsorganisation Save The Children. Er habe nicht viel Zeit zu sprechen. "Wir haben bereits elf Dörfer gezählt, die komplett zerstört sind", sagt er. "Und das, obwohl wir erst in einem sehr kleinen Gebiet unterwegs waren."

Gorkha ist schwer zugänglich. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO ist er einer der elf am stärksten betroffenen Distrikte – das Epizentrum des Erdbebens am Samstag lag nur wenige Kilometer von Gorkha-Stadt entfernt. Wie viele Menschen genau in der Region gestorben sind, weiß Tak nicht. Niemand weiß es. Es seien aber vor allem Kinder und Alte, schätzt er. "Die waren zu Hause, als die Erde bebte. Die anderen arbeiteten zu der Zeit draußen." Die Überlebenden sind verzweifelt, sie haben keinen Unterschlupf, die Nächte sind kalt, viele sind bereits unterkühlt. Die Gefahr für Lungenentzündungen und Durchfälle sei äußerst hoch, sagt er.

Allein im Gorkha-Distrikt wurden 60 Prozent der Gesundheitszentren zerstört, vermuten Tak und seine Begleiter. Von den etwa 500 Schulen im Distrikt hätten 90 Prozent dem Beben nicht standgehalten – das wären 450. Die Vereinten Nationen konnten diese Zahl am Mittwoch nicht bestätigen. Das Ausmaß der Zerstörung werde noch immer untersucht, sagte ein Sprecher.

Helfer wie Tak kämpfen sich erst langsam in die abgelegenen Regionen vor. "Viele Dörfer sind zwei bis drei Tagesmärsche entfernt", sagt Albert Grosse-Hokamp, der für Caritas International in Nepal ist. Er organisiert innerhalb des Caritas-Netzwerks von Kathmandu aus, welche Distrikte schnellstmöglich versorgt werden müssen, wo man welche Hilfsgüter herbekommt. Die Hauptstadt und das umliegende Tal seien zurzeit der Fokus der Hilfe. "Hier kommen die Hilfsgüter rein, die Experten landen, es ist straßenmäßig einigermaßen erschlossen." Von da aus soll es dann Stück für Stück in die entlegenen Regionen gehen. "Das ist unter den gegebenen Umständen nicht anders zu machen."

In Berlin beraten Hilfsorganisationen, wie sie die Lage überblicken können. Das Bündnis Entwicklung Hilft, in dem sich neun Organisationen zusammengeschlossen haben, will versuchen, die Hilfe gerecht zu verteilen. Darin sind sich alle am Tisch einig. Die Sorge: Ungerechtigkeiten, die jetzt entstehen, könnten sich verfestigen. "Die Helfer sind unterwegs und gehen, soweit sie können", sagt Präsident Rainer Brockhaus. Brockhaus und die anderen setzen auf das Wissen lokaler Mitarbeiter. Aber auch die wissen nicht, wie die Situation in den schwer zugänglichen Gebieten des Himalaya-Staates aussieht.

Roswitha Kupke kann ihren Kollegen nur einen Eindruck davon vermitteln: Sie arbeitet für Brot für die Welt und kennt Nepal gut. Sie hat dort selbst sechs Jahre gelebt. Auf einer Karte zeigt Kupke die Route zwischen Kathmandu und der rund 200 Kilometer westlich gelegenen Stadt Pokhara. Abseits der geteerten Straße geht es hinunter in die engen Täler. "Früher oder später können Sie nur noch zu Fuß laufen", sagt sie. Auf Schotterwegen ist kein Durchkommen für Autos, schon gar nicht auf den unzähligen Hängebrücken. "Man brauchte schon drei Tage zu Zeiten, als das Erdbeben noch nicht da war."

Nicht nur in den Regionen außerhalb von Kathmandu warten die Menschen auf Hilfe – auch in der Hauptstadt sind die Überlebenden verzweifelt. Sie warten auf Essen und Trinkwasser. Weil der Hauptstadtflughafen mit seinen acht Stellplätzen und einer Landebahn aber völlig überlastet ist und zwischenzeitlich sogar geschlossen wurde, können nicht alle Flieger mit Hilfsgütern landen.

"Es ist sehr schwierig, den Menschen verständlich zu machen, wieso die Hilfe dauert", sagt Francesca Schraffl von der Welthungerhilfe in Nepal. "Die Leute sind sehr aufgeregt. Die Polizei versucht, die Situation zu kontrollieren. Aber die Stimmung kann schnell kippen." Es gab bereits erste Zusammenstöße zwischen den Sicherheitskräften und frustrierten Bürgern, als versprochene Busse am Busbahnhof nicht auftauchten, die die Menschen in umliegende Dörfer bringen sollten.

"Wir Hilfsorganisationen versuchen momentan noch, die Situation zu verstehen", sagt Schraffl. "Die Leute sagen uns aber: 'Es reicht nicht, dass uns alle nur fragen, wie es uns geht. Was wir brauchen, ist Essen, Wasser, eine Unterkunft.'" In Kathmandu treffen sich die verschiedenen Organisationen deshalb mehr als zehnmal am Tag. Die Vereinten Nationen koordinieren. "Wir müssen den Menschen alles bieten, was sie brauchen", sagt Schraffl.

Tak erlebt gerade die Not, deren Ausmaß erst nach und nach erkennbar wird. Er weiß, wie wichtig es ist, dass sich die Hilfe auf alle Betroffenen verteilt. "Aber wir wissen längst nicht, wo die Leute noch auf uns warten."

 


Hilfsorganisationen rufen dringend zu Spenden für Nepal auf. An folgende Konten können Sie überweisen:

Aktion Deutschland Hilft: Spendenkonto 102030 bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, Bankleitzahl 37020500, IBAN DE62370205000000102030

Caritas: Spendenkonto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, Bankleitzahl 66020500, IBAN DE88660205000202020202

Diakonie Katastrophenhilfe: Spendenkonto 502502, Evangelische Bank, Bankleitzahl 52060410, IBAN DE68520604100000502502

Save the Children: Spendenkonto 929 bei der Bank für Sozialwirtschaft, Bankleitzahl 10020500, IBAN DE92100205000003292912. BIC BFSWDE33BER, Stichwort: Soforthilfe Nepal