Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Wollte man eine Ranking-Liste all jener Themen aufstellen, bei denen die Meinung der Mehrheit im Volk von der ihrer Politiker signifikant abweicht, so stünde die sogenannte Sterbehilfe sicherlich auf einer der ersten Plätze: Mindestens drei Viertel der Bürger meinen, die Verfügung über den eigenen Tod solle in weitem Umfang freigegeben werden; die Politiker dagegen beschwören angebliche Bedrohungen der zivilisatorischen Grundlagen und verschanzen sich hinter hohen Mauern des Expertenwissens. Kulminationspunkte eingeschränkten gegenseitigen Verständnisses bilden dann oft Aussprachen im Deutschen Bundestag, in denen – was schon wochenlang zuvor aufgeregt angekündigt wird – "der Fraktionszwang aufgehoben" ist. Das bedeutet bekanntlich, dass die Abgeordneten sagen dürfen, was sie tatsächlich denken. Das Grundgesetz meint hierzu, Abgeordnete seien stets "Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen" (Art. 38 Abs. 1 GG). Der "Fraktionszwang" kommt in unserer Verfassung nicht vor, auch nicht ein bisschen, oder auch nur sinngemäß.

Holla!, denkt sich der demokratie-erfahrene Bürger bei solchen Ankündigungen: Da wird es wohl wieder einmal um die allerletzten Dinge gehen! Das sind dann natürlich nicht Fragen nach Krieg oder Nichtkrieg, nach Atomkraft oder Ausstieg, auch nicht nach der Zukunft der Weltwirtschaft, nach der Generierung von Billionen Euro an Spielgeld, die ganz bestimmt schon bald zur Vollbeschäftigung in Spanien und Griechenland führen wird. Bei Abstimmungen über all diese Fragen ist der "Fraktionszwang" nicht aufgehoben.

Der Moment des Menschseins, des Bekenntnisses, gelegentlich selbst ein Moment tränenbekränzter Rührung über die eigene Tiefgründigkeit ist vielmehr immer dann gekommen, wenn es um Beginn und Ende des Lebens geht – also beim Thema Abtreibung oder Sterbehilfe. Tremolo ist erlaubt, wenn nicht gar im Drehbuch vorgesehen. Denn siehe: Wir alle müssen sterben. Am Anfang wie am Ende der Debatte stehen Entwürfe "jenseits der Fraktionsgrenzen", in jedem Fall aber die feierliche Feststellung, heute habe man einmal "ernsthaft und mit gegenseitigem Respekt" diskutiert. Da freut sich der repräsentativ vertretene Bürger: Immerhin.

Der Tod

Für die Bildredaktionen der Presse ist die Bebilderung des Themas Sterbehilfe eine Routineaufgabe. Eine Hand, wächsern, bleich, fleckig, die Finger gekrümmt und fragil. Gern eine Kanüle in die Vene des Handrückens eingestochen und mit weißem Pflaster verklebt. Der Arm, der diese Hand führt, ragt aus einem Gitterbett. Im Hintergrund, unscharf, blinken die Lichter der Apparatemedizin. Die Hand hat ein Ziel gesucht und gefunden und ruht in einer anderen. Diese ist jung, aber erfahren; stark, aber sensibel; lebenstüchtig, aber zugewandt.

So weit, so albern. Als nächstes stellt sich die Frage: Welche der beiden Hände ist eigentlich die Ihre, Leserinnen und Leser? Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns rasch einig werden: Sie und ich sind selbstverständlich die junge Hand, die "helfende". Die andere, die "sterbende", gehört einem namenlosen alten Menschen in der letzten Phase des Welkens. Beides kombiniert ergibt die Antwort auf die Frage, wonach der Sterbende wohl sucht: Nach Verständnis, Trost und Liebe. Nach uns!

In diesem Moment wollen wir ihn auffangen im letzten Vollzug seines Lebens. Kurz sind wir ihm nah. Ein paar Stunden lang können wir den Gestank ertragen, die Windeln, die Einsamkeit, die Langeweile, die Angst, die Idiotie. Wir empfinden Mitgefühl angesichts der Urinflaschen, der beigen Linoleum-Böden, der Stuhlkreise beim endlosen Warten zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken!