Im Mittelmeer ist erneut ein Flüchtlingsschiff mit Hunderten Menschen in Seenot geraten. Italienische und maltesische Schiffe haben im Mittelmeer die Notrufe zweier Boote mit etwa 400 Menschen an Bord empfangen. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi sagte auf einer Pressekonferenz mit seinem maltesischen Kollegen Joseph Muscat, die Notrufe seien nahe der Küste Libyens gesendet worden. Es handle sich um eine Rettungsinsel mit 100 bis 150 Flüchtlingen und um ein Boot mit weiteren rund 300 Personen an Bord.

Zuvor hatte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitgeteilt, ein Anrufer habe gesagt, sein Boot mit rund 300 Menschen Bord sei dabei zu sinken. 20 Menschen seien bereits tot. Den Angaben des Anrufers zufolge sind drei Schiffe dicht beieinander vor der libyschen Küste unterwegs, er sitze in einem von ihnen. Die genaue Position konnte jedoch noch nicht bestimmt werden. Die IOM alarmierte zwar die Küstenwache, dieser fehlten nach dem Schiffsunglück von Sonntag allerdings die Mittel, nach dem Schiff zu suchen, teilte die IOM weiter mit.

"Die Küstenwache wird vermutlich Handelsschiffe zu dem kenternden Boot schicken", hieß es bei der IOM. Allerdings weigerten sich einige kommerzielle Schiffe, bei der Rettung zu helfen.

Erst am Sonntag waren bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer vermutlich etwa 900 aus Afrika kommende Flüchtlinge ertrunken. Es war die bisher wohl schlimmste Katastrophe im Mittelmeer. Bundesinnenminister Thomas de Maizière rechnet damit, dass in Libyen noch eine Million Flüchtlinge auf die Überfahrt nach Europa warten. 

Auch vor der griechischen Insel Rhodos ist ein Flüchtlingsschiff verunglückt. Direkt vor einem bei Touristen beliebten Strand zerschellte das Schiff. Mindestens drei Menschen starben, teilte die Küstenwache mit. Weitere 93 wurden demnach aus dem Wasser gerettet, 30 von ihnen kamen ins Krankenhaus. Wie viele Menschen insgesamt an Bord waren, konnte die Küstenwache noch nicht sagen.

Nach ersten Erkenntnissen der Küstenwache kam das Schiff aus der Türkei. Der Kutter lief rund 100 Meter vor dem beliebten Badestrand Zefyros der Stadt Rhodos auf Felsen auf und zerschellte. Augenzeugen gaben an, die Flüchtlinge klammerten sich an Teile des Schiffes, um die Küste zu erreichen. Medienberichten zufolge beteiligten sich auch Inselbewohner an der Rettung. 

Bundesregierung erwägt neue europäische Rettungsmission

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Flüchtlingspolitik ganz oben auf die Tagesordnung setzen. Merkel sagte: "Wir müssen und werden alles tun", um erstens den Kampf gegen Schleuser fortzusetzen. Zweitens werde sich die Bundesregierung intensiv um die Frage der Fluchtursachen kümmern und alles tun, um zu verhindern, dass weiter vor den Toren Europas Menschen auf qualvolle Weise sterben. "Das vereinbart sich nicht mit unseren Werten", sagte Merkel in einer Rede vor Mitarbeitern von Hilfsorganisationen.

Wer sich mit Flüchtlingspolitik befasse, braucht laut Merkel einen langen Atem. Zu den Schwierigkeiten, die es zu überwinden gelte, gehöre auch die Instabilität des Transitlandes Libyen.

Zuvor hatte Regierungssprecher Steffen Seibert gesagt, die Bundesregierung schließe eine neue Seenotrettungsmission der EU im Mittelmeer nicht mehr aus. "Es ist allen in der Bundesregierung klar, dass gehandelt werden muss, um weitere massenhafte Tode im Mittelmeer zu verhindern", sagte Seibert. Er verwies dabei auf Beratungen der Außen- und der Innenminister der EU in Luxemburg. Diese sind am Nachmittag zu einem gemeinsamen Krisentreffen zusammengekommen.

Wenn ein neuer Rettungseinsatz nach Art der früheren EU-Mission Mare Nostrum "ein weiterer Baustein in einem Maßnahmenpaket" wäre, "dann würde sich die Bundesregierung dem möglicherweise nicht verschließen", sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Er fügte allerdings hinzu, auch eine solche Mission wäre "kein Allheilmittel". Seibert sprach von einer notwendigen Kombination aus der Rettung von Menschen, dem Kampf gegen Schlepperbanden und der Schaffung von Perspektiven für die Menschen in den Herkunfts- und Transitländern.

Merkel sei "wie Millionen Deutsche erschüttert über das neuerliche Kentern eines Flüchtlingsschiffes", sagte Seibert. "Das ist ein Zustand, der Europas nicht würdig ist." Seibert sprach von einer Tragödie, auf die Europa Antworten suchen müsse. Dabei müsse die Frage im Vordergrund stehen: "Was können, was müssen wir unternehmen, damit sich solche Katastrophen nicht wiederholen."

Merkel habe in dieser Frage auch mit dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi telefoniert, sagte Seibert. Die verunglückten Flüchtlingsboote waren von Libyen aus in Richtung Italien unterwegs gewesen. Dazu, ob es wie von Renzi gefordert in den nächsten Tagen einen EU-Sondergipfel zur Flüchtlingsproblematik geben wird, legte sich die Bundesregierung zunächst nicht fest.

Deutschland könnte EU-Rettungsmission vorfinanzieren

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat eine deutsche Vorfinanzierung für eine neue EU-Seenotrettungsmission für Flüchtlinge im Mittelmeer angeboten. Sein Ministerium sei bereit, die Kosten von rund sechs Millionen Euro zunächst zu übernehmen, sagte Müller der Saarbrücker Zeitung: "Sollte es an den sechs Millionen Euro scheitern, biete ich eine Vorfinanzierung aus deutschen Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit an."

Deutlich kritisierte Müller das Ende der Rettungsmission Mare Nostrum im vergangenen Jahr, wofür sich damals maßgeblich Bundesinnenminister de Maizière eingesetzt hatte. "Die Seenotrettungsmission Mare Nostrum zu beenden, hat vielen das Leben gekostet", sagte der Entwicklungsminister. Er forderte, die Operation vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingskatastrophen sofort wieder aufzunehmen.