Ein ganz normaler Abend am Ufer des Westsees in der Stadt Hangzhou.  Hunderte, nein, Tausende alter Menschen haben sich versammelt und die Uferpromenade in einen riesigen Rentner-Outdoor-Freizeitpark verwandelt. Sie tanzen. Walzer, Foxtrott, Disco, Tango, den sozialistischen Sonnentanz. Sie  haben sich hübsch gemacht, einige kommen gar in aufwändiger Verkleidung. Der ältere Herr etwa, der am Drachentanz teilnimmt, geht als Freudenmädchen der zwanziger Jahre, eine Opiumpfeife zwischen den Lippen.

Sie flirten. Sie singen. Westliche Oper und Peking Oper, Arien, Militärmärsche, chinesische Volksweisen. Dutzende haben Mikrofone und Verstärker mitgebracht, so stehen sie und schreien sich die Seele aus dem Leib im Versuch, die anderen zu übertönen. Es ist ein ohrenbetäubendes Gekrächze, unglaublicher Lärm, alle Beteiligten haben mächtig Spaß.

Es gibt Rentner, die aus Singapur nach China ziehen, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Dort ist die Luft schlechter und das Wasser auch, dafür ist das Leben billiger. Vor allem aber wissen die Alten hier, das Leben zu genießen. Sie bevölkern Parks und öffentliche Plätze, spielen Karten, Mahjong oder Schach, sie tanzen oder machen mysteriöse Gesundheitsübungen.

Die einen praktizieren den Schwerttanz, die anderen das Arbeiter-Kung-Fu, bei dem Fabrikarbeiter ihre Handgriffe zu Selbstverteidigungszwecken umgestalten. Sie nicken 100 Mal am Tag, klatschen 100 Mal in die Hände oder werfen den Unterleib gegen einen Baum, was irgendwie gut fürs Qi sein soll. Die Übungen besonders alt aussehender Menschen finden sofort begeisterte Nachahmer; wenn der das macht und so alt geworden ist, muss es ja was nützen.

Oft trifft man Pensionäre auch bei Ikea. Nicht unbedingt, weil sie etwas kaufen möchten, sie hängen dort ab. Dösen auf Sofas und Matratzen, genießen im brütend heißen Sommer die Kühle vollklimatisierter Räume und gönnen sich hin und wieder eine Portion Köttbullar. Das Restaurant der Filiale in Shanghai verwandelt sich jeden Dienstag in eine Rentner-Singlebörse.

Auf den ersten Blick geht es den Alten in China phantastisch. In der konfuzianischen Kultur genießt der Alte großen Respekt, die Tugend der Kindesliebe verpflichtet Kinder und Enkel, ihre Bedürfnisse denen ihrer Eltern und Großeltern unterzuordnen. Die 24 Klassiker der kindlichen Pietät verklären dieses Ideal: Da ist der Junge, der sich nackt vor das Bett der Eltern legt, damit die Moskitos ihn stechen und seine Eltern verschonen. Ein anderer probiert den Stuhlgang seines Vaters, um zu erfahren, an welcher Krankheit er leidet. Ein dritter verkauft sich selbst als Sklave, um das Begräbnis seines Vaters zu finanzieren. 

Im maoistischen China waren konfuzianische Werte verpönt, heute werden sie  mancherorts wieder gefeiert. Es gibt konfuzianische Schulen, an denen die Lehre des Meisters gelehrt wird, an einigen waschen die Schüler an sogenannten Fußwaschtagen öffentlich die Füße ihrer Mütter. 

Das sind zwar Ausnahmen, doch chinesische Kinder lehnen sich sehr viel seltener gegen ihre Eltern auf als im Westen. Und Kind bleibt man ein Leben lang. Egal ob es um Partnerwahl, Immobilienkauf oder Kindeserziehung geht: Oft reden die Eltern und Großeltern mit.