Flüchtlinge aus Afrika auf Sizilien © Marina Militare/Reuters

Ein altes Boot treibt auf dem Wasser, vollgestopft mit Hunderten Flüchtlingen – dieses Bild sehen wir fast täglich im Fernsehen, in den Zeitungen, im Internet. EU-Politiker beraten, wie sie Flüchtlinge abschrecken können, wie sie Schlepperbanden bekämpfen und wie sie mit denen, die bei uns ankommen, umgehen sollen. Tausende Flüchtlinge sitzen auf Sizilien fest und hoffen auf Papiere. Wer sind sie?

Alhagie, 25 Jahre alt, und Baba, 25 Jahre alt, beide aus Gambia

Alhagie ist ein schlanker junger Mann, er trägt ein hellgelbes Hemd mit kleinen lila Punkten und eine farblich passende lila Jeans. Um seinen Hals hängen große, weiße Kopfhörer. Das Hemd sieht hübsch aus, nur etwas aus der Zeit gefallen. "Glaube ich Dir nicht, dass Dir das Hemd gefällt", sagt Alhagie. "Du würdest es niemals anziehen, hab' ich recht? Alles, was wir hier bekommen, ist Schrott. Alte Klamotten, die komisch aussehen. Aber sie sind billig. Ich habe 1,50 bezahlt oder zwei Euro." Er lacht. Alhagie ist gesprächig. Mit ihm zusammen hängen fünf andere junge Männer vor dem Eingang des Massenflüchtlingslagers Cara di Mineo auf Sizilien herum.

Was haben sie heute gemacht? Sie waren rumlaufen, erzählen sie. Ein bisschen die Hauptstraße auf und ab. Sie warten, ob irgendwas passiert. Vielleicht sammelt sie ein Bauer auf, bei dem sie einen Tag auf dem Feld arbeiten können. Manchmal passiert das. Aber heute wollte sie keiner.

"Mach bloß kein Foto von mir", sagt Alhagie. Freundlich, aber bestimmt. "Wir werden hier ständig gefilmt und fotografiert, und dann sehen wir uns im Fernsehen. Glaub mir, das ist keine Umgebung, in der du gefilmt werden möchtest. So ein furchtbarer Ort!" Alhagie und sein Freund Baba, ein großer, ganz in Orange gekleideter Mann, sind beide aus Gambia geflohen. "Ich hatte ein Problem mit der Regierung", sagt Alhagie. "Weißt Du, in Gambia hast du schnell ein Problem mit der Regierung. Du wählst den falschen Mann, du sagst das Falsche und schon sitzt du im Gefängnis. Manchmal weißt du nicht mal, was du falsch gemacht hast und sie nehmen dich trotzdem fest. Und glaub' mir, im Gefängnis in Gambia überlebst du nicht lange."

Also hat er sich aufgemacht. "Ich habe einen Rucksack mit Kleidern, meinen Papieren und etwas Geld gepackt und bin los. Irgendwen findest du immer, der dich mitnimmt. Mit Lkw habe ich es durch die Wüste geschafft bis Libyen. Dort saß ich fest. Ich habe hier und da kleine Jobs gemacht, um wieder etwas Geld zu bekommen, doch dann wurde ich festgenommen. Sie brachten mich in ein großes Gefängnis, dort haben Baba und ich uns kennengelernt."

Baba konnte fliehen. Der große Mann erzählt mit leiser Stimme: "Reiche Leute, die kleine Jobs zu vergeben haben, sind immer wieder zum Gefängnis gekommen und haben ein paar von uns für einige Tage mitgenommen. Manchmal wurden wir dafür bezahlt, manchmal nicht. An diesem Tag holte mich ein Mann und wollte, dass ich sein Dach decke. Ich habe drei Tage für einen Mann das Dach gedeckt, dann bin ich in einer Pause weggelaufen." Er sei zurück nach Tripolis, habe dort auf verschiedenen Baustellen gearbeitet und Geld gespart – für eine Überfahrt nach Italien. "Wir alle hier sind übers Meer gekommen." Baba hat etwa 700 Dollar bezahlt. Alhagie musste gar nichts bezahlen.

"Ich bin nicht aus dem Gefängnis geflohen. Eines Nachts kamen Soldaten, sie haben uns geweckt und etwa 30 von uns in einen Lastwagen verladen. Wir wussten nicht, wo sie uns hinbringen, ich dachte schon, sie erschießen uns. Dann haben sie uns an den Hafen gefahren. 'Das ist Euer Boot', sagten sie. Wir mussten an Bord gehen." Das Schiff, ein altes Fischerboot, sei völlig überfüllt gewesen. Die Fahrt dauerte fünf Tage, im Oktober 2014 fischte die Küstenwache die Flüchtlinge aus den Gewässern vor der italienischen Küste. Seitdem ist Alhagie in Mineo, hier haben Baba und er sich wieder getroffen.

"Wir dachten, wenn wir einmal übers Meer sind, haben wir es geschafft. Von wegen!" Alhagie wird wütend. "Wie sollen wir denn noch an das Leben glauben, schau doch, wie wir hier gehalten werden." Alles sei besser als ein Leben in Libyen, wirft Baba ein, denn "Libyer respektieren ihre Hunde mehr als uns Schwarze". Aber trotzdem sei der Umgang mit ihnen auch in Italien nicht gerecht. "Ihr Europäer versteht nicht, dass wir nicht kommen, um euch Jobs wegzunehmen", sagt Alhagie. "Wir wollen Euch nicht verdrängen. Wir wollen mit Euch leben. Wir wollen einfach nur ein ruhiges Leben leben. Etwas Geld verdienen, eine Frau finden, Kinder haben."

Baba Fadiga, 24 Jahre alt, aus Mali

Auf der anderen Straßenseite sitzt Baba am Straßenrand und schaut sich meine Kamera an. Er kennt sich gut aus mit Kameras, doch seit er sein Heimatland Mali verlassen hat, bekommt er selten die Gelegenheit, zu fotografieren. "Du weißt doch, was in Mali los ist?", fragt Baba. Er kommt aus Bamako, Fotografieren ist sein Hobby, das wollte er zum Beruf machen. "Ich hatte immer mehr Aufträge, es lief ganz gut." Bis zum Militärputsch im Jahr 2012. Danach wurde alles schwierig. Da sein Vater früh verstorben ist, war Babas Mutter auf die Unterstützung ihres Sohns angewiesen, aber in Bamako konnte er kein Geld mehr verdienen. "Dort herrschte Chaos." Baba beschloss, das Land zu verlassen. "Was sollte ich noch in Mali?"