Die durch das Erdbeben auf dem Mount Everest ausgelöste Lawine könnte nach Einschätzung von Augenzeugen weitaus mehr Menschen als bislang bekannt getötet haben. Das sagten Sherpas nach ihrer Rettung. Die Behörden meldeten 18 Tote und Dutzende Verletzte. Es wurde jedoch mit weiteren Opfern gerechnet. 22 der am schwersten Verletzten wurden zur medizinischen Behandlung in das Dorf Pheriche gebracht – das nächstgelegene medizinische Versorgungszentrum. Unter den 18 geborgenen Toten sind ein Australier, ein Chinese und ein Amerikaner.

Die Erdstöße hatten die Lawine am Samstag in etwa 7.000 Metern Höhe ausgelöst. Auf ihrem Weg talwärts riss sie immer größere Schneemassen mit sich und traf das Basislager, das mehr als 5.000 Meter über dem Meeresspiegel liegt. In dem Lager bereiten sich die Bergsteiger auf den Aufstieg zum 8.848 Meter hohen Mount Everest vor, dem höchsten Berg der Erde. Teile des weitläufigen Zeltdorfes wurden von den Schneemassen begraben. Nachbeben lösten am Sonntag weitere Lawinen aus und versetzten die Überlebenden in Angst. Viele von ihnen stiegen in tiefer gelegene Gebiete ab.

Die erste Gruppe von 15 Überlebenden wurde am Sonntag in die Hauptstadt Kathmandu geflogen, zwölf von ihnen waren Sherpas aus Nepal. Zudem waren Touristen aus China, Südkorea und Japan darunter. Sie berichteten, es würden noch Dutzende Menschen vermisst, die höchstwahrscheinlich tot seien. "Der Schnee hat viele Zelte und Menschen mitgerissen", sagte der Bergführer Gyelu Sherpa.

Pemba Sherpa sagte, er sei überrascht, dass er überlebt habe. Er sei beim Erdbeben aus seinem Zelt gestürmt und habe draußen gestanden. "Ich hörte großen Lärm und das nächste, was ich weiß, ist, dass ich vom Schnee mitgerissen wurde. Ich muss fast 200 Meter mitgeschleift worden sein." Als er wieder zu Bewusstsein kam, sei er in einem Zelt mit Ausländern gewesen. "Ich wusste nicht, was passiert war oder wo ich war", sagte er.

Zahlreiche Bergsteiger waren am Sonntag immer noch abgeschnitten. Sie harrten oberhalb des Basislagers aus, weil ihr Rückweg verschüttet war. Sie versicherten aber über Satellitentelefon, dass sie noch genügend Vorräte bei sich hätten.

Die meisten der nach Pheriche ausgeflogenen Verletzen scheinen Knochenbrüche erlitten zu haben. Schlechtes Wetter und gestörte Kommunikation verhinderten weitere Hubschrauberhilfsflüge.

300.000 Touristen in der Region

Damit starben in diesem Jahr am höchsten Berg der Welt mehr Menschen als im vergangenen Jahr. Am 18. April 2014 waren beim bisher schwersten Unglück in der Geschichte des Everest-Bergsteigens 16 Nepalesen in einer Lawine ums Leben gekommen. Danach sagten fast alle Teams ihre Vorhaben ab.

Derzeit ist die Hauptsaison am 8.848 Meter hohen Berg wieder in vollem Gange – viele von denen, die im vergangenen Jahr umkehrten, sind wieder da. Zum Zeitpunkt der Katastrophe am Samstag hielten sich nach offiziellen Angaben etwa 1.000 Bergsteiger, Wanderer und Träger rund um das Basislager auf. Ohnehin traf das Beben – das schlimmste in Nepal seit 80 Jahren – das kleine Land in einer Jahreszeit, in der sich besonders viele Touristen dort aufhalten. Schätzungsweise 300.000 Ausländer sind in Nepal zurzeit auf Reisen. Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig für das arme Land, das etwa doppelt so groß wie Bayern ist.