Ein Mann in Nepal läuft durch die Trümmer zerstörter Häuser. © Navesh Chitrakar/Reuters

Nach dem schweren Erdbeben in Nepal ist die Zahl der Toten weiter gestiegen. Bislang seien mehr als 3.700 Leichen geborgen worden, teilte das Innenministerium mit. Da viele Regionen in der Nähe des Epizentrums noch von der Außenwelt abgeschnitten sind, befürchten die Behörden weiter stark ansteigende Opferzahlen. Mehr als 6.500 Verletzte seien gezählt worden, sagte der Leiter der Katastrophenschutzabteilung im nepalesischen Innenministerium, Rameshwor Dangal, in Kathmandu. Aus Nepals Nachbarländern wurden bislang etwa 90 Todesopfer des Erdbebens gemeldet. Darunter sind mindestens 60 Menschen, die in Indien in Folge des Erdbebens starben.

Am Samstag hatte ein Beben der Stärke 7,8 die Himalaya-Region erschüttert. Zahlreiche Gebäude wurden zerstört, darunter auch jahrhundertealte Tempel und Paläste. Die Rettungsbemühungen in Nepal werden durch Schäden an Straßen, Stromleitungen und dem Telefonnetz behindert. Viele Wege sind nach Erdrutschen nicht mehr passierbar, Bergdörfer von jeglicher Hilfe abgeschnitten. Dort befürchten die Behörden weitere Todesopfer. Auch am Mount Everest wird nach wie vor eine unbekannte Zahl von Bergsteigern vermisst, sagte Ang Tshering vom Nepalesischen Bergsteigerverband. Das Erdbeben hatte dort eine Lawine ausgelöst, die mindestens 18 Menschen in den Tod riss.

Der deutsche Bergsteiger Jost Kobusch, der sich offenbar am Mount Everest befand, veröffentlichte auf Youtube ein Video, das den Moment zeigt, in dem die Lawine das Basislager überrollt. "Der Boden wackelt", sagt eine Person zu Beginn des zweieinhalbminütigen Videos. Anschließend ist zu sehen, wie Schneemassen auf die Kamera zukommen und mehrere Menschen bedecken. Sie können sich offenbar nach wenigen Augenblicken aus dem Schnee befreien.

Inzwischen läuft die Rettung der festsitzenden Bergsteiger in den Höhencamps. Drei Helikopter flögen ununterbrochen hinauf, twitterte der Bergsteiger Alex Gavan aus dem Basislager. Wegen der dünnen Luft in der Höhe könnten sie allerdings immer nur zwei Passagiere mitnehmen. Er schätzte, dass zuletzt mehr als 100 Bergsteiger festsaßen, weil die Aufstiegsroute zerstört war. Das Wetter am höchsten Berg der Welt sei gut.

Nach Angaben der indischen Armee stieg die Zahl der Toten durch die Lawine auf 22. Das Tourismusministerium Nepals sprach hingegen von 18 Toten. Das gewaltige Himalaya-Erdbeben hatte am Samstag auch eine mehrere Stockwerke hohe Staublawine ausgelöst, die den Hang gegenüber dem Basislager herabfegte. Sie traf das Lager in der Mitte und plättete viele Zelte.

Der Sprecher des nepalesischen Innenministeriums, Laxmi Dhakal, sagte, neben den Rettungsbemühungen konzentriere sich die Regierung auf die Auslieferung von Hilfsgütern. An mindestens zehn Orten in Kathmandu wurden Zelte und Wasser verteilt, wie der örtliche Chefverwalter Ek Narayan Aryal mitteilte. Nachbeben sorgten für Panik und erschwerten die Arbeiten zusätzlich. "Es hat fast 100 Beben und Nachbeben gegeben", sagte Aryal. "Selbst die Retter haben Angst und rennen weg." Nach Berichten von Korrespondenten soll es in den vergangenen Stunden aber keine neuen Beben gegeben haben.  

Zehntausende Menschen verbrachten die Nacht in Parks oder auf einem Golfplatz. Andere campierten auf offenen Plätzen. "Wir fühlen uns hier überhaupt nicht sicher", sagte der Anwohner Rajendra Dhungana. Den ganzen Sonntag verbrachte er bei der Familie seiner toten Nichte, die in einem Tempel in Kathmandu eingeäschert werden sollte. In der nepalesischen Hauptstadt leben rund 700.000 Menschen. Auch im dicht besiedelten Tal von Kathmandu mit 2,5 Millionen Bewohnern wurden wegen der schlechten Bauqualität der Häuser weitere Opfer befürchtet. Die Überlebenden litten in der Nacht unter Kälte und strömendem Regen.

Der Erdstoß mit seinem Epizentrum etwa 80 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu zerstörte große Teile der Infrastruktur Nepals. Weite Teile des Erdbebengebiets blieben auch am Sonntag ohne Strom. Die Wasserversorgung war unterbrochen und die meisten Tankstellen waren geschlossen. Vom Flughafen Berlin-Schönefeld sollte am Montag ein Flug mit 60 Tonnen Hilfsgütern nach Nepal starten, wie das Deutsche Rote Kreuz mitteilte. Darunter seien Familienzelte, Decken, Hygienepakete, Küchensets und Wasserkanister. Außerdem werde eine Trinkwasseraufbereitungsanlage des Technischen Hilfswerkes transportiert.

Ein Hilfsflug von I.S.A.R. Germany mit 52 Helfern war schon am Sonntag gestartet. Unter ihnen seien Rettungshundeführer und Experten für die Suche nach Verschütteten sowie medizinisches Personal, hieß es. Auch Schweden schickte Suchhunde. 

Nepal rief den Notstand aus in den betroffenen Gebieten, in denen 6,6 Millionen Menschen leben. . Gesteuert wird die Hilfe vom UN-Büro zur Nothilfe-Koordinierung (OCHA). Die Vereinten Nationen (UN) erklärten, die Krankenhäuser in Nepal seien überfüllt, Blutkonserven und Medikamente gingen zur Neige. Schulen und Universitäten bleiben für eine Woche geschlossen.

Die katholische Kirche habe zwei große Schulen in Kathmandu, die zu Notlagern umfunktioniert worden seien, sagte der Nepal-Länderkoordinator von Caritas International, Peter Seidel. Dort könnten die Bewohner Nahrungsmittel und Wasser bekommen. Der Caritas-Mitarbeiter betonte, dass es besonders wichtig sei, mit den Leuten zu klären, was sie konkret an Hilfe brauchten und sie an den Hilfsmaßnahmen zu beteiligen.

Nothilfe startet nur langsam

Hilfsflugzeuge aus aller Welt erreichten Kathmandu mit Gütern wie Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kommunikationsgeräten. Viele Organisationen riefen zu Spenden für die Erdbebenopfer auf und entsandten ebenfalls Helfer und Material. Die Liste der Länder, die in den ersten 24 Stunden ihre Unterstützung ankündigten, reicht von Sri Lanka über Japan und Russland bis Belgien, Frankreich und Luxemburg.  

Dennoch starte die Hilfe in den betroffenen Gebieten nur langsam und "relativ unkoordiniert", sagte der Südasien-Büroleiter der deutschen Arbeiterwohlfahrt (AWO), Felix Neuhaus. "Es gibt Gesundheitsfreiwillige, die durch die Straßen gehen mit kleinen Köfferchen", sagte er im Deutschlandfunk. Er habe einen Rundgang gemacht und mit einigen dieser Freiwilligen gesprochen. "Die haben Paracetamol, Schmerzmittel dabei und leichte Verbandsstoffe, aber nicht mal Antibiotika."

Neuhaus warnte vor dem Ausbruch von Seuchen. "Wir fürchten, auch durch den Regen jetzt, dass es zu wasserbasierten Krankheiten kommt." Die Trinkwasserversorgung sei auch nicht geregelt, "zumindest in vielen Teilen des Landes, sodass es dadurch jetzt auch zu Epidemien kommen könnte".

Hilfsorganisationen rufen dringend zu Spenden auf. Folgende Möglichkeiten zu spenden, gibt es:

Caritas: Spendenkonto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, Bankleitzahl 66020500, IBAN DE88660205000202020202

Diakonie Katastrophenhilfe: Spendenkonto 502502, Evangelische Bank, Bankleitzahl 52060410, IBAN DE68520604100000502502

Aktion Deutschland Hilft: Spendenkonto 102030 bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, Bankleitzahl 37020500, IBAN DE62370205000000102030