Hannah Rainer fühlte sich richtig unwohl. Ein ehemaliges Konzentrationslager ist kein Ort für Feste. Wenn aber 89 Überlebende aus verschiedenen Ländern der Welt nach Brandenburg reisen, um sich ihren schlimmsten Erinnerungen zu stellen, dann sollten auch Kleinigkeiten stimmen. So war es aber nicht am vergangenen Sonntag, sagt die 21-Jährige. Während der Gedenkveranstaltung auf dem Gelände des ehemaligen Frauenlagers in Ravensbrück gab es zum Mittagessen im Catering-Zelt Plastikgeschirr und Essensmarken für die Überlebenden. Daneben: Kellner, die fürstlich gedeckte Tische versorgten für den Staatsbesuch, für die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck und die polnische Präsidentengattin. 

Mehr als zehn der insgesamt 35 Ehrenamtlichen haben ihre Erlebnisse in Ravensbrück wie Rainer festgehalten. Nicht die Überlebenden und ihr Wohl, sondern repräsentative Interessen hätten im Zentrum der Veranstaltung gestanden, schreiben sie. "Wir haben eine deutliche Diskrepanz bemerkt zwischen dem, was offiziell in Reden gesagt und nach außen präsentiert wurde, und der Art, wie den Überlebenden begegnet und wie mit ihnen umgegangen wurde." Eine andere Helferin, die ungenannt bleiben möchte, sagt: "Ich habe mich richtig geschämt."

Eigentlich seien es nur Kleinigkeiten gewesen, davon viel zu viele, erzählen die Freiwilligen. Keine Rollatoren für die Alten, kein koscheres Essen für die Gäste aus Israel, keine Übersetzungen für die Gäste aus Tschechien, Slowenien oder der Slowakei. Die drei VIP-Tische mit den silbernen Gabeln, den Weingläsern und weißen Decken seien das eindrücklichste Bild gewesen. Ein Bild, aus dem geringe Wertschätzung gegenüber den ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen gesprochen habe. "Wir konnten das gar nicht fassen, als wir das gesehen haben", sagt die Helferin. Rainer hatte gedacht, diese Tische seien für die Überlebenden vorgesehen. Dann musste sie beobachten, wie einer polnischen Überlebenden die Plastikgabel brach, als sie ein Stück Fleisch aufspießen wollte.

Die Überlebenden waren nach Ravensbrück gekommen, um zu erinnern, aber auch, um von ihren Erlebnissen im Konzentrationslager zu erzählen. 120.000 Frauen und Kinder sowie 20.000 Männer waren während des Zweiten Weltkriegs in dem KZ gefangen gehalten worden, sie kamen aus mindestens 30 Nationen, mehr als 28.000 starben in dem Lager. Heute können noch etwa 160 Überlebende Zeugnis davon ablegen, was damals geschah.

Dafür sprachen Politiker und Organisatoren ihnen ihren Dank aus. "Es ist gut für uns alle, dass Sie, die Überlebenden, heute hierhergekommen sind nach Ravensbrück, dass Sie diese Reise auf sich genommen haben, die Strapazen", sagte Bildungsministerin Johanna Wanka. Auch die Leiterin der Gedenkstätte, Insa Eschebach, zeigte sich bewegt.

Wieso fand sich diese Würde nicht auch Stunden später wieder? Fehlten den Veranstaltern die Mittel? Oder war es das Bundespräsidialamt, das das Tischgedeck vorgab? Hannah Rainer und die anderen Helfer wissen es nicht.

"Auf den Tellern war das Gleiche", sagt Horst Seferens, Pressesprecher der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten. Nicht nur Staatsgäste, auch Repräsentanten der Überlebenden wie die Präsidentin des Internationalen Ravensbrück Komitees hätten mit an den gedeckten Tischen gesessen. "Der Mittag war nur ein Imbiss. Am Abend gab es einen Empfang im festlich dekorierten Saal mit Drei-Gänge-Menü." Man habe sich sehr angemessen um die Gäste gekümmert. Am Ort hätten nur begrenzte Bedingungen geschaffen werden können. Aber Seferens sagt auch, dass das Bundespräsidialamt natürlich an der Programmgestaltung für die Gäste mitgewirkt habe. Eine Antwort von dort blieb bis zum späten Nachmittag aus.

Den Helfern wie Hannah Rainer geht es nicht um Erbsenzählerei. Womöglich haben die Gäste auch gar nicht wahrgenommen, was den Helfern so unangenehm war. Für sie ist es eine Frage des Respekts gegenüber den Überlebenden, ihnen die meiste Aufmerksamkeit während einer Gedenkfeier zu schenken. Und sie fragen sich, ob Ravensbrück ein Einzelfall ist. Immerhin ist die Veranstaltung Teil eines Gedenkreigens: In Sachsenhausen wurde ebenfalls am Sonntag der Opfer des Nazi-Terrors gedacht. Am 3. Mai wird in der KZ-Gedenkstätte Dachau die Befreiung gefeiert.