"Hier liegt mein Großvater begraben – wahrscheinlich zusammen mit Tausenden anderen Opfern des Lagers", sagt der Niederländer Paul Verschure. Er läuft über eine bräunliche, karge Wiese auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. "Dieses Massengrab ist kürzlich entdeckt worden. Es ist 16 mal 4 Meter groß." Und warum wissen Sie das so sicher, fragt ihn der Reporter des niederländischen Fernsehens. "Einer der überlebenden Kameraden meines Großvaters gab mir eine Karte des Lagers und markierte die Stelle, wo man ihn und andere begraben hatte."

Jan Verschure, Pauls Großvater, war ein bekannter, posthum geehrter Widerstandskämpfer. Er starb 51-jährig an Typhus, wie viele andere Häftlinge von Bergen-Belsen. Aber erst nach der Befreiung durch britische Soldaten im April 1945. Auch die für ihre Tagebücher berühmte Amsterdamerin Anne Frank und ihre Schwester Margot starben in diesem Lager in Niedersachsen, das für zahlreiche jüdische Gefangene eine Durchgangsstation nach Auschwitz war. Für die Niederländer ist Bergen-Belsen auch ein besonderer Gedenkort, weil hier zwischen 1.300 und 3.500 ihrer Landsleute starben.

Auf einer platten Grasfläche, wo früher einige Baracken der Häftlinge standen, haben niederländische Forscher das bisher unbekannte Massengrab entdeckt. Der Archäologe Ivar Schute berichtet in der Sendung Nieuwsuur des öffentlich-rechtlichen TV-Senders NOS, seine Messungen hätten ergeben, dass sich am Ende des früheren Hauptweges des Lagers ein Massengrab befinde.

Die Archäologen untersuchten die angegebene Stelle mit Messgeräten und kamen zu dem Schluss, dass dort "nahezu sicher" ein Massengrab unter der Wiese sei. Dafür spreche die von der Umgebung abweichende Bodenbeschaffenheit und Vegetation, sagte Ivar Schute.

Totenruhe wird respektiert

Eine Öffnung des Grabes ist jedoch ausgeschlossen. Ausgrabungen und weitere Untersuchungen seien nicht geplant, sagte der Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Jens-Christian Wagner. Die jüdische Gemeinde in Niedersachsen habe sich gegen Grabungen ausgesprochen, da sie gegen religiöse Vorschriften zur Totenruhe verstoßen. Das gesamte Gelände des früheren Lagers ist heute ein Friedhof. Mehrere identifizierte Massengräber sind mit Grabhügeln und Monumenten markiert.

Zwischen 1941 und 1945 starben in Bergen-Belsen schätzungsweise 70.000 Menschen. Am 15. April 1945 wurde das Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager von britischen Soldaten befreit. Laut Nieuwsuur, vergleichbar mit den deutschen Tagesthemen, gehen Historiker und Archäologen davon aus, dass noch immer Massengräber unentdeckt sind. Mehr als 10.000 Opfer seien an unbekannten Stellen bestattet worden.

"Chaos und Schrecken"

Zwei Indizien weisen darauf hin, dass das von den niederländischen Forschern vermutete Massengrab erst nach der Befreiung des Lagers angelegt wurde. Jan Verschure starb an Typhus am 29. April 1945, das heißt zwei Wochen nachdem die Briten eingerückt waren. Zweitens standen an der Stelle, wo das Grab lokalisiert wurde, mehrere Baracken, die im Mai niedergebrannt wurden, da die Briten die weitere Ausbreitung von Seuchen verhindern wollten.

Der neue Fund sei von historischer Bedeutung, sagte Erik Somers, der beim Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation die Geschichte des KZ Bergen-Belsen erforscht: "Er zeigt, welch enormes Chaos in diesem Lager herrschte, aber auch den Schrecken, der dort im großen Maßstab stattgefunden hat." In den letzten Monaten des Krieges starben Zehntausende Häftlinge an Hunger, Erschöpfung oder Krankheiten wie Diphterie und Typhus.

Als die britischen Soldaten das Lager befreiten, fanden sie Tausende von Toten, die auf dem Gelände herumlagen. Die verhafteten die deutschen Aufseher, darunter auch die Frauen des SS-Gefolges, und mussten helfen, die Leichen in Massengräbern zu bestatten.

Schweigeminute in Buchenwald

Am heutigen Samstag und am Sonntag erinnern Überlebende eines anderen KZs an ihre Befreiung vor 70 Jahren. Am 11. April 1945 hatten US-Truppen das Lager Buchenwald bei Weimar mit 21.000 Häftlingen erreicht. Mit einer Schweigeminute auf dem ehemaligen Appellplatz gedachten etwa 80 Überlebende um 15.15 Uhr, dem Zeitpunkt der Befreiung, ihrer ermordeten Mithäftlinge. Buchenwald war 1945 das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden.

Die KZ-Gedenkstätten in Deutschland sind nach Ansicht des Weimarer Historikers Volkhard Knigge allesamt unterfinanziert. "Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo man darüber nachdenken muss, was man nicht mehr machen kann", sagte der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora. Die Bundesregierung wolle aber ihren Anteil für Gedenkstätten von nationaler Bedeutung ab 2016 erhöhen. Wie hoch die Erhöhung ausfallen werde, müsse noch mit den Bundesländern ausgehandelt werden.