Das Schlimmste ist erst mal abgewendet. Wochenlang hatten viele der 7.000 völlig entkräfteten Bootsflüchtlinge im südostasiatischen Meer ausgeharrt. Doch keiner wollte sie aufnehmen. Nun haben Malaysia und Indonesien erklärt, sie würden die Flüchtlinge hereinlassen – Malaysia erklärte sich auch bereit, aktiv nach Flüchtlingsbooten zu suchen.

Sowohl Malaysia als auch Indonesien sind muslimische Länder und damit bevorzugtes Ziel der ebenfalls muslimischen Flüchtlinge, die aus Bangladesch und Myanmar stammen. Auf Dauer bleiben sollen die Migranten nicht, ihnen wird lediglich ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht von einem Jahr gewährt, danach möchten sie die beiden Aufnahmeländer zurückschicken. Wenn das denn so einfach wäre.

"Handelt es sich um Bangladeschis, ist die Sache nicht schwer", sagt Charles Santiago, malaysischer Abgeordneter und Mitglied der nationenübergreifenden Gruppe Parlamentarier für Menschenrechte der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean. "Das sind dann entweder Wirtschaftsflüchtlinge oder aber Menschen, die gekidnappt wurden, um auf Plantagen zu arbeiten. Die werden zurück in ihr Land geschickt werden." Etwa 60 Prozent der 7.000 Flüchtlinge sollen aus Bangladesch stammen.

Eine Minderheit gegen die andere

"Sehr viel komplizierter ist die Lage, wenn sie Rohingyas sind", sagt Santiago. Denn die Rohingyas möchte niemand haben – und das ist genau der Grund, aus dem sie in Scharen aus ihrer Heimat fliehen, der Provinz Arakan im Westen Myanmars.

Arakan ist eine der ärmsten Provinzen in einem armen Land, schwindelerregende 78 Prozent der Myanmarer leben unter der Armutsgrenze. Die Mehrheit der Einwohner Arakans, also etwa 60 Prozent, stellt die buddhistische Volksgruppe der Rakhine, die als eine der anerkannten Minderheiten des Landes gelten. Und als solche lange unter der Vorherrschaft der Birmanen, der zahlenmäßig und politisch stärksten Volksgruppe im Vielvölkerstaat Myanmar, litten.

Wie so oft lebt sich eine unterdrückte Minderheit auf Kosten einer anderen unterdrückten Minderheit aus: in diesem Fall der muslimischen Rohingya, die 30 Prozent der Bevölkerung Arakans stellen. Diese gehören ethnisch zur Gruppe der Bengalen, die auch in Bangladesch siedeln, leben jedoch teilweise schon seit vielen Generationen in Arakan, einem einst unabhängigen Reich, das schon immer auf der Grenze zwischen dem buddhistischen und dem muslimischen Asien lag und in seiner wechselvollen Geschichte viele Migrationsbewegungen erlebte.

"Hätten wir jetzt nicht reagiert …"

Die Rohingya wurden schon früher diskriminiert, nur wenige von ihnen genießen volle Bürgerrechte. Jetzt aber fürchten die buddhistischen Rakhine, dass die Muslime aufgrund ihrer höheren Geburtenrate bald die Mehrheit in der Provinz stellen werden und gehen mit großer Härte gegen die Rohingya vor. Im Jahr 2012 kam es zu blutigen Ausschreitungen, seither wurden die ohnehin schwachen Rechte der Rohingya immer weiter beschnitten, sie fürchten bald alle politischen Rechte zu verlieren und völlig ins Abseits zu geraten. Die Rakhine nennen die Rohingya "Bengalis" und möchten sie am liebsten nach Bangladesch abschieben, doch auch Bangladesch will sie nicht haben. Deshalb machen sich so viele auf die gefährliche Reise übers Meer.

Im Prinzip könnten die Rohingya unter den Flüchtlingen auch in Malaysia bleiben, sagt der Abgeordnete Santiago: "Wir haben sechs Millionen Gastarbeiter, davon sind drei bis vier Millionen nicht registriert. Auf 5.000 bis 6.000 mehr käme es also nicht an." Doch fürchte seine Regierung, dass noch viel mehr Flüchtlinge kommen werden, sobald sie erst mal die Schleusen öffnet.

Erst der internationale Druck habe die malaysische und indonesische Regierung zum Einlenken bewegt, sagt Santiago. Vor allem aber habe der Ruf der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean auf dem Spiel gestanden: "Hätten wir jetzt nicht reagiert, hätte man uns ewig vorgeworfen, dass wir immer nur reden und nichts tun."  Nun komme es darauf an, das Problem gemeinsam mit Myanmar zu lösen.

Erstmals hat die Regierung von Myanmar diese Woche verlauten lassen, sie sei bereit, humanitäre Hilfe für jeden zu leisten, der auf hoher See Not leide. Doch kann sie es schaffen, den Konflikt zu lösen? Jede Regierung, die den Rohingyas helfen würde, müsste mit heftigen Stimmenverlusten bei den Buddhisten rechnen, die die Mehrheit im Land stellen. Und es dürfte außerordentlich schwierig werden, die unterschiedlichen Interessen zu vereinen. Am 29. Mai wird es ein regionales Gipfeltreffen anlässlich der Krise geben, Myanmar ist eingeladen, hat jedoch noch nicht zugesagt.

"Immerhin", sagt Chris Lewa von Arakan State, einer Nichtregierungsorganisation, die sich um die Belange der Rohingya kümmert, "ist diese Krise jetzt eine Chance, das Problem der Rohingya wirklich anzugehen." Sie begrüße die Bereitschaft, Indonesiens und Malaysias Flüchtlinge aufzunehmen, doch stelle sich die Frage, was dann mit den Flüchtlingen geschehe. "Es könnte sein, dass sie erstmals in Migrationshaft landen und das ist ein sehr hartes Los."   

Das gute Leben haben die Bootsflüchtlinge also noch lange nicht erreicht.