Etwas versteckt im südwestlichen Teil des wuchtigen Hauptbahnhofs liegt die Dienststelle der Bundespolizeidirektion Hannover. Hier soll ein Beamter Flüchtlinge schikaniert und gedemütigt haben. Gegen den 39-Jährigen läuft ein Ermittlungsverfahren. Das heißt, noch ist keine Anklage erhoben oder gar ein Urteil gesprochen worden, doch die Hinweise auf die schändlichen Taten sind deutlich: Der Polizeiobermeister der Bundespolizei soll im März und September 2014 in der Wache im Hauptbahnhof der niedersächsischen Landeshauptstadt mindestens zwei Flüchtlinge misshandelt haben.

Die beiden jungen Männer, aus Afghanistan und Marokko, waren von der Polizei im Bahnhof ohne Papiere aufgegriffen beziehungsweise im Zug ohne Fahrkarte angetroffen und mit auf die Dienststelle genommen worden.

Der beschuldigte Polizist brüstete sich in einer WhatsApp-Nachricht mit seinen speziellen Vernehmungsmethoden: "Hab den weggeschlagen. Nen Afghanen. Mit Einreiseverbot", heißt es darin in schlechtem Deutsch. "Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig. Und an den Fußfesseln durch die Wache geschliffen. Das war so schön. Gequikt wie ein Schwein. Das war ein Geschenk von Allah."

Die Erniedrigung des Marokkaners hielt der Beamte im Bild fest: Die etwas unscharfe Handy-Aufnahme zeigt einen Mann, an den Händen gefesselt. In gekrümmter Haltung liegt er auf dem gefliesten Boden, Kopf und Oberkörper sind an die Wand gepresst, ein Bein ist angewinkelt. Am Bildrand erkennt man Stiefelspitzen – offenbar ist mindestens ein weiterer Beamter anwesend. "Das ist ein Marokkaner", schrieb der Polizist dazu. "Den habe ich weiß bekommen. (Der Vorgesetzte XY …) hat gesagt, dass er ihn oben gehört hat, dass er geqikt hat, wie ein Schwein. Dann hat der Bastard erst mal den Rest gammeliges Schweinefleisch aus dem Kühlschrank gefressen. vom Boden." 

Diese Vorfälle haben auf der Wache in Hannover offenbar Methode. Ein anonym bleibender Beamter aus der Dienststelle berichtete dem NDR von einem weiteren, ein Jahr zurück liegenden Vorfall, in den wieder derselbe Polizist verwickelt sein soll. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob von den mutmaßlichen Handlungen des Polizeiobermeisters "auch andere Beamte gewusst oder sogar mitgewirkt haben", sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Wenn die Prahlereien per WhatsApp stimmen, gab es mindestens drei Mitwisser: Den Kollegen, der die Handy-Nachrichten erhielt. Den Beamten, dessen Stiefelspitzen auf dem Foto zu sehen sind, und den Vorgesetzten, der die Schreie aus der Zelle hörte.

Thomas Bliesener vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen geht aufgrund der verschickten Handy-Nachrichten davon aus, dass andere Beamte zumindest von den Taten aus dem vergangenen Jahr wussten. Das lasse darauf schließen, dass ihnen ein Unrechtsbewusstsein fehle: "Der Täter wähnt sich im Konsens mit Gesinnungsgenossen", sagt Bliesener.

Und wenn schon nicht Konsens, dann aber doch Korpsgeist. Eine Grundeinstellung also, die besagt, dass man Kameraden nicht belastet und schon gar nicht der Justiz ans Messer liefert. Der Soziologe Rafael Behr von der Polizeiakademie Hamburg sagt: "Die Gruppe trägt die Misshandlungen mit, weil jeder weiß, wenn ich die Sache ins Rollen bringe, bin ich das Kameradenschwein". Die Angst vor dem Verlust des Status in der Gruppe sei sehr groß, "da ist es einfacher zu schweigen und nichts gesehen zu haben."

Daraus ergibt sich eine bedrückende Frage: War das, was offenbar in Hannover passierte, wirklich nur ein Einzelfall?

Nein, sagt Kai Weber vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat: "Es hat immer wieder Gerüchte über Misshandlungen bei der Bundespolizei gegeben". Gerüchte ja, aber meistens keine Beweise.