Die Vorsitzende der Bundesarbeitsgruppe Suizidprävention im Gefängnis, Katharina Bennefeld-Kersten, zweifelt daran, dass Thomas Middelhoff im Gefängnis alle 15 Minuten geweckt worden sei. Dessen Anwälte hatten in einer Haftbeschwerde geschrieben, dass in der JVA Essen die Tür zu Middelhoffs Zelle jede Viertelstunde geöffnet wurde, das Licht sei meistens eingeschaltet gewesen, um zu überprüfen, ob der frühere Topmanager noch lebe. "Ich glaube, dass wird nicht so gewesen sein", sagte Bennefeld-Kersten.

Es bedürfe zu viel Personal, um Insassen viertelstündlich in ihrer Zelle zu überwachen. Ein Bediensteter dürfe nachts die Zellentür nicht alleine öffnen. Die ehemalige Leiterin der JVA Celle sagte im Deutschlandradio Kultur, Middelhoff sei vermutlich über die sogenannte Kostklappe überwacht worden. Es sei auch so möglich, zu überprüfen, ob der Gefangene lebe, sagte Bennefeld-Kersten weiter.

Das nordrhein-westfälische Justizministerium dementierte, dass Mitarbeiter der JVA Middelhoffs Zelle nachts betreten hätten. Ein von den Bediensteten geführtes Meldebuch belege, dass zwischen dem 14. November und 9. Dezember sowie am 18. und 19. Dezember viertelstündlich durch den Türspion kontrolliert worden sei, ob Middelhoff lebe. "Kein Bediensteter hat den Haftraum zwischen 22 Uhr und 6 Uhr betreten", heißt es aus dem Ministerium.

Die Anwälte von Middelhoff hatten in der Haftbeschwerde geschrieben, ihr Mandant sei wegen des Schlafentzuges "sehr krank". Die Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, Renate Künast (Grüne), kritisierte, Middelhoffs Menschenrechte seien verletzt worden. "Andauernder faktischer Schlafentzug durch sogenannte Selbstmordprävention zerstört einen Menschen physisch und psychisch", sagte Künast Spiegel Online. "Es ist eindeutig eine Verletzung der Menschenrechte und mit nichts zu rechtfertigen."

Der Leiter der JVA Essen, Alfred Doliwa, verteidigte in der Bild am Sonntag, dass Middelhoff permanent überwacht wurde. "Wenn jemand alles zu verlieren droht, ist das der typische Fall eines Bilanz-Selbstmordes." Ein Arzt der JVA soll hingegen festgestellt haben, dass "keine Suizidgefahr, keine Anhaltspunkte für ein depressives und suizidales Syndrom" bestanden hätten, berichtete die Zeitung. 

Thomas Middelhoff hatte am 31. März einen Antrag auf Privatinsolvenz gestellt. Aus diesem geht hervor, dass "mindestens 50 Gläubiger" Geld von dem früheren Arcandor-Chef fordern. Das Essener Landgericht hatte ihn am 14. November wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt. Er war noch im Gerichtssaal verhaftet worden. Der Bundesgerichtshof wird in einigen Monaten über eine Revision entscheiden.