Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bringt ihre Theologie auf Papier, aber nicht zur Sprache. In einer Woche, in der die Frage nach dem Tod und seiner Bewältigung, nach Trost im Leiden, nach Verzweiflung und Vergebung ganz Deutschland bewegt, duckt sich die Kirchenleitung weg. Die geplante Pressekonferenz zur Vorstellung der Orientierungshilfe Für uns gestorben. Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi fand aus aktuellem Anlass nicht statt. Einen Tag nach den tragischen Ereignissen um den Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen ist der EKD die eigene Botschaft zu heikel. Alles, was sie zu sagen hat, ist: "Wir bitten um Verständnis." Wie bitte? Trauen Christen ihrer eigenen Trauer nicht?

Die Kirchenleitung redet sich heraus: "Der Ort der Kirche in diesen Tagen ist bei den Menschen – in der Seelsorge, in Gebeten und in der Stille." Deshalb habe man sich für eine zurückhaltendere Form der Präsentation entschieden. Kann die Kirche nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein?

Die EKD hält zwar am Inhalt ihrer Orientierungshilfe fest. Sie will das Papier nicht in einer Schublade verschwinden lassen. Sie will nur nicht darüber reden. Nicht jetzt. Nicht, solange es Relevanz haben könnte. Heinrich Bedford-Strohm wollte das Orientierungspapier am vergangenen Donnerstag vorstellen, kurz vor Beginn der Karwoche. Mit seinem Rückzieher hat der Theologe die Chance verpasst, das "Wort vom Kreuz" auch außerhalb wissenschaftlicher Schutzräume hörbar zu machen.

Dabei ist es das richtige Papier zur richtigen Zeit. Das Christliche im Angesicht des Todes lässt sich nicht nur an die Notfallseelsorger in Düsseldorf, Haltern und den Alpen delegieren.

Für uns gestorben ist verständlich formuliert und bietet auch theologischen Laien erhellende Einsichten in die Deutungsgeschichte des Golgatha-Geschehens von Anselm von Canterbury über Martin Luther bis Mel Gibsons Passionsverfilmung. Besonders interessant ist das letzte Viertel: "Wollte Gott Blut sehen, um seinen Zorn zu besänftigen?", wird dort etwa gefragt. "Wenn vom Zorn Gottes die Rede ist, dann ist damit kein mit Rachegefühlen verknüpfter Wutausbruch im Blick. Gottes Zorn richtet sich gezielt gegen alles, was dem Leben zusetzt und es entwürdigt", antworten die Theologen.

Unterm Kreuz werde das Elend des menschlichen Daseins sichtbar, das Ausgeliefertsein an die Mächte der Zerstörung und des Todes. Schuld, Selbstbehauptung, moralische Entrüstung, Rechthaberei – Begriffe, die in der vergangenen Woche besonders aktuell wurden. Aber unterm Kreuz wird auch die andere Seite deutlich: geborgen zu sein in der Liebe Gottes und hineingestellt zu sein in einen Raum der Freiheit. Es sei deshalb ein großer Trost, im Leben und im Sterben diesem Gott anzugehören. Ein schwacher Trost?

Diese Worte blieben unerhört, weil ungesagt. Gerade in einer Woche, in der "die" Medien berechtigte Kritik auf sich zogen, wäre ein Medientermin der anderen Art wohltuend gewesen.

Die Schreckensmeldungen um Flug 9525 ließen viele sprachlos zurück. "Was in einschneidenden Krisen erschüttert", schreiben die Theologen, "ist die Ausweglosigkeit und Bedrohung durch Wahnsinn und Chaos. Der zunehmende Verlust von Orientierung und Kontrolle droht den Boden unter den Füßen wegzuziehen." Wer Menschen in einer Krise des Leidens, des Verlustes oder der Vergänglichkeit begleitet habe, wisse, dass für Trauernde und Leidende nicht nur der Sinn und Zusammenhang einer einzelnen Erfahrung infrage stehe, sondern darüber hinaus der Sinnzusammenhang und das Gesamtgefüge der Geschichte und Welt als Ganzes.

Die Kirche ist bei diesen Menschen. Die Notfallseelsorger sind bei den Angehörigen und bei den Rettungskräften. Die Kirche ist auch für diejenigen da, die sich von Eilmeldung zu Eilmeldung tiefer in diese Tragödie hineinziehen lassen. Das ist gut und wichtig. Doch die Kirche drückt sich um ihre theologische Verantwortung.

An Karfreitag, das stellt auch die Orientierungshilfe fest, läuft trotz Verweltlichung ein spezifisches Fernsehprogramm. Es werden ernste Themen verhandelt, wo sonst alles der Quote geopfert wird. So auch vergangene Woche: Die Fernsehanstalten strichen ihre Humor- und Satiresendungen aus dem Programm. Den Programmchefs war nicht zum Scherzen zumute. Die Sprücheklopfer machten Platz für Sondersendungen. Gehaltvoller waren diese keineswegs. Verstand und Theologie hätten der Berichterstattung nicht geschadet.

Das Papier wurde von der Kammer für Theologie unter Leitung des Berliner Kirchenhistorikers Christoph Markschies erarbeitet. Nicht nur für Christinnen und Christen der evangelischen Kirche sollte es "theologische Orientierung und Besinnung" bieten, wie der Ratsvorsitzende in seinem Geleitwort schreibt. Für alle, die "nach Bedeutung und Sinngehalt des christlichen Glaubens fragen", sollte es ein Gesprächsangebot sein. Doch außer ein paar Fachleuten wird es nun niemand lesen.

Die Theologen stellen unter Gläubigen eine Verschiebung hin zu einer Osterfrömmigkeit fest, "die vor allem das Geschenk des neuen, ewigen Lebens betont". Die Gläubigen sind damit nicht allein. Die EKD weiß selbst nicht so recht, was sie mit Karfreitag anfangen soll.

"Für uns gestorben. Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)". 194 Seiten, Gütersloher Verlagshaus 2015. Das Papier ist im Buchhandel erhältlich und kann unter www.ekd.de heruntergeladen werden.