Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Wollte man eine Ranking-Liste all jener Themen aufstellen, bei denen die Meinung der Mehrheit im Volk von der ihrer Politiker signifikant abweicht, so stünde die sogenannte Sterbehilfe sicherlich auf einer der ersten Plätze: Mindestens drei Viertel der Bürger meinen, die Verfügung über den eigenen Tod solle in weitem Umfang freigegeben werden; die Politiker dagegen beschwören angebliche Bedrohungen der zivilisatorischen Grundlagen und verschanzen sich hinter hohen Mauern des Expertenwissens. Kulminationspunkte eingeschränkten gegenseitigen Verständnisses bilden dann oft Aussprachen im Deutschen Bundestag, in denen – was schon wochenlang zuvor aufgeregt angekündigt wird – "der Fraktionszwang aufgehoben" ist. Das bedeutet bekanntlich, dass die Abgeordneten sagen dürfen, was sie tatsächlich denken. Das Grundgesetz meint hierzu, Abgeordnete seien stets "Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen" (Art. 38 Abs. 1 GG). Der "Fraktionszwang" kommt in unserer Verfassung nicht vor, auch nicht ein bisschen, oder auch nur sinngemäß.

Holla!, denkt sich der demokratie-erfahrene Bürger bei solchen Ankündigungen: Da wird es wohl wieder einmal um die allerletzten Dinge gehen! Das sind dann natürlich nicht Fragen nach Krieg oder Nichtkrieg, nach Atomkraft oder Ausstieg, auch nicht nach der Zukunft der Weltwirtschaft, nach der Generierung von Billionen Euro an Spielgeld, die ganz bestimmt schon bald zur Vollbeschäftigung in Spanien und Griechenland führen wird. Bei Abstimmungen über all diese Fragen ist der "Fraktionszwang" nicht aufgehoben.

Der Moment des Menschseins, des Bekenntnisses, gelegentlich selbst ein Moment tränenbekränzter Rührung über die eigene Tiefgründigkeit ist vielmehr immer dann gekommen, wenn es um Beginn und Ende des Lebens geht – also beim Thema Abtreibung oder Sterbehilfe. Tremolo ist erlaubt, wenn nicht gar im Drehbuch vorgesehen. Denn siehe: Wir alle müssen sterben. Am Anfang wie am Ende der Debatte stehen Entwürfe "jenseits der Fraktionsgrenzen", in jedem Fall aber die feierliche Feststellung, heute habe man einmal "ernsthaft und mit gegenseitigem Respekt" diskutiert. Da freut sich der repräsentativ vertretene Bürger: Immerhin.

Der Tod

Für die Bildredaktionen der Presse ist die Bebilderung des Themas Sterbehilfe eine Routineaufgabe. Eine Hand, wächsern, bleich, fleckig, die Finger gekrümmt und fragil. Gern eine Kanüle in die Vene des Handrückens eingestochen und mit weißem Pflaster verklebt. Der Arm, der diese Hand führt, ragt aus einem Gitterbett. Im Hintergrund, unscharf, blinken die Lichter der Apparatemedizin. Die Hand hat ein Ziel gesucht und gefunden und ruht in einer anderen. Diese ist jung, aber erfahren; stark, aber sensibel; lebenstüchtig, aber zugewandt.

So weit, so albern. Als nächstes stellt sich die Frage: Welche der beiden Hände ist eigentlich die Ihre, Leserinnen und Leser? Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns rasch einig werden: Sie und ich sind selbstverständlich die junge Hand, die "helfende". Die andere, die "sterbende", gehört einem namenlosen alten Menschen in der letzten Phase des Welkens. Beides kombiniert ergibt die Antwort auf die Frage, wonach der Sterbende wohl sucht: Nach Verständnis, Trost und Liebe. Nach uns!

In diesem Moment wollen wir ihn auffangen im letzten Vollzug seines Lebens. Kurz sind wir ihm nah. Ein paar Stunden lang können wir den Gestank ertragen, die Windeln, die Einsamkeit, die Langeweile, die Angst, die Idiotie. Wir empfinden Mitgefühl angesichts der Urinflaschen, der beigen Linoleum-Böden, der Stuhlkreise beim endlosen Warten zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken!

Was ist "Sterbehilfe"?

Unangenehm ist das Hereingrätschen der Erkenntnis, dass wir uns in diesen Bildern immerzu, unausweichlich und auf furchtbar banale Weise selbst begegnen. Wir wissen das natürlich in den Tiefen unserer Seele, und betrügen uns trotzdem. Und das kommt daher, dass wir große Angst haben. Sehr, sehr, sehr große Angst. Erleichtert verlassen wir das Pflegeheim und wenden uns dem Leben zu; an der nächsten Ampel haben wir den Tod schon fast wieder vergessen. Und aus dieser Entfernung gönnen wir den Alten und Todgeweihten ihre letzten Liederkränze, das finale Basteln, und die kleinen Zärtlichkeiten aus den Händen thailändischer Bauerntöchter oder polnischer Zauberfeen, die für 13 Euro brutto die Stunde – also nun wirklich teuer genug! – unsere Lieben Tag und Nacht durchs Sterben führen, bis dahin, wo wieder unsere ganze deutsche ärztliche Kunstfertigkeit zum 20fachen Preis gefordert ist: zur Palliativmedizin!

In Wahrheit sollten wir daher, solange wir die Zeit und die Kraft dazu haben, wohl mehr über das eigene Sterben nachdenken als über das der anderen. Vermutlich käme das auch diesen sehr zustatten.

Was ist "Sterbehilfe"?

Das also ist der Umkreis dessen, was wir meinen, wenn wir über "Sterbehilfe" sprechen: Jede Art von Unterstützung, Hilfe und Zuwendung beim Sterben, aber auch zum Sterben, also eine Erleichterung oder Beschleunigung des Sterbeprozesses. Diese Sichtweise ist gemeinhin beschränkt auf den Tod derjenigen, die an schweren Krankheiten sterben. Damit ist aber nur ein – wenngleich sehr großer – Teil beschrieben. Denn unter den etwa 800.000 Menschen, die in jedem Jahr in Deutschland sterben, sind auch etwa 10.000, die sich selbst das Leben nehmen; weitere 100.000 versuchen dies. Die Gründe dafür sind vielfältig: Es können Erkrankungen sein, auch psychische Erkrankungen, die den Todeswunsch hervorrufen; schwere Enttäuschungen oder Erschütterungen; Suchterkrankungen; soziale Hoffnungslosigkeit. Wer Menschen, die sich selbst töten, dabei hilft, vollzieht auch eine Art "Sterbehilfe".

Beide Gruppen muss man unterscheiden. Beim Nachdenken fällt aber auf, dass Kriterien einer vernünftigen Unterscheidung nicht leicht zu finden sind. Warum eigentlich soll "Sterbehilfe" erst dann in den Bereich des menschlich Verständlichen oder weithin Tolerierten rücken, wenn die betroffene Person bereits die Kraft und Gelegenheit verloren hat, den eigenen Tod selbst herbeizuführen, um den Sterbeprozess abzukürzen? Warum sollte jemand gezwungen sein, an einer unheilbaren Krankheit so lange zu leiden, bis ihm jede Möglichkeit sich aufzuraffen verbraucht ist und er sich nur noch hilflos in die Hände irgendeines fremden Vertragsarztes eines Pflegeheims begeben kann?

Um das Gesamtproblem verständlich zu machen, muss man einige rechtliche Rahmenbedingungen erwähnen. Diese sind freilich, wie sich zeigen wird, ihrerseits von einer solchen Unklarheit und begrifflichen Verquastheit, dass sie leider mehr zur Verwirrung als zur Klärung taugen.

Der Begriff "Sterbehilfe" wird meist verbunden mit den Attributen "passiv", "indirekt" oder "aktiv". Als "passive Sterbehilfe" wird es bezeichnet, wenn der Tod einer unheilbar kranken, im Sterbeprozess angekommenen Person durch (bloßes) Unterlassen weiterer Behandlung akzeptiert und hingenommen wird: Wenn es nichts mehr zu "heilen" gibt, verkehren sich die wissenschaftlichen Gründe, aus denen man einzelne Funktionskreise des Menschen noch "behandeln" soll, von Hilfe in Qual. Leider lernen Ärzte in ihrer Ausbildung hierüber fast nichts. Die kalte Wichtigtuerei von menschlich überforderten 40-jährigen Schnöseln mit dicken Kugelschreiber-Taschen, 0,7-er Abitur und panischer Angst vor Nähe zu Menschen muss jeden erschüttern, der einen Tag in einem unserer Krankenhäuser verbringen darf, einem Ort also, an dem wir alles "dürfen" (warten, uns hinlegen, warten, die Socken ausziehen, schon mal freimachen, schon mal hinlegen, weggucken, warten, warten, warten…), nur nicht "Schwierigkeiten machen".

"Indirekte Sterbehilfe" soll es sein, wenn eine Behandlung (Therapie) der Symptome einer (voraussichtlich) tödlichen Krankheit (also Schmerzen, Luftnot, Versagen wichtiger Teile des Stoffwechsels, Angst) mit Mitteln erfolgt, die erfahrungsgemäß zur Beschleunigung des Sterbens führen (also hochdosierte Opiate oder Narkosemittel, die Schmerzen lindern, aber das Versagen zentraler Steuerungen zur Folge haben). "Aktive Sterbehilfe" schließlich soll eine "Tötung auf Verlangen" sein; hier bestehen begrifflich fließende Grenzen zur "Mitleidstötung" (auch ohne Willen des Betroffenen).

Die Zuordnung zu diesen Gruppen entscheidet nach dem Ratschluss von Juristen über Wohl und Wehe – mittelbar über das der Sterbenden, unmittelbar über das derjenigen, die ihnen dabei helfen. Umso schlimmer ist es, dass die genannten Begriffe allesamt vor allem falsch sind. Sie sind nichts weiter als "politisch korrekte" Umschreibungen von Tabuzonen.

Wäre "passive" Sterbehilfe nur das Unterlassen nicht erwünschter Behandlung, so wäre die Lage einfach: Denn eine nicht erwünschte Behandlung ist ohne Zweifel verboten. Ein Arzt, der gegen den Willen seines Patienten irgendwelche Eingriffe unternimmt oder Medikamente verabreicht, macht sich wegen Körperverletzung strafbar. Behandlungs- oder Pflegekräfte, die Patienten zu nicht gewollten Behandlungen zwingen, können wegen Nötigung bestraft werden.

Dieser Grundsatz ist gesichert, er beruht auf der Anerkennung der grundrechtlichen Selbstbestimmungsfreiheit des Menschen. Niemand muss eine Behandlung erdulden, die er oder sie nicht will. Das gilt auch, wenn das Unterlassen der Behandlung zum Tod führt. Daher darf zum Beispiel ein Altenheim einen Patienten nicht mit Gewalt (z.B. durch Anlegen einer Magensonde) ernähren, wenn er nicht mehr essen, sondern durch Verhungern sterben will; das muss ihm durch angemessene Flüssigkeitszufuhr und Medikation ermöglicht werden.

Schwierig war es lange Zeit, wenn die betroffene Person sich in einem Zustand befand, die eine eigenverantwortliche Entscheidung nicht (mehr) möglich macht(e). Hier haben das Patientenverfügungsgesetz und die Entscheidungsbefugnis von Betreuer und Arzt (bei Widersprüchen: des Betreuungsgerichts) für erfreuliche Klärung gesorgt.

Die sogenannte "passive" Sterbehilfe war schon immer (und ist erst recht seit der grundlegenden Entscheidung des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2010) aber auch aktiv: Das "Geschehenlassen" des Todes kann auch durch das Ausschalten eines Beatmungsapparats oder durch das Durchschneiden einer Ernährungssonde oder andere Handlungen erfolgen, die "aktiv" in das Geschehen eingreifen. Trotzdem sind diese Handlungen straffrei und müssen (!) auf Weisung des Patienten oder seines Betreuers durchgeführt werden. Es ist offensichtlich, dass es sich dabei um ein aktives, täterschaftliches "Töten auf Verlangen" handelt. Die Abgrenzung zur (angeblich) verbotenen "aktiven Sterbehilfe" ist rein fiktiv; sie beruht auf terminologischen Tabuisierungen und dem puren Wollen, dass die Welt so sei, wie die Begriffe es vorschreiben.

Dasselbe gilt für die sogenannte "indirekte" Sterbehilfe. Sie ist kein bisschen indirekt, sondern in kaum überbietbarer Weise direkt. Die Methode sagt dem Arzt oder Sterbehelfer: Gib dem Patienten so viel Morphium, bis er nichts mehr spürt (wenn er Glück hat), auch wenn er daran stirbt. Was daran "indirekt" sein soll, vermag kein Mensch zu sagen, der dies nicht als Dogma im zweiten Semester Jura auswendig gelernt hat. "Indirekt" (ein Begriff, der dem Strafrecht sonst ganz fremd ist) ist hier nämlich allenfalls der Tötungsvorsatz: Während einer Handlung, von welcher der Arzt genau weiß, dass sie das Leben des Patienten entscheidend verkürzen kann, denkt er, es wäre schön, wenn der Patient diese angesichts seines Zustands eigentlich letale Morphium-Dosis überlebt und schon bald wieder wohlauf ist. Für den Fall, dass das nicht klappt, nimmt der Arzt den forcierten Tod billigend in Kauf. Das nennt man in der Dogmatik der Tötungsdelikte: Totschlag durch aktives Handeln mit bedingtem Vorsatz. In der entrückten Welt der Sterbehilfe-Begriffe darf man es nicht so nennen. Hier gilt es als dermaßen noble ärztliche Handlung, dass noch nicht einmal eine ausdrückliche Einwilligung des Patienten erforderlich ist, falls dieser nicht mehr gefragt werden kann.

In der Wirklichkeit geht es natürlich noch viel weniger "indirekt" zu. Die Ärzte sind nämlich nicht so dumm, dass sie nicht wüssten, welche Folgen eine bestimmte Medikation mit Sicherheit hat: Jeder der Beteiligten weiß, dass die entscheidende Spritze nicht eine "Therapiechance", sondern eine gezielte "Erlösung" ist. Es handelt sich also um eine direkt vorsätzliche Tötung. Auch das darf man aber nicht sagen, weil dann angeblich der Vorstand des Bundesärztekammer und der selige Hippokrates in Unruhe geraten. Beiden sei gesagt: Und sie bewegt sich doch.

Und schließlich die angebliche Grenze zur Finsternis: "Die aktive Sterbehilfe ist verboten", so steht es in jedem Lehrbuch und jeder Broschüre. Zur Begründung wird auf Paragraf 216 Strafgesetzbuch verwiesen: Danach wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft, wer eine andere Person auf deren ausdrückliches, eigenverantwortlich geäußertes Verlangen hin tötet. Diese "aktive" Sterbehilfe kann übrigens – ein weiterer Witz – unstreitig auch durch Unterlassen, also rein passiv (!), ausgeübt werden.

Um die Vorschrift zu verstehen, muss gleich wieder eine äußerst feinsinnige Unterscheidung vollzogen werden: Bestraft wird nämlich nur der Täter des § 216 StGB (und dessen Gehilfe oder Anstifter). Wenn aber ein Mensch sich selbst tötet (früher nannte man das "Selbstmord" und brachte damit eine moralische Abwertung der Handlung zum Ausdruck; andere sprechen von "Freitod" und suggerieren damit den Charakter einer intellektuell ausgereiften, bilanzierenden Entscheidung, zu welcher nur die Intelligentesten von uns fähig seien), dann ist das straflos – wer den Suizidversuch überlebt, wird nicht wegen versuchter (Selbst-)Tötung bestraft. Und weil Anstiftung und Beihilfe Formen der "Beteiligung an einer fremden Straftat" sind, eine "Haupttat" also voraussetzen, sind Anstiftung und Beihilfe zum Suizid nicht strafbar, denn es gibt ja keine strafbare Haupttat.

Das führt dazu, dass die Beihilfe zur Selbsttötung seit 140 Jahren straflos ist. Hier überschneiden sich Suizid und "Sterbehilfe", denn auch ein Arzt, der seinem Patienten ein tödliches Medikament verschreibt oder überlässt, damit dieser sich selbst töten kann, begeht nur eine straflose Beihilfe zum Suizid; dass dies zugleich "Sterbehilfe" heißen kann, ist ganz unerheblich.

Und das gilt nicht nur für Ärzte, sondern für alle Menschen: Wir alle dürfen straflos anderen Menschen bei deren Suizid Hilfe leisten, und umgekehrt darf jeder beliebige Mensch diese Beihilfe uns selbst leisten – bisher. Voraussetzung ist nur, dass der Wunsch zur Selbsttötung eigenverantwortlich und ernsthaft gefasst wurde. Wer einem 17jährigen Mädchen, das aus Liebeskummer aus dem Leben zu scheiden wünscht, wortlos den Revolver reicht, kann schwerlich straflos sein. Über solche Beispiele muss man nicht ernstlich reden.

Tabuisierung und Selbstbetrug

Die Grenze der Straflosigkeit ist erreicht, wenn der "Gehilfe zum Suizid" in Wahrheit der Täter (jener Tötung auf Verlangen) wird. Diese Unterscheidung ist im Grenzbereich (und auf den kommt es ja an) derart feinsinnig und bis in die Einzelheiten unklar, dass man sich davor nicht nur fürchten, sondern erkennen muss, dass die Auswirkung auf die Praxis vielfach zu menschenunwürdigen, absurden Lagen führt: Der Arzt darf dem Patienten das Glas mit Gift hinstellen, ihm aber nicht beim Trinken helfen. Er darf eine Spritze hinlegen, sie aber nicht selbst setzen. Patienten, die zu krank oder zu gelähmt oder zu dement sind, um die Tötungshandlung selbst auszuführen, haben halt "Pech gehabt": Sie müssen bis zum bitteren Ende leiden, weil die "herrschende Meinung" sich einer "Täterschaftstheorie" angeschlossen hat, die dies angeblich fordert. So wird aus dem Lebensschutz durch das Strafrecht der Schutz sinnloser Qual und die Verachtung der Selbstbestimmung. 

Tabuisierung und Selbstbetrug

In diesem für Fachleute schwer, für Laien gar nicht überschaubaren Dschungel von Verdrehungen, Beschönigungen und Verleugnungen kann nichts Gutes gedeihen. Die bloße Existenz eines solchen Zustands der Verwirrung, Angst und Tabuisierung ist ein gesellschaftlicher Skandal, vor dem die Polittheater des Tagesgeschäfts wie Witz-Veranstaltungen wirken: Wenn es schon dringend der Klärung bedarf, ob, seit wann und auf wen das Schnellfeuergewehr G36 (erhitzt!) daneben schoss und wie viele deutsche Soldaten von welchen wichtigen Personen dieser Republik mit dieser Waffe – trotz Kenntnis – mit den besten Wünschen in die Kriege im Kosovo und in Afghanistan gesandt wurden, dann müsste es wohl um ein Vielfaches dringlicher sein, zu klären, auf welche Weise hilfsbedürftige Menschen in großer Zahl auf elendige Weise zugrunde gehen, obgleich ihnen geholfen werden könnte.

Wenn die Begriffe, die das Thema "Sterbehilfe" angeblich in den Griff kriegen und die Emotionen kanalisieren sollen, ihrerseits aus lauter Tabuisierungen und Euphemismen, ja aus Lügen bestehen: Woran soll man sich dann halten?

Suizide und "Sterbehilfe" scheinen weit auseinander zu liegen. In Wahrheit sind sie verschiedene Blickwinkel desselben Problems. Nehmen wir einen Grund, den heute beinahe jeder als Auslöser eines Sterbewunsches akzeptieren kann: die Diagnose "Alzheimer". Gibt es irgendeinen sinnvollen Grund, eine menschlich vertretbare Kategorie, die vor der Kulisse dieser Wirklichkeit zwischen "Sterbehilfe" und "Suizid-Beihilfe" unterscheiden kann? Soll man sich ernsthaft von Ärztekammer-Funktionären dazu zwingen lassen, die unaufhaltsam das Ich zersetzende Krankheit so lange zu erdulden, bis der Vertragsarzt eines Pflegeheims einmal Zeit, Gelegenheit und eine GOÄ-Nummer findet, um einen "indirekten" Tod zu genehmigen?

Wer so denkt, verfolgt ein paternalistisches, obrigkeitshöriges Modell, und er hat eine sehr geringe Meinung von seinen Mitmenschen. Der Mensch ist aber weder dem Staat noch der Bundesärztekammer (BÄK) zum Leben verpflichtet. Ob er sich einem übermenschlichen Prinzip oder gar einer moralischen "Macht" verpflichtet fühlt, die ihm – angeblich – verbietet, über sein Leben selbst zu bestimmen, ist, schlicht und ergreifend, Privatsache. Das mag jeder halten, wie er will, und wir können einander nichts Besseres tun, als uns in dieser Freiheit gegenseitig zu respektieren.

Ärzte sind in ihrem Auftrag nicht ihrer Landes- oder der Bundesärztekammer verpflichtet, sondern ihren Patienten. Die drohende Regelung in den Grundsätzen der BÄK zur Sterbehilfe: "Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe", die ebenso der Deutsche Ethikrat vertritt, ist ein hilfloser Versuch, Grenzen zu ziehen, wo der Natur der Sache nach keine sein können. Sie ist im Übrigen eine unerträgliche Bevormundung verantwortungsvoller Gewissensentscheidung der einzelnen Ärzte und eine zynische Absage an die Hilfsbedürftigkeit unzähliger Menschen.

Kultur des Lebens – Kultur des Sterbens

Die sogenannte "christlich-abendländische" Kultur ist – bei allem Kult um den Tod, den sie treibt – eine der Todesverleugnung und der Tabuisierung. Die christliche Ideologie hat im Mittelalter den Begriff des Lebens als "Geschenk" eingeführt, das der einzelne Mensch (gefälligst) dankbar anzunehmen und zu bewahren habe; hieraus entsteht eine Pflichtenstellung des Einzelnen vor Gott zur Hinnahme von Leiden. Ein solches Denken ist fremden und früheren Kulturen fremd; es kann in einem säkularen Rechtsstaat auch nicht als verbindliche Richtschnur moralischen Verhaltens angesehen werden. Die Lehrmeinungen und Dogmen der christlichen Kirchen sind auch bei ihren Mitgliedern weithin relativiert; die Menschen "basteln" sich in weitem Umfang ihre privaten "Religionen" als praktische Wohlfühl-Philosophie für den Alltag. Nur eine kleine Minderheit ist noch davon überzeugt, das Ertragen schrecklichen Leidens bis zum Tod sei eine Pflicht, deren Erfüllung ihnen ein liebender Gott aufgetragen habe, um sie alsdann vor ein abschließendes "Jüngstes Gericht" zu führen, in welchem er Ankläger, Verteidiger, Richter und Vollstrecker in einem ist und vor dem dieses Leiden dann als "Verdienst" gewürdigt werde.

Eine ähnliche "Pflicht zum Leben" kennen sonst nur Staaten, die in totalitärer Weise auf die Existenz ihrer Bürger zugreifen und die das Leben ihrer Einwohner als bloßes Mittel zu einem (höheren) Zweck behandeln.

Unterhalb dieses allgemeinen Rahmens geht es mir um einen bescheideneren, alltäglichen Begriff der Kultur: Um den Alltag des Wissens, Fühlens und Umgangs mit Leben und Tod. Und hier zeigt gerade die christlich-kapitalistische Welt ganz erstaunliche – aber durchaus erwartbare – Züge. Es wird nämlich der Tod vollständig ausgegliedert aus dem Leben, das zugleich als ewig dahingeträumt wird: Als ewige Bewegung des Konsums, des Wachstums, der Überwältigung des Fremden, als ein stetes "Vorwärts". Eine solche Kultur kann mit dem Tod nicht umgehen. Sie entwirft ein Zerrbild des Lebens als Traum von ewiger Jugend und Stärke. In ihren Auswüchsen behandelt sie die Menschen (und diese sich selbst) ab dem 40. Lebensjahr als vom Verfall Gezeichnete – ein vollkommen absurdes, aus den Fugen geratenes Beschleunigungsmodell, ein einziger kollektiver Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Der Tod selbst wird in dieser Gesellschaft nicht behandelt wie der Hunger oder die Malaria, also nicht als Teil des Lebens, sondern stilisiert und verunstaltet als "Symbol" seiner selbst: Staatsakte finden statt für 150 Opfer eines Mitnahmesuizids, eine beiläufige Gedenkminute muss ausreichen für 800 ertrunkene Schwarzafrikaner, die in ihrem egoistischen Wunsch nach einem glücklichen Leben an ihrem Tod irgendwie selbst schuld sind (merke: fahre nicht mit Schlauchbooten auf dem Ozean).

Wir brauchen eine positive "Kultur des Sterbens". Eine Alltagskultur also, die den individuellen Tod und den Tod als gemeinsames, das Menschsein von Anfang an prägendes Schicksal wieder zurückholt in die Wirklichkeit des (gemeinsamen) Lebens. Damit ist keine Kultur der Finsternis und der depressiven Verstimmung gemeint, sondern eine der Lebensbejahung, der Freude und der Selbstbestimmung. Eine Kultur also, in der die Bestimmung über das eigene Leben dem Staat und allen Ideologien entzogen ist – von Anfang an.

Vorschläge

Die oben beschriebene Rechtslage bei der Beihilfe zum Suizid war seit 140 Jahren bekannt. Man kann nicht behaupten, dass sie zu Massen-Selbsttötungen geführt oder die große Mehrzahl der Suizide und Suizidversuche auch nur merklich erleichtert hat. In 99 Prozent der Fälle sind die Betroffenen mit sich und ihrer Angst allein. Gehen sie zum Arzt, erkennt dieser – mit Glück – eine depressive Erkrankung und weist den Weg zur Hilfe. Haben sie Pech, werden sie "wegen akuter Suizidalität" erst einmal ein paar Wochen weggesperrt und chemisch auf einen Level heruntergebracht, der ihnen später nur mehr als Gedächtnislücke in Erinnerung bleiben wird. In Tausenden von Fällen versuchen Menschen, aus welchen Gründen auch immer, sich auf brutale, gewalttätige, erschreckende Weise das Leben zu nehmen.

Nun hat man kürzlich eine weitere der angeblich dringend zu schließenden "Strafbarkeitslücken" entdeckt. Es geht dabei aber nicht etwa um eine Regelung, die das Elend mindert. Sondern um eine, die es für alle Zeiten festschreibt.

In der inzwischen vielfältigen Landschaft der Sterbehilfe Europas sind nämlich einzelne Gruppen oder Organisationen aufgetaucht, die in "dubioser" Weise aus der Tötung von Menschen eine kommerzielle Geschäftsidee machen. Das geht natürlich nicht, weil es die große Gefahr birgt, dass bei geneigten Personen um einen Tötungsauftrag regelrecht geworben werden könnte, anstatt ihnen die Hilfe anzubieten, die sie erst in die Lage zur verantwortlichen Abschätzung versetzen würde.

Im Deutschen Bundestag werden derzeit mehrere Entwürfe zur Regelung diskutiert, die – angeblich – diesem Anliegen Rechnung tragen sollen. Sie beruhen sämtlich auf der Parole, es "müsse etwas geschehen". Wenn es im Feld der Politik einmal so weit gekommen ist, gibt es meist kein Halten mehr: Es wird nicht mehr geprüft, ob eine Regelung überhaupt sinnvoll ist, sondern nur noch darum gestritten, welche Regelung die schönste und beste sei.

So ist es derzeit auch mit der Sterbehilfe. Dabei werden alle Vorschläge den Bürgern mit dem Argument verkauft, es sei wichtig, den "nicht strafbaren Bereich" der Sterbehilfe endlich positiv zu regeln. Dieses Argument ist eine Frechheit, denn es geht davon aus, dass die Bürger nicht wissen, dass in einem Rechtsstaat alles erlaubt ist, was nicht verboten ist. Um Sterbehilfe und Beihilfe zum Suizid zu erlauben, braucht es daher keine neuen Strafgesetze. Die Entwürfe unterscheiden sich denn auch wesentlich nur in einem: Wie weit sie das straflose Verhalten in Zukunft strafbar machen wollen.

Die Empörung über Einzelfälle einer unseriösen "Sterbehilfe" in Hamburg wird für einen "Rollback" genutzt, der das bisschen Liberalität, das im Laufe von Jahrzehnten erreicht worden ist, zurücknehmen will. So wird etwa von einer Gruppe von Parlamentariern vorgeschlagen, jede (!) Beihilfe zum Suizid unter Strafe zu stellen. Dagegen schlägt eine andere Gruppe vor, "nur" die Beihilfe durch Nicht-Ärzte strafbar zu machen (also Angehörige; Pflegepersonal; Sterbehelfer) und im Gesetz klarzustellen, dass Ärzte im Einzelfall Beihilfe zum Suizid leisten dürfen. Vielen Dank für diese "Klarstellung", die schon jetzt gilt und nichts Neues regelt außer dem Verbot des gesamten anderen Verhaltens! Ein Politiker, der es als "liberalen" Regelungsvorschlag ausgibt, das Essen von Kartoffeln ausdrücklich zu "erlauben", indem er das Essen von Reis, Nudeln und Brot verbietet, muss seine lieben Wählerinnen und Wähler schon für wirklich ungewöhnlich dumm halten.

Keiner der Vorschläge erfasst das Thema in seinem Umfang. Der moralisch verwerflichen "Kommerzialisierung" der Beihilfe zum Suizid kann man ohne Weiteres mit Mitteln des Polizei- und Verwaltungsrechts beikommen (wie es ja in Hamburg auch bereits geschieht). Es bedarf dazu keiner Änderung des Strafgesetzbuchs.

Es bleiben die Argumente des "Dammbruchs" und des "Missbrauchs". Bei diesen Worten gerät die kriminelle Fantasie ins Schwärmen, und biedere Abgeordnete oder Chefärzte malen der Öffentlichkeit dramatisch aus, was der gemeine deutsche Bürger wohl seiner "Oma" einreden könnte, um sie loszuwerden, ihr Häuschen zu vermieten, ihren Nachlass zu verprassen oder ihre Pflegekosten einzusparen. Erstaunlich! Warum sorgen dieselben Menschen, die doch an den Schaltstellen des Systems sitzen, dann nicht seit Jahrzehnten dafür, dass die gnadenlose Ausbeutung der familiären Pflege weit über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus endlich aufhört? Und wo sind die vielen Tausend "Missbräuche", die angeblich notwendige Folge des gegenwärtigen Rechtszustands sind, in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich abgeurteilt worden?

Lösungen

Es ist sehr zu wünschen, dass die Bürger dieses Schauspiel durchschauen. Und es stoppen!

Wir haben in den letzten 15 Jahren, durch wichtige Entscheidungen der höchstrichterlichen Rechtsprechung (etwa die Entscheidung des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs zur Sterbehilfe) und durch richtungsweisende Entscheidungen des Gesetzgebers (etwa das Patientenverfügungsgesetz), eine schrittweise Klärung und Öffnung jener lange tabuisierten Zonen erreicht. Einer ideologisch geprägten, schwer verständlichen Gegenströmung erscheint dies als Teufelswerk. Sie wird gestützt von der Spitze einer Ärzte-Bürokratie, die ihre Mitglieder mit berufsrechtlichen Verfahren bis hin zu Berufsverboten bedroht. In Wahrheit ist die Mehrheit der Ärzte in Deutschland keineswegs der Meinung, eine "Hilfe zum Tod" widerspreche dem ärztlichen Auftrag zu Hilfe, Mitgefühl und Heilung.

Die Ärzte, die einer verantwortlichen Liberalisierung der Sterbehilfe aus Erfahrung und Menschenliebe nahestehen, müssen heute fürchten, ausgegrenzt, in ihrer moralischen ("ärztlichen") Integrität in Frage gestellt und mit wirtschaftlichen Sanktionen belegt zu werden. Man kann nur hoffen, dass sich trotz dieser Hemmnisse genügend und immer mehr Ärztinnen und Ärzte finden werden, die den Umgang mit dem Tod aus den salbungsvollen Sonntagsreden der Ärztetage heraus- und ins wirkliche Leben zurückholen. Die Funktionäre und Verwalter der ganz hohen Ethik nehmen seit jeher augenzwinkernd in Kauf, dass "hinter die Türen der Intensivstationen" und "in die Zimmer der Pflegeheime" im entscheidenden Moment niemand "so ganz genau" hinschauen könne, und dass man sicher sei, der Herr Kollege und die Frau Kollegin werde dort schon das tun, was das getreue Ärzteherz als richtig erkenne… Wenn uns die Vereinigungen der Atomkraft-Ingenieure oder der Piloten oder der Richter mit solch frommen Sprüchen kämen, um uns zum Wegsehen zu bewegen, würden wir ihnen den Vogel zeigen. Man wagt es kaum zu sagen: Die Ärzte sind um der Patienten willen da, nicht umgekehrt.

Ich selbst spreche mich daher nicht allein für die Beibehaltung und den Ausbau der erlaubten Sterbehilfe aus, sondern für eine Öffnung des strafrechtlichen Verbots der Tötung auf Verlangen (Paragraf 216 Strafgesetzbuch). Selbstverständlich dürfte dies nicht voraussetzungslos und willkürlich erfolgen, sondern muss an prozedurale Regelungen geknüpft sein, wie es etwa in der Schweiz oder in Benelux-Staaten der Fall ist. Aus dortigen Erfahrungen könnte man viel lernen, wenn man wollte.

Gäbe es Anlaufstellen für Sterbewillige (analog den Beratungsstellen für Abtreibungswillige), würde dies (erstmals) erlauben, sehr viele Suizid-geneigte Personen zu entdecken, die heute von der Gesellschaft vollkommen alleingelassen werden: 25 Prozent der depressiven Erkrankungen, so schätzt man, verlaufen tödlich (durch Suizid, häufig nach jahrzehntelangem Leiden). Viele depressive Erkrankungen sind heilbar und – bei guter Lebensqualität – therapierbar. Schon wenn es gelänge, über "Sterbehilfe"-Anlaufpunkte und Beratungsstellen ein paar Tausend Menschen zu erfassen, die sich heute gegen jede vernünftige Intuition, oft auf grauenvolle Weise und unter schwersten Beeinträchtigungen Dritter (Mitnahme-Suizide) das Leben nehmen, hätten wir sehr viel gewonnen.

Mit der Religion und dem Lebenssinn mag es ein jeder halten, wie er will: Ist das nicht die Grundlage unseres Gemeinwesens? Wenn es um die letzte Verfügung des Menschen über sich selbst und die eigene Existenz geht, sollte, wenn die Rede von der Selbstbestimmung überhaupt einen Sinn haben soll – wohl der Grundsatz gelten, dass auch der eigene Tod – einschließlich Zeitpunkt, Motiv und Ursache – der Einzigartigkeit des Individuums anheimgegeben ist. Was sonst soll die "Würde des Menschen" für den Einzelnen wert sein?

Das Volk, sehr geehrte, liebe Abgeordnete des Deutschen Bundestags, ist keine Versammlung von Kindern. Und selbst wenn Sie das bestreiten, weil Ihre herausgehobene Position einfach kein Zufall sein kann: Denken Sie daran, dass bei dem Kindergeburtstag, dessen Verlauf Sie vorübergehend mitgestalten dürfen, Sie selbst die Gäste sind! Tun Sie also mit uns nur das, was heute oder morgen mit Ihnen selbst getan werden soll.