Am Abend gegen 20 Uhr, wenn Reynier Prieto Diaz von der Arbeit nach Hause kommt, schlüpft er in einen hellblauen Overall. Er schließt die Tür seiner Garage auf, lässt die stickige Luft durch das Fenster hinaus und wirft den kleinen Elektromotor auf der Werkbank an. Diaz arbeitet, wie fast alle Kubaner, tagsüber bei einem kubanischen Staatsbetrieb: Er kellnert in einem Hotel in der Innenstadt, was ihm monatlich bis zu 16 Euro Gehalt einbringt plus Trinkgeld. Aber er hat noch einen zweiten, besser bezahlten Job – hier, in der Garage.

Diaz gehört zu den wenigen Experten in Havanna, die Ersatzteile für amerikanische Schlitten aus den Fünfziger Jahren herstellen können. Kubas Straßen sind voll davon: Old Plymouth, Chevrolet, Oldsmobile, Ford und so weiter. Die Besitzer pflegen ihre Fahrzeuge seit Jahrzehnten, nicht aus Nostalgie, sondern aus Notwendigkeit, und sie brauchen Ersatzteile, die von den Herstellern nicht mehr zu beschaffen sind. Einige dieser Hersteller gibt es ja nicht mal mehr. "Die Gummiteile gehen besonders häufig kaputt", sagt Diaz, "sie sind Verschleißmaterial."

Diaz macht Gummiteile. Dichtungsringe, Verschlusskappen, Pfropfen. Er verkauft sie für umgerechnet 50 bis 80 Eurocent das Stück, und die Masse macht’s. Nun ist frisches Gummi in Havanna leider auch nur schwer zu finden, deshalb lässt Diaz sich alte Lastwagenreifen liefern und schneidet mit einem großen Messer Stücke heraus. Die schwarzen Brocken spannt er an seiner Werkbank ein und fräst und schleift drauf los. "Gerade bei den kleinen Ringen kann man noch so genau messen – manchmal passen sie trotzdem nicht. Ich musste im Laufe der Zeit ein Gefühl dafür bekommen. Ich halte sie in der Hand, wiege sie, schaue hindurch. Irgendwann weiß ich dann, was funktionieren wird und was nicht". Diaz hat das Fräsen von Gummiteilen bei seinem Großvater gelernt, der die Garage vor Jahrzehnten eingerichtet hat. "Erst hatte mein Bruder das Geschäft übernommen", sagt Diaz. "Aber der ist in den achtziger Jahren, mit der großen Flüchtlingswelle, aus Kuba weggegangen."