In den Tagen nach dem Anschlag kam es zu ergreifenden Szenen des Mitgefühls. 50 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt marschierten Arm in Arm durch die Straßen. Weltweit demonstrierten Menschen für das Recht auf Meinungsfreiheit und zeigten Solidarität mit denen, die für dieses Recht ihr Leben verloren hatten. Allein im Land selbst wurden 3,7 Millionen Demonstranten gezählt. In Berlin erklärten 18.000 Menschen ihre Solidarität mit den 148 Toten, die für nichts anderes gestorben waren als dafür, dass sie Christen waren.

An dieser Szene stimmt nichts. Sie mischt Nachrichten: Die Reaktionen nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris im Januar mit den Zahlen eines Anschlags am 2. April in der Fast-Großstadt Garissa im Norden Kenias. In der Stadt wohnen überwiegend muslimische Somalis. An der kleinen Universität studieren mehrheitlich Christen. Angehörige der somalischen Al-Shabaab-Miliz schlachteten am Gründonnerstag 16 Stunden lang Studenten ab. Sie bahnten sich am frühen Morgen mit Granaten ihren Weg, rissen die Studenten aus dem Schlaf und trieben sie zusammen. Dann fragten sie nach Christen. Einer nach dem anderen musste Koransuren rezitieren. Konnte er es, wurde er freigelassen. Wenn nicht, schossen ihm die Milizionäre in den Kopf.

Warum blieb Kenia mit seiner dreitägigen Staatstrauer allein? Warum versammelten sich keine Staatsführer der Welt in Garissa oder in Nairobi? Warum ging in Europa niemand auf die Straße? Weil Garissa unwichtig ist und auf der südlichen Erdhalbkugel liegt? Weil nur Schwarze starben? Weil die Al-Shabaab-Milizen sicher nicht in Berlin oder Kopenhagen morden? Weil die Milizionäre ihr Blutbad eindeutig und unübersehbar religiös getränkt hatten?

Geht es um religiöse Verfolgung, besonders um die von Christen, geht westeuropäischen Gesellschaften die Sprache aus. Und ihren Kirchen auch. Das Thema rührt an das Unbehagen, mit dem die Gesellschaften ihre wachsende religiöse Vielfalt beobachten. Religion hat sich im Mehrheitsdenken als No-go-Area etabliert. Der Islam ist verhaltensauffällig und soll mit der jüdisch-christlichen Aufklärungsleitkultur therapiert werden. Aber das Christentum in Reinform ist uncool und hat zu viele Privilegien. Und warum soll, wer Mission für schädlich hält, gegen Anti-Konversions-Gesetze in Indien protestieren?

Darauf antwortet eine neue Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zur religiösen Verfolgung. Sie gelangte kaum über die Pflichtmeldungen der Agenturen hinaus. Ihr Autor Theodor Rathgeber sagt: Wo Religionsfreiheit herrscht, da gelingen am ehesten Entwicklung, ökonomischer Erfolg, gerechte Verteilung und friedliche Konfliktbearbeitung. Religionsfreiheit ist also der Schlüssel zur Freiheit überhaupt. Bundespräsident Joachim Gauck bringt diesen Zusammenhang unaufgeregt, aber beharrlich zur Sprache. Im Januar hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Tunis das Religionstabu in der deutschen Außenpolitik durchbrochen – mit dem Bekenntnis, dass Glaube nicht zum Gegenstand der Politik und keinesfalls zum Kampfmittel gegen Andersdenkende werden darf.

Eigentlich hätte religiöse Verfolgung eine Reihe von interdisziplinären Forschungsprojekten an Universitäten verdient. Denn noch ist gar nicht klar, worüber wir genau reden. Die meisten Gewalttaten haben soziale Ursachen und sind religiös aufgeladen. Doch allem Anschein nach wächst die Zahl der religiös begründeten Konflikte. Die Konrad-Adenauer-Studie listet bedrückende Fakten auf. Zum Beispiel, dass Juden ganz überproportional zu ihrem Bevölkerungsanteil diskriminiert werden. Und dass der Staat Israel im Blick auf soziale Anfeindungen zu den problematischsten der Welt gehört. Dass die meisten religiös verfolgten Menschen Christen sind, liegt wahrscheinlich daran, dass sie weltweit die größte Gruppe religiöser Menschen stellen – und auch an der Dominanz der westlichen Welt, die von ihren Gegnern gern als christlich wahrgenommen wird.

Weil religiöse Verfolgung wenig öffentliche Resonanz bekommt, haben sich Subkulturen ihrer bemächtigt. Missionswerke wie "Kirche in Not" oder "Open Doors" wenden das Thema so, dass es bei den Menschen als Kritik am Islam ankommt. Tatsächlich geht es ihnen vor allem um Christen – oder bloß um Katholiken. Manche katholischen Bischöfe sitzen dieser Verengung auf. Sie nimmt auch dem Einsatz von Politikern wie Volker Kauder die Kraft. Religionsfreiheit verträgt keinen Lobbyismus.

"Open Doors" kommt aus dem evangelikalen Bereich. Der kämpfte, als er noch nicht so hieß, für allgemeine Religionsfreiheit und zählte zu den fortschrittlichen Kräften. Auch, weil er selber Diskriminierung erlebt hatte. 1848, als sich in der Frankfurter Paulskirche das erste deutsche Parlament versammelte, veröffentlichte der Baptistenpastor Julius Köbner in Wuppertal ein Manifest des freien Urchristenthums. Er begrüßte das Ende der staatlichen Unterdrückung der kleinen Kirchen und sagte: "Wir fordern religiöse Freiheit in gleichem Maße für alle, Christen, Juden, Muhamedaner oder was sonst." Damals verbot die Zensur das Manifest. Heute würde es im Rachen der Ignoranz verschwinden. Zusammen mit Gläubigen für Freiheit zu kämpfen, dazu ist die Gesellschaft nicht bereit.