Beim Häuptling von Sawré Muybu beginnt am späten Nachmittag die Mückenbekämpfung. Frauen zünden ein Feuer aus nassen Holzscheiten an, der Rauch verteilt sich in die Winkel der Holz- und Palmblatthütte. Aber irgendwie führt das nur dazu, dass alle sich die Augen reiben und trotzdem weiter klatschend auf Arme und Beine schlagen. Die Luft ist voller Insekten und regenschwer. Man reicht uns Kaffee von der Feuerstelle, an den Fenstern steht das halbe Dorf und blickt neugierig herein.

Nach Sawré Muybu kommt man, wenn man den "Tunnel des Infernos" meistert: eine Serie von Stromschnellen am oberen Lauf des Tapajós, das ist ein mächtiger Nebenarm des Amazonas. Nur eine Handvoll erfahrener Bootsleute traut sich diese Fahrt zu. Aber die Stromschnellen sollen demnächst verschwinden, und auch das Indianerdorf Sawré Muybu. Die brasilianische Regierung will hier einen gigantischen Staudamm errichten und eines der größten Wasserkraftwerke des Landes. "Wir haben uns an die Indianerschutzbehörde gewandt", sagt Antônio Dace Munduruku, ein junger Mann mit hochgebürsteten dichten schwarzen Haaren, der vom Häuptling für das Gespräch mit den Besuchern abgestellt wurde. "Aber die Indianerschutzbehörde hat uns gesagt, dass sie nicht so viel Macht hat wie die Regierung."

Die Munduruku sind ein Kriegerstamm von 13.000 Menschen, der sich über die Jahrhunderte entlang der Ufer des Tapajós-Flusses ausgebreitet hat; eine rauflustige Kultur, die manch schwächeren Stamm auf dem Gewissen hat und Auseinandersetzungen mit den Weißen nicht scheut. In einer Nachbarortschaft setzten die Munduruku eine Gruppe von Biologen fest, die Umweltverträglichkeitsprüfungen für den geplanten Staudamm machten, sie sperrten sie tagelang in einen Käfig und bauten einen Scheiterhaufen, um sie zu verbrennen. Nach Verhandlungen mit der Regierung kamen die Biologen schließlich wieder frei.

Ein Boot auf dem Tapajó, einem Nebefluss des Amazonas © Thomas Fischermann

Man erzählt hier auch gerne die Geschichte, wie die Munduruku früher ihre Grenzen mit Holzpfählen markierten, auf denen die Köpfe ihrer Feinde stecken. Und Antônio Dace erläutert sachverständig, dass ein Pfeil zwar nicht so weit fliegen könne wie das Geschoss eines Maschinengewehrs, dass es aber trotzdem sinnvoll sein könne, Pfeil und Bogen einzusetzen. Die brasilianische Regierung wolle keinesfalls Fernsehbilder von halbbekleideten Ureinwohnern, die mit primitiven Waffen gegen gepanzerte Soldaten kämpfen.

Es ist eine eigenartige Auseinandersetzung. Auf der einen Seite fürchten die Munduruku aus Sawré Muybu – rund 700 Eingeborene wohnen in der Gegend – tatsächlich, dass mit dem Staudamm ihre alte Lebensweise untergeht: "Viele Menschen hier leben von nichts als von diesem Fluss, wir fischen und jagen", sagt Antônio Dace. "Die Regierung könnte uns alles Geld der Welt anbieten und uns in die Stadt schicken, das ist für uns keine Kompensation. In der Stadt verlieren wir unsere Wurzeln, unsere Sprache und unsere Bräuche und unseren Stolz, ein Indio zu sein. Unsere Seelen werden krank."