Die Entscheidung war einstimmig: Die Geschworenen haben Dschochar Zarnajew, einen der Boston-Marathon-Attentäter, zum Tode verurteilt. Das Urteil ist eine schockierende und für die zweitgrößte Demokratie der Welt äußerst beschämende Nachricht.

Man kann es nur als emotionalisierte Reaktion einer noch immer verletzten Nation begreifen, die den gnadenlosen "Krieg gegen den Terror" als eines ihrer obersten Staatsziele ausgerufen hat. Selbstverständlich müssen Terroristen, vor allem im eigenen Land, hart und effizient bekämpft werden, aber maßvolles juristisches und politisches Handeln in Übereinstimmung mit einer Demokratie würdigen Auffassung von Menschenrechten darf trotzdem nicht außer Kraft gesetzt werden.

Die Ungerechtigkeit des Urteils ist auf verschiedenen Ebenen anzusiedeln: Allein dass das Bundesgericht mit der Urteilsfindung beauftragt wurde, ist juristisch als heikel anzusehen. Viele Verbrecher haben in der Vergangenheit explizit zu Gewalt nicht nur gegen Individuen, sondern gegen den amerikanischen Staat und das "System" an sich aufgerufen, Charles Manson beispielsweise. Er ist für den Verlust von weitaus mehr Menschenleben als Zarnajew verantwortlich, wurde aber nicht zum Tode verurteilt. Der hochdekorierte Golfkriegsveteran und Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh wiederum, der im Jahr 1995 168 Menschen in die Luft gesprengt und seine Tat als politisch motiviert betrachtet hat, wurde vom Bundesgericht zum Tode verurteilt und sechs Jahre später hingerichtet.

Die Beurteilung von Verbrechen mutet willkürlich an

Bisher scheint sich keine einheitliche und nachvollziehbare Politik im Bezug auf die Einschaltung des Bundesgerichts durchgesetzt zu haben. Die Beurteilung der gesellschaftspolitischen Tragweite von Verbrechen – und somit der Überantwortung des Prozesses an das Bundesgericht – mutet willkürlich an.

Das Todesurteil gegen Dschochar Zarnajew ist aber vor allem aus Gründen der vollkommen absenten Logik der amerikanischen Gesetzgebung in Bezug auf die Anwendung des Jugendstrafrechts abzulehnen. Zum Tatzeitpunkt war Zarnajew erst 19 Jahre alt. Bei der Planung des Vorhabens war er noch jünger. Das amerikanische Jugendstrafrecht wird oft bis zum Alter von 21 Jahren angewendet. Warum sollten Gewalttaten, deren Motiv politischer Irrsinn und ideologische Verblendung sind, nicht gerade eine Korrelation zum Alter aufweisen? Zarnajew war zum Tatzeitpunkt ein von seinem älteren und dominanten Bruder stark beeinflusster, ideologisch radikalisierter Terrorist im Teenageralter, aber nach allen bisherigen Erkenntnissen der amerikanischen Gerichtspsychiater kein Psychopath, kein Serienkiller.

Allerdings wird das amerikanische Jugendstrafrecht schon seit jeher sehr willkürlich angewendet. So hat Amnesty International im August 2010 die Anwendung des Erwachsenenstrafrechts auf einen Zwölfjährigen im Bundesstaat Pennsylvania kritisiert. Dem Schüler Jordan Brown wurde vorgeworfen, die Geliebte seines Vaters erschossen zu haben. Das Jugendstrafrecht in den USA sieht weder Todesurteile noch lebenslange Haft ohne Bewährung vor. Später wurde noch das Jugendgericht eingeschaltet, doch gibt es seit zwei Jahren juristische Bemühungen, den Fall Brown wieder vor einem Erwachsenengericht zu verhandeln. Der Junge sitzt noch immer im Gefängnis.