Nadia Bolz-Weber zieht viele Blicke auf sich. Die evangelisch-lutherische Pastorin aus Denver/Colorado ist am ganzen Körper tätowiert. Auf dem evangelischen Kirchentag in Stuttgart musterten sie Teilnehmer zum Teil mit skeptischem Blick. Hierzulande ist sie noch nicht besonders bekannt, in den Staaten ist die eigenwillige Pfarrerin dagegen ein Star. Ihr Buch "Pastrix – der verrückte, schöne Glaube einer Sünderin und Gerechten" schaffte es auf die Bestsellerliste der "New York Times". Es ist jetzt auch auf Deutsch erschienen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das "Pastrix" im Titel Ihres Buchs?

Nadia Bolz-Weber: Das ist ein erfundenes Wort, mit dem mich Leute beleidigen wollten, die finden, dass Frauen keine Pastoren sein sollten. Sie schrieben Scheiße über mich im Internet und sie nannten mich "Pastrix", um mich zu beleidigen. Deshalb habe es als Titel für meine Memoiren ausgesucht.

ZEIT ONLINE: Sie sehen nicht aus, wie man sich eine Pastorin vorstellt. Sollte es mehr Pastorinnen wie Sie geben?

Bolz-Weber: Es sollte mehr Pastoren geben, die die Vielfalt der Menschen widerspiegeln. Wir brauchen nicht mehr tätowierte Pfarrerinnen. Wir brauchen welche, die Leute repräsentieren, die in der Kirche fehlen. Ich tue nichts anderes, als meine Leute zu repräsentieren.

ZEIT ONLINE: Wer sind Ihre Leute?

Bolz-Weber: Die meisten sind urbane, postmoderne Menschen, die in der Gesellschaft anecken. Sie durchschauen sehr schnell, wenn du Mist erzählst und sind Institutionen gegenüber sehr skeptisch. In erster Linie aber sind wir einfach Leute, die sich um Wort und Sakrament und um die Geschichte und den Tisch Jesu herum versammeln.

ZEIT ONLINE: Das klingt sehr alt.

Bolz-Weber: Ich weiß, das klingt verrückt, aber wir sind sehr traditionell. Man muss tief verwurzelt sein in der Tradition, wenn man innovativ sein will. Was wir tun, ist nicht neu. Wie wir es tun, ist neu. Christen haben sich schon immer versammelt, um die Geschichte von Jesus zu hören, um das Brot des Lebens hochzuhalten und zu sagen: Das ist der Leib Christi – für dich. Das ist es, was wir auch in unserer Kirche "Haus für alle Sünder und Gerechten" tun.

ZEIT ONLINE: Verstehen moderne Menschen das?

Bolz-Weber: Kirche muss seltsam sein. Wir verzichten nicht auf die alten Worte, aber wir versuchen sie immer zu erklären. Liturgie, dieses alte Wort, meint die Arbeit der Menschen. Leider ist Liturgie aber in den meisten Kirchen die Arbeit des Pastors allein. In unserer Kirche ist das anders.

ZEIT ONLINE: Trotzdem nehmen Sie eine zentrale Rolle im Gottesdienst ein.

Bolz-Weber: Ich trage einen Talar, ja. Aber ich habe nicht deshalb Autorität, weil ich Theologie studiert habe, ordiniert bin oder ein Bischof mich geschickt hat. Ich habe Autorität, weil ich eine stimmige Person bin. Ich bin transparent, ehrlich und ich gebe nie vor, jemand anderes zu sein. Die Leute geben mir Autorität, weil ich bereit bin, so viel wie möglich davon abzugeben. Wenn jemand in unseren Gottesdienst kommt, ist die erste Frage: Willst du ein Element davon übernehmen? Du kannst das Abendmahl austeilen, obwohl es vielleicht der erste Gottesdienst deines Lebens ist.

ZEIT ONLINE: Jeder darf in ihrer Gemeinde das Abendmahl austeilen?

Bolz-Weber: Ich spreche die Einsetzungsworte, aber alle können austeilen. Und alle können die Kommunion empfangen. Es gibt keine Voraussetzungen.

ZEIT ONLINE: Sie sind in den USA eine Art Star. Werden Sie auf der Straße erkannt?

Bolz-Weber: Überall.

ZEIT ONLINE: Ist es möglich, gleichzeitig ein Star und eine Pastorin zu sein?

Bolz-Weber: (lacht) Nein, das ergibt keinen Sinn. Es ist total verrückt und nicht gerade einfach, kein Arschloch zu werden. Manche Leute glauben, ich sei gar keine Pastorin mehr, seit ich berühmt bin. Sie sagen, ich würde nur noch schreiben und reden. Aber worüber verdammt sollte ich schreiben und reden, wenn ich das einzige aufgebe, was ich bin: eine Pastorin.

ZEIT ONLINE: Aber warum sind Sie nicht einfach Pastorin, ohne darüber zu schreiben?

Bolz-Weber: Tja, es fühlt sich an wie Bestimmung. Leute bezahlen mich dafür, dass ich ich bin. Sie wollen hören, was ich zu sagen habe. Und ich werde immer dasselbe sagen, egal ob auf dem Kirchentag oder in meiner Gemeinde.

ZEIT ONLINE: Geht es vielleicht gar nicht um das, was sie schreiben, sondern vielmehr um ihr Aussehen?

Bolz-Weber: Es ist wohl eine Kombination aus beidem. Ich habe mit dem, was ich tue und wie ich bin, den Zeitgeist getroffen. Vor fünf Jahren oder in fünf Jahren hätte sich vielleicht niemand für mich interessiert.